An eine Situation aus ihren frühen Berufsjahren als Anwältin kann sich Sonja Venger noch gut erinnern. Die heute 44-Jährige arbeitete damals in einer Münchner Großkanzlei, Schwerpunkt Immobilienrecht. Die Mandanten, gesetzte Herren aus einer Vorstandsetage, wollten einen Vertrag prüfen lassen, nahmen schon mal Platz. Die promovierte Anwältin begrüßte die Herren freundlich, wollte gerade loslegen. Da fragte einer: „Und wann kommt jetzt der Anwalt?“

Verstohlene Blicke auf die Visitenkarte

Eine Situation, über die Venger heute laut lachen kann. Und die trotzdem bezeichnend ist für das, was Frauen in männlich geprägten Berufen – insbesondere in Führungspositionen – noch heute immer wieder erleben. „Heute bin ich älter, da traut sich das keiner mehr“, sagt die Häflerin. Und trotzdem seien sie noch da, die verstohlenen Blicke auf die Visitenkarte beim ersten Kennenlernen:

„Ich sehe oft, was sich da in den Köpfen abspielt: Das ist jetzt also der Anwalt, der unseren Deal im Immobiliengeschäft abwickeln soll? Eine Frau?“

Ihre Mandanten, Fondverwalter, Projektleiter, Manager, Vorstände, Investoren, sind nahezu ausschließlich männlich. Die Branche ist ein hart umkämpftes Feld und Frauen treten da eher im Hintergrund auf. Vengers Job: Sie prüft, ändert und erstellt Kaufverträge, spricht mit Banken, führt Vertragsverhandlungen bei Transaktionen. Es geht um Geld, viel Geld.

Ihr Lebenslauf lässt Personalerherzen höher schlagen

Abi in Friedrichshafen, soziales Jahr in Stuttgart, Jura-Studium in Konstanz, Promotion in Familienrecht, Referendariat in Lübeck, Praktika in Toronto, Hamburg und Kiel, dann der erste Job in einer Münchner Großkanzlei – der Lebenslauf von Sonja Venger lässt Personalerherzen höher schlagen. Eine ehrgeizige junge Frau, die trotz vieler Hürden das Treppchen nach und nach höher steigt.

Die Häflerin spezialisiert sich auf Immobilienrecht und Erneuerbare Energien, wechselt die Kanzlei, wird Senior Associate – und gründet 2010 gemeinsam mit zehn Partnern, darunter eine weitere Frau, eine eigene Kanzlei.

„Wir wollten alle nicht den steifen Anwalt leben, der den Dresscode einhält und stets erreichbar ist, denn so waren wir nicht.“

Im Mittelpunkt standen Themen wie Work-Life-Balance, Familie und Beruf. „Meine Partner hatten damals fast alle schon Familie“, sagt die 44-Jährige, „und wir sind davon überzeugt, dass man gute, anspruchsvolle Mandante haben – und trotzdem ein halbwegs ausgeglichenes Familienleben führen kann.“

Sie heiratet ihrer Jugendliebe, einen Obstbauern vom Bodensee

Wie wichtig die Entscheidung der Ausgründung für sie selbst mal sein würde, konnte Venger zu diesem Zeitpunkt nur erahnen: Sie hatte zwar noch keine Kinder, war aber bereits mit ihrer Jugendliebe, einem Obstbauern, verheiratet und lebte zumindest am Wochenende mit ihm auf dem heimischen Hof in Fischbach.

Eine Frau als Kanzleipartnerin? Ein Experiment für manche Herren

„Ich überlegte immer wieder an den See zu ziehen“, erinnert sich die Anwältin. Einmal stellte sie sich in einer hiesigen Kanzlei als potentielle Partnerin vor. „Man sagte mir, dass man sich das Experiment vorstellen könnte“, berichtet Venger, „Experiment deshalb, weil ich die erste Frau gewesen wäre.“

Doch darauf hatte die Anwältin keine Lust, schließlich hatte sie sich bereits viele Jahre lang schon bewiesen, sich hochgearbeitet, etwas aufgebaut. Sie blieb in München, wo sie unter der Woche lebte und kam am Wochenende nachhause.

2012 kommt das Baby – und nun?

Das änderte sich 2012 mit der Geburt ihres Sohnes. Doch wie sollte das künftig funktionieren? Ein Baby in Friedrichshafen, eine Kanzlei in München? Für viele in ihrem Umfeld sei klar gewesen, wie ihr Leben weiter zu laufen habe, sagt Venger. Kinder, Obsthof, Ferienwohnungen bewirtschaften – es gab ja genug zu tun.

Freizeit? Hat die zweifache Mutter und Anwältin Sonja Venger kaum. Doch wenn sie mal Zeit für sich hat, verbringt sie die am liebsten mit ihren Pferden beim Reiten. "So alle sechs Wochen klappt das mal", sagt sie.
Freizeit? Hat die zweifache Mutter und Anwältin Sonja Venger kaum. Doch wenn sie mal Zeit für sich hat, verbringt sie die am liebsten mit ihren Pferden beim Reiten. "So alle sechs Wochen klappt das mal", sagt sie. | Bild: Sonja Venger

Doch Sonja Venger plante anderes. „Bereits während meiner Schwangerschaft arbeitete ich einen jungen Kollegen ein, der mich während meiner sechsmonatigen Elternzeit nach außen vertreten sollte“, erklärt sie. Die Wohnung in München kündigte sie, stattdessen richtete sie ein Büro auf dem Hof ein. Und suchte eine Tagesmutter.

„Das war die größte Hürde, die ich überhaupt hatte.“

Dann lernte sie Heidi, eine Freundin ihres Bruders und sehr erfahrene Tagesmutter, kennen. „Sie wurde zur zweiten Mutter meiner Kinder“, sagt Venger. Ihre eigene Mutter und Heidi hüteten den kleinen Sohn zuhause, als Venger nach sechs Monaten wieder im Home-Office startete.

Wenn der Bub Hunger hatte, kam Venger zum Stillen

Hatte er Hunger, klingelten sie schnell durch, damit die Mutter zum Stillen kommen konnte. Zunächst fuhr sie nur einmal die Woche nach München, später zwei Tage. Zwei Tage München, den Rest der Woche Home-Office in Fischbach – so ging es auch nach der Elternzeit der 2014 geborenen Tochter weiter.

45 bis 50 Wochenstunden Arbeit sind normal

Ein Modell, das ihr Umfeld mit einer Mischung aus Erstaunen, Missbilligung, aber auch Bewunderung aufnimmt. Kritik sei nicht ausgeblieben, vor allem von anderen Frauen.

„Sätze wie: ‚Man kriegt doch keine Kinder, um sie dann so früh wegzugeben’ oder ‚wir haben das Glück und betreuen unsere Kinder nur selbst’ schmerzen sehr. Mir war es immer wichtig, selbstständig und finanziell unabhängig zu sein.“

Und so pendelt sie seit 2012 nicht nur zwischen Fischbach und München, sondern auch zwischen zwei Welten, wie sie verschiedener nicht sein könnten.

Eine Mischung aus Bullerbü und harter Vollerwerbslandwirtschaft

Die beiden Kinder, heute vier und sechs Jahre alt, wachsen auf dem Obsthof auf, eine Mischung aus Bullerbü und harter Vollerwerbslandwirtschaft.

„Mein Mann unterstützt mich, so gut es geht.“

Doch sein Beruf sei nicht planbar, schließlich richtet sich die Natur nicht nach Telefonkonferenzen oder Verhandlungen. Oft müsse er spätabends nochmal raus, um die Obstanlagen zu versorgen, so Venger. Sie musste sich also ein größeres Netzwerk aufbauen, damit die Alltagsorganisation funktioniert.

„Jeder, der Kinder hat, weiss aber: Man kann sich tot organisieren und dann gibt es eine kleine Überraschung, beispielsweise ein krankes Kind oder eine kranke Betreuungsperson, und schon fällt das Kartenhaus zusammen.“

Wenn es passiert, dann helfe nur noch Gelassenheit.

Ein Modell, das nur mit viel Unterstützung funktioniert

Für sie steht fest: Ohne die Unterstützung ihrer Familie und Heidi würde dieses Modell nicht funktionieren. Auch ohne den Schritt in die Selbstständigkeit hätte die Anwältin ihren Plan, nicht nur das Unternehmen Familie, sondern auch ein Wirtschaftsunternehmen zu führen, nicht umsetzen können. Im Angestelltenverhältnis sei so viel Freiheit selten.

„Ich würde mir so sehr wünschen, dass man es Frauen grundsätzlich und stressfrei ermöglicht, in den Beruf zurückzukehren, wenn sie das möchten.“

Qualitative Kinderbetreuung, flexible Kita-Öffnungszeiten, mehr Wertschätzung für Erzieherinnen – dafür setzt sie sich auch als Elternbeirätin ein. „Wir Frauen stellen uns noch viel zu oft hinten an“, sagt sie, „doch es gibt nur einen, der für dich spricht und entscheidet, und das bist du selbst.“

Wie die Serie entstand

Wir. Frauen ist eine Reihe von Portraits über Frauen, die mitten im Leben stehen. In unserer redaktionellen Arbeit begegnen uns sehr häufig männliche Gesprächspartner. Männer besetzen den Großteil der Führungspositionen in Unternehmen, beim Staat, in unserer Stadt. Sie bilden die Mehrheit in den politischen Gremien. Und sie treten somit auch häufiger in die Öffentlichkeit. Wir zeigen Frauen, die sich vor allem im Hintergrund halten. Frauen, die tagtäglich Großartiges leisten – als Managerinnen, als Selbstständige, als Mütter, als Pflegerinnen – und nicht selten sind sie sogar alles auf einmal. Wir zeigen alle Facetten des Frau-Seins – und zwar abseits der üblichen Stereotype. Denn zur Identität eines Menschens gehört natürlich weit mehr als nur das Geschlecht. Und trotzdem gibt es, das haben die Debatten über Feminismus und #metoo sehr deutlich gezeigt, ein großes Bedürfnis in der Gesellschaft nach starken, weiblichen Stimmen. Wir lassen diese Frauen sprechen.

Wenn auch Sie eine Frau kennen, über die wir unbedingt mal berichten sollten, schreiben Sie uns an: sabine.wienrich@suedkurier.de