Erec Brehmer heißt der Gewinner beider Preise im Wettbewerb um den besten Kurzfilm bei den Friedrichshafener Filmtagen "Jetzt oder nie". Sowohl der Publikumspreis als auch der Jurypreis gingen an den Autor und Regisseur von "Voicemail". Es ist ein halbstündiger Film über das Verschwinden eines Mädchens und die Rolle der Presse, ihrer Methoden und Mittel bei der Suche nach Schlagzeilen und Wahrheit.

Die Älteren unter uns mag die Thematik an "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" erinnern. Tatsächlich basiert der Film auf einer wahren Geschichte, die als "News of the World-Skandal" 2011 bekannt wurde. Stefan Färber, Familienvater und Jungredakteur, will und muss sich am neuen Arbeitsplatz beweisen. Alle Mittel scheinen gerechtfertigt, wenn das Ergebnis die Schlagzeile auf Seite eins ist und im besten Fall der Wahrheit entspricht, aber auch vermeintliche Wahrheit erschafft. "Voicemail" ist jede Sekunde Hochspannung mit tollen Schauspielern, Einstellungen, Dialogen.

In der Publikumsfragerunde erzählt Brehmer von den zehntägigen Dreharbeiten, bei denen alle Mitwirkenden kostenlos arbeiteten, auch die beiden Hauptdarsteller Constantin von Jascheroff und Milena Dreißig. Matthias Lenz, Vorstand der ZF-Kulturstifung, übergab den mit 500 Euro dotierten Publikumspreis für den "eindeutigen Lieblingsfilm" der Zuschauer und von der Fachjury gab es 1500 Euro, die von der Stadt Friedrichshafen und dem baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gestiftet wurden.

Vier Stunden haben die Filmprofis Senta van de Weetering, Lukas Baier, Bernhard Hentschel und Sebastian B. Voss diskutiert, bis sie den Siegerfilm kürten. In ihrer Begründung würdigten sie neben den thematisierten "ethisch-moralischen Dilemmata" insbesondere "das herausragende Drehbuch mit exakt gesetzten Dialogen" sowie die "großartige schauspielerische Leistung" und die einfühlsame, sehr berührende Inszenierung. Ihr Verweis, dass sie gerne alle fünfzehn an diesem Tag gezeigten und von den Veranstaltern unter 200 vorausgewählten Filmen ausgezeichnet hätten, nimmt man den Juroren sofort ab.

In drei einstündigen Blöcken wurden jeweils fünf Filme zwischen vier und 29 Minuten gezeigt. Jeder von ihnen entführte in einen eigenen Kosmos. In Block 2 zeigt "Rose" klaustrophobische Enge, Einsamkeit und handfest werdende strukturelle Gewalt. Ulrike Folkerts spielt die Rolle einer Gefängniswärterin, die manipulativ und übergriffig eine aus der Haft entlassene Frau in ihrer Wohnung einsperrt. "Die Randgruppe" ist eine höchst makabre schwarze Komödie, bei der sich mehrere Lebensmüde auf einem Dach treffen und dank eines handfest zulangenden Hausmeisters ihre Vorhaben umsetzen. "Jungwild" thematisiert einen Generationenkonflikt nach alpenländischer Manier mit Vater und Sohn auf dem Hochsitz und einem verständnisvollen Missverständnis am Schluss. "Ayny – My Second Eye" heißt ein poetischer Animationsfilm über zwei dem Krieg entflohener Brüder, deren Mutter sie nicht vor traumatischen Erfahrungen schützen kann. "Mein Freund der Deutsche" nimmt eine witzige Perspektive auf die Gastarbeiterwerbung der 60er Jahre ein. Denn eigentlich möchte der Türke abgeschoben werden, aber das Arbeitsamt macht dabei nicht mit.

In Block 3 folgt "Voicemail" und gleich darauf "Mazier", ein animierter Dokumentarfilm von Anja Großwig, deren aquarellartige Bilder den Fluchtbericht von Mazier untermalen. Großwig bezeichnet den Film als Symbiose aus der dokumentierten und ihrer eigenen Geschichte, mit der sie sich selbst Mut in einer schwierigen Lebensphase machte. Lachtränen gab's danach beim Beitrag "Our wonderful nature – The Common Chamäleon", der sich mit den Essgewohnheiten oder besser gesagt: der Verfressenheit des Anpassungskünstlers befasst. "Us Against The World" zeigt die Grenzen einer Freundschaft, wenn zwei Männer einander als Todeskandidat und Gefängniswärter gegenüberstehen. "Wo warst du" beschließt den Filmmarathon mit der bedrückenden Geschichte eines Siebenjährigen, dem ein Zauberkünstler zur Lösung seines Problems verhilft.