Die letzten Sonnenstrahlen fallen auf das Gebäude, das in wenigen Wochen nicht mehr stehen wird. Leer ist die alte Stadtkasse, die zuletzt Herberge des Familientreffs war; der Eingangsbereich ist verrammelt. Drinnen läuft der Abriss bereits, wie durch die Fensterscheiben unschwer zu erkennen ist. In großen weißen Säcken wird der Bauschutt gesammelt. Wann die Bagger ihre Zähne in die Mauern beißen werden, weiß keiner der Aktivisten des Netzwerks für Friedrichshafen, die draußen vor dem Haus stehen – neugierig beäugt von drei Wachleuten, die vor den Bauzäunen direkt daneben Position bezogen haben.

Es ist eine ungewöhnliche Aktion, mit der das Netzwerk Abschied von einem der ältesten Gebäude in der Friedrichstraße nehmen und so ein Stück weit seinen letzten Protest gegen den Abriss formulieren will. Mitten auf dem Bürgersteig steht ein Tisch, darauf ein Kranz und eine Laterne, in der eine Kerze flackert. Das Trauer-Szenario komplettiert ein Kondolenzbuch. Hier konnte sich am frühen Donnerstagabend jeder, der wollte, mit seinem Eintrag vom Gebäude verabschieden. Nach einer Stunde waren drei Seiten vollgeschrieben.

Trauer um die Stadtkasse: Auch Stadtführerin Ingrid Kunze unterschrieb im Kondolenzbuch. Philipp Fuhrmann und das Netzwerk für Friedrichshafen wollten mit der ungewöhnlichen Aktion zum letzten Mal gegen den bevorstehenden Abriss protestieren.
Trauer um die Stadtkasse: Auch Stadtführerin Ingrid Kunze unterschrieb im Kondolenzbuch. Philipp Fuhrmann und das Netzwerk für Friedrichshafen wollten mit der ungewöhnlichen Aktion zum letzten Mal gegen den bevorstehenden Abriss protestieren. | Bild: Katy Cuko

„Ich bin überaus betroffen über den Abriss der alten, ehrwürdigen Bausubstanz in Friedrichshafen“, hat Ingrid Kunze als eine der Ersten notiert. Sie ist seit rund 15 Jahren Stadtführerin, kennt sich gut aus mit Friedrichshafen und seiner Geschichte. 1932 wurde das Haus an dieser prominenten Stelle gebaut. 2018 muss es „einem gesichtslosen Betonklotz“ weichen, sagt sie. Das Grundstück hat die Stadt an die Firma Junker-Wohnbau verkauft, „zum Verkehrswert, ohne weitere Kaufinteressenten zu berücksichtigen“, sagt Netzwerk-Anführer Philipp Fuhrmann. Für ihn verschwindet mit der alten Stadtkasse wieder ein historisches Zeugnis der Stadtgeschichte, obwohl die Bausubstanz noch völlig intakt sei.

Immer wieder bleiben Menschen stehen, tragen sich ins Kondolenzbuch ein. So wie Herbert Burkhardt, der 32 Jahre in diesem Haus gearbeitet hat. „Schade“ ist das meistbenutzte Wort. Bitter ist der bevorstehende Abriss auch für Roland Hecht, der während des letzten Kriegs in Friedrichshafen geboren wurde. „Zweite Zerstörung“ nennt er das, was zugunsten moderner Neubauten mit der nach dem Krieg übrig gebliebenen historischen Bausubstanz in Friedrichshafen passiert.