Fragt man Patrizia Pinos-Schwarzott nach ihrem größten modischen Fauxpas, muss sie lange nachdenken. "Vielleicht Bomberjacke und Karottenhosen?", sagt sie lachend, "Mitte, Ende 1990er-Jahre als Teenager." Das ist lange her. Heute hat die 37-Jährige einen weniger auffälligen Look: schwarzer Kaschmir-Pullover, schmaler Rock, Leggings, Lackschuhe. Dazu ein roter Schal als Akzent und der passende Lippenstift. Elegant, feminin und seriös. Eben so, wie eine Geschäftsfrau aussehen muss, die andere Frauen gut anzieht.

 

Feierabend hat Patrizia Pinos-Schwarzott meist erst spätabends. Dafür gönnt sie sich in den Ferien und am Wochenende Familienzeit, zum Beispiel beim Skifahren. Bild: Privat
Feierabend hat Patrizia Pinos-Schwarzott meist erst spätabends. Dafür gönnt sie sich in den Ferien und am Wochenende Familienzeit, zum Beispiel beim Skifahren. | Bild: Patrizia Pinos

Dabei ist die 37-Jährige eine echte Selfmade-Unternehmerin. Bereits als kleines Mädchen half die Tochter eines italienischen Gastarbeiters am liebsten im elterlichen Geschäft mit. Der Vater, Duilio Pinos, lernte zunächst den Dreherberuf bei MTU, machte sich dann aber 1971 mit einem italienischen Modegeschäft in der Riedleparkstraße selbstständig. Einige Jahre später hatte er gemeinsam mit seiner Frau bereits drei Boutiquen in der Häfler Innenstadt, wo das Paar die angesagteste Mode des Heimatlandes an die schwäbischen Kundinnen brachte.

Sie lernte das Modebusiness von der Pike auf

Farben, Schnitte, Stoffe, Schuhe und die Beratung der Frauen – das faszinierte "Dizi", wie Patrizia Pinos-Schwarzott von Freunden genannt wird, schon als Schülerin. Nach und nach lernte sie, wie das Modebusiness funktioniert.

Hoher Frauenanteil

Rund 75 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in Verkaufsberufen sind Frauen. Hinzu kommen viele Mini-Jobberinnen. Jobs, die aufgrund des Internethandels und Strukturwandels immer mehr verschwinden.

"Da war beispielsweise Frau Molt, eine Verkäuferin der alten Schule. Sie hat den Umgang mit den Kundinnen perfekt beherrscht und ich konnte mir viel abschauen." Ihr Vater habe sie zudem kaufmännische Kalkulation und Personalführung gelehrt. Ihre Mutter habe ihr alles rund um das Thema Einkauf beigebracht. "Von ihr habe ich die Feinheiten, unter anderem über Farben und Schnitte, gelernt", sagt Pinos-Schwarzott.

Viele Chefinnen

Laut dem Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung sind überdurchschnittliche viele Führungspositionen im Einzelhandel mit Frauen besetzt (38 Prozent). In anderen Branchen seien es lediglich 25 Prozent der Positionen.

Direkt ins Geschäft – ohne Lehre

Nach der Mittleren Reife stand für die damals 17-Jährige fest: Sie wollte direkt ins Geschäft einsteigen – und zwar ohne Lehre. "Ich bin ein sehr praktisch veranlagter Mensch", sagt die Unternehmerin heute, "und ich wollte einfach anpacken, arbeiten, gestalten."

Ihre Rechnung ging auf: wenige Jahre später, 2006, übernahm die Autodidaktin den kleineren Laden in der Karlstraße 17 und taufte ihn "Dizi". Sie renovierte, dekorierte, kaufte selbst Ware ein und setze eigene modische Akzente. "Mit der Übernahme des Ladens änderte sich mein Leben nochmal komplett", sagt sie, "das war eine riesengroße Verantwortung und mein Bewusstsein für Geld und Finanzen änderte sich."

Von einem auf den anderen Tag Mutter

Drei Jahre habe sie erstmal durchgearbeitet – ohne einen Tag Urlaub. Dann lernte sie mit 27 ihren heutigen Mann Peter Schwarzott, Zahnarzt mit eigener Praxis in Kluftern, kennen. Er war Witwer, hatte bereits zwei Kinder im Schulalter. Patrizia Pinos-Schwarzott wurde von einem auf den anderen Tag "Mutter von zwei Kindern", wie sie selbst sagt.

Abends wartete bereits jemand

Sie zog nach Kluftern, kümmerte sich um Haushalt, Einkäufe und Essen. Und wenn sie abends nach der Arbeit nachhause kam, wartete jemand bereits auf sie. Eine Erfahrung, die die junge Frau stark prägte. "Mein Mann musste mir erstmal beibringen, dass man auch als Selbstständiger Freizeit und Urlaub braucht", sagt die 37-Jährige. Vor allem, wenn man eine Familie und ein Geschäft gleichzeitig managt.

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"Ich wollte immer auch ein eigenes Kind haben"

Wie wichtig es ist, auch mal Verantwortung abzugeben, sich Hilfe zu holen, weiß Patrizia Pinos-Schwarzott vor allem seit der Geburt ihres Sohnes im Jahr 2016. Damit ging ein Herzenswunsch in Erfüllung. "Für mich stand es nie zur Diskussion, dass ich die zwei Kinder mit aufziehe, aber ich wollte immer auch ein eigenes Kind haben", sagt die dreifache Mutter. Und obwohl sie zu dem Zeitpunkt bereits Erfahrung mit Teenagern hatte, war die Babyzeit mit dem Sohn noch mal ganz anders. Bereits kurze Zeit nach der Geburt kehrte sie zurück ins Modegeschäft. "Das Baby kam mit und hat im Geschäft geschlafen", erklärt Pinos-Schwarzott, "später, als es mobiler und wacher wurde, habe ich mehr Mitarbeiter eingestellt." So musste die Chefin zwar weniger im Laden präsent sein, Buchhaltung, Einkauf, Dekoration und Personalführung hingen jedoch trotzdem an ihr.

Ein Leben als Hausfrau und Zahnarzt-Gattin? Kommt für Pinos nicht in Frage

Die Selbstständigkeit aufzugeben und als Hausfrau und Zahnarzt-Gattin zu leben – das kam für die Neu-Kluftenerin nicht in Frage: "Das macht mich nicht zufrieden, ich habe einfach Hummeln im Hintern." Seit der Sohn in die Kita geht, sei es auch wieder einfacher geworden, Arbeit und Familienleben zu vereinbaren. "Für mich steht unser Sohn immer an allererster Stelle", sagt Patrizia Pinos-Schwarzott, "hätte es ihm nicht so sehr gefallen in der Kita, hätte ich es anders organisiert." Zweimal die Woche holt der Papa den Zweieinhalbjährigen ab, außerdem springen Oma und Opa regelmäßig ein.

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Dank des familiären Netzwerks funktioniert der schwierige Spagat zwischen Familie und Beruf bei Pinos-Schwarzott gut. Im Januar 2018 übernahm die 37-Jährige zusätzlich das Modegeschäft des Vaters in der Goldschmiedstraße. "Das geht nur, weil er mir weiter hilft und oft seinen Enkel oft hütet", sagt sie. Und dennoch: Vieles, wie beispielsweise der Einkauf der Mode, funktioniert mittlerweile nur noch spontan. "Ich plane nur von einem auf den anderen Tag", sagt Pinos-Schwarzott, "geht es dem Kind gut und ist es betreut, kann ich arbeiten – und auch mal länger wegbleiben." So passiert es oft recht spontan, dass die Geschäftsfrau frühmorgens losfährt, um die neusten Kollektionen zu kaufen – in Stuttgart, Mailand, München oder auch Bologna. Nicht selten finden die Einkäufe sonntags statt – eine Zeit, die eigentlich der Familie gehört.

Weniger Umsatz

2018 war aufgrund des langen Sommers ein schlechtes Jahr für den Textileinzelhandel. Der Umsatz ist laut Handelsverband 2018 um rund 1,5 Prozent auf etwa 65 Milliarden Euro gesunken. Der Marktanteil von Internet-und Versandhandel steigt (22 Prozent).

Das Geschäft mit der Mode, es sei von Jahr zu Jahr schwieriger geworden, meint die Geschäftsfrau. Der Preiskampf sei härter denn je, große Ketten und Franchise-Unternehmen verdrängen die kleinen Einzelhändler. Dazu komme das Internet. "Erst wenn das letzte Ladengeschäft schließt, merken die Menschen, dass ihre Stadt nun tot ist", sagt Pinos-Schwarzott. Auch vor der Häfler Innenstadt mache diese Entwicklung nicht Halt.

Wachstumsfaktor

Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist die zweitgrößte Konsumgüterbranche Deutschlands und beschäftigt heute mehr als 130 000 Mitarbeitende. Stärkster Wachstumstreiber: technische Textilien. Sie generieren rund 60 Prozent des Branchenumsatzes.

"Ich sehe doch, was um mich herum passiert", stellt die Inhaberin fest, "es geht überall ums Überleben." Und dennoch ist sie sich sicher, dass sie die beiden Boutiquen noch lange halten kann: "Unsere Stammkundschaft weiß, dass wir das Sortiment mit Liebe aussuchen und ehrlich beraten."

Irgendwann müssen die Batterien wieder aufgeladen werden

Die andere Seite der Medaille: Von Pinos-Schwarzott wird Erreichbarkeit erwartet – und das setzt die dreifache Mutter auch mal unter Stress. "Manchmal ist es mir schon alles etwas zu viel", gesteht sie, "aber ich habe das Glück, dass meine Batterien immer recht schnell aufgeladen sind." Ihr Ausgleich: Yoga, Skifahren, Familienzeit, ein Kurztrip mit Freunden und guten Prosecco genießen. Selbst shoppen zu gehen, schafft sie allerdings nur sehr selten.