Drei Kinder in vier Jahren – da wären die meisten Mütter (und Väter) erstmal reif für eine wochenlange Kur. Doch der Plan von Tabitha Schließer sieht anders aus: Im Sommer reist sie gemeinsam mit Mann Philipp und ihren Kindern Samuel (1), Mathilda (3) und Pauline (5) für drei Jahre nach Kenia, um dort als Entwicklungshelferin in einem sozialen Projekt für straffällig gewordene Jugendliche mitzuarbeiten.

Mut oder purer Wahnsinn?

„Das ist aber mutig?!“ – diesen Satz hat die 37-Jährige in den vergangenen Wochen oft gehört. Und tatsächlich, so gibt die gebürtige Nordrhein-Westfalin zu, bleibt sie nicht aus, „die Angst vor der eigenen Courage.“ Jetzt, wo sich bald ein langjähriger Traum erfüllt, kommt die Wehmut. „Wir haben hier ein Stück Heimat gefunden“, sagt Schließer, „das jetzt für die Ungewissheit loszulassen, ist schon schwer.“

Doch von vorn: Die Schließers zogen 2016 nach Friedrichshafen. Tabitha Schließers Mann Philipp ist Vikar in der evangelischen Kirchengemeinde Manzell und beendet im April seine Ausbildung.

„Wir tragen beide Afrika schon lange in unseren Herzen“, sagt die Pädagogin, „jetzt ist der richtige Zeitpunkt, unseren Traum zu leben.“

Bereits mit acht Jahren verbrachte Tabitha Schließer (rechts) ein Jahr in einem Entwicklungshilfe-Projekt im Kongo. Eine ihrer schönsten Erinnerungen ist, wie sie die Kinder der Einheimischen getragen hat. Bild: Privat
Bereits mit acht Jahren verbrachte Tabitha Schließer (rechts) ein Jahr in einem Entwicklungshilfe-Projekt im Kongo. Eine ihrer schönsten Erinnerungen ist, wie sie die Kinder der Einheimischen getragen hat. Bild: Privat | Bild: Tabitha Schließer

Die Sehnsucht nach dem schwarzen Kontinent – sie kommt nicht von ungefähr bei Tabitha Schließer. Einen Teil ihrer Kindheit verbrachte die älteste Schwester von ingesamt fünf Geschwistern in einem der ärmsten Länder der Welt, im Kongo, damals noch Zaire.

Leben im kongolesischen Busch

Die Eltern, ein Elektroingenieur aus dem Pott und eine Krankenschwester aus Holland, halfen in einem Internat in einem Buschdorf aus. Für Tabitha Schließer war es eine prägende Zeit. Ihre Augen leuchten, wenn sie vom spartanischen Leben im Busch erzählt, von der Solardusche, dem Küchenhäuschen mit offenem Feuer, von ihren vielen Haustieren, der Katze und dem Affen Kuki und den einfachen Spielen mit den kongolesischen Kindern.

„Man konnte das Dorf nur mit Cessnas anfliegen“, erinnert sie sich, „und einmal im Monat kam die Post und ein Lebensmittelpaket.“

Beschult wurde die damals Achtjährige durch die deutsche Fernschule in Gießen. „Ich bekam immer Aufgaben geschickt, die ich dann lösen musste“, erklärt Schließer, „das ging auch in Zeiten ohne Internet.“

Die Familie musste evakuiert werden

Doch das Familienabenteuer endete dramatisch. „Nach nur einem Jahr mussten wir evakuiert werden“, berichtet die dreifache Mutter, „es gab immer wieder Unruhen und Putschversuche und irgendwann mussten wir von einen auf den anderen Tag mit Militärflugzeugen ausgeflogen werden.“ Die Familie zog zurück in den Pott, ging sieben Jahre später aber wieder in den Kongo.

Noch heute haben Tabitha Schließers Eltern im Kongo mehrere soziale Projekte. „Der Kongo ist mir zu unstabil, um dort mit meiner eigenen Familie in ein Projekt einzusteigen“, erklärt sie. In ihrer dritten Schwangerschaft mit Sohn Samuel war sie in Kinshasa. Und prompt habe es wieder einen „ville morde“, also einen Tag mit Ausgangssperre gegeben, an dem letztlich 15 Menschen bei Unruhen gestorben seien.

„Mit dem Mutter-Sein hat sich so viel geändert“, sagt Schließer, „man entscheidet nicht nur für sich, sondern trägt eine große Verantwortung.“

Deshalb stand für sie und ihren Mann von Beginn an fest: Wenn Entwicklungshilfe, dann nur so, dass es für alle in der Familie passt.

So bewarb sich die Pädagogin bei der Organisation Christliche Fachkräfte International, die Entwicklungshelfer als Berater in verschiedene afrikanische Projekte schicken. Tabitha Schließer, die nach der Mittleren Reife erstmal eine Krankenschwester-Ausbildung machte und später noch Pädagogik in Tübingen studierte, nahm die Projekte sehr genau unter die Lupe.

Schließlich wollten sie und ihr Mann, der vor seinem Theologiestudium als Bauingenieur arbeitete und auch bereits ein soziales Projekt in Afrika mitbetreute, gemeinsam vor Ort arbeiten. Tschad, Tansania, Kenia – die Liste der in Frage kommenden Projekte war lang. „Doch immer passte irgendwas nicht. Ich kann meinen Kindern einfach nicht zumuten, in der Wüste zu leben“, sagt Schließer.

Das Projekt? Die Resozialisierung von straffällig gewordenen Jugendlichen in Kenia

Dann stieß sie auf ein Projekt in Kenia in der Rift-Valley-Region, einem rund 100 Kilometer breiten Tal, dessen Naturlandschaften zu den eindrucksvollsten Kenias gehören. „Es gibt dort eine Farm, auf der straffällig gewordene Jugendliche resozialisiert werden“, berichtet die Pädagogin. Jugendliche, die sonst in den Knast gewandert wären. Und die nun durch Arbeit und Bildung zurück ins Leben gebracht werden sollen. Die Rückfallquote ist gering, eine Vergrößerung des Projekts ist geplant.

„Unsere Aufgabe ist es, dort als Berater für die Organisationsentwicklung zu arbeiten“, sagt Schließer, „wir teilen uns die Stelle.

Wohnen wird die fünfköpfige Familie rund 15 Kilometer entfernt von der Farm in einer Siedlung, in der mehrere deutsche Familien leben. Tochter Pauline, die im Herbst 2020 in die Schule kommt, wird ein Programm der deutschen Fernschule absolvieren wie ihre Mutter als Kind.

Sicherheitstraining steht auf dem Programm

Bereits im Frühsommer gehen die Schließers nach Bonn, wo sie bei der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein zweimonatiges Vorbereitungsprogramm absolvieren, das unter anderem ein Sicherheitstraining und Sprachunterricht in Suaheli beinhaltet.

Bis dahin geht es vor allem um praktische Dinge. Den Papierkram hat die 37-Jährige bereits auf den Weg gebracht, doch es steht noch viel Arbeit an. „Wir müssen unseren gesamten Hausstand auflösen“, so die künftige Entwicklungshelferin, „ausmisten, auslagern, überlegen, was wir mitnehmen.“ 450 Kilo Luftfracht dürfen mit – nicht viel für eine Familie mit drei kleinen Kindern. „Wie lange braucht man den Hochstuhl noch? Welches Spielzeug darf mit?“ – Fragen, die in den nächsten Wochen beantwortet werden müssen. Und das in dem üblichen Alltagschaos, das man als Familie ohnehin zu bewältigen hat.

Ausland statt bequemen Beamtenleben

Tabitha Schließer muss nicht lange überlegen, wenn man sie fragt, warum sie sich diesen Stress eigentlich antut. Ihr Mann wäre bald Beamter geworden, das Leben hätte nun gemütlich werden können. „Ich habe es für mich selbst als wahnsinnig reichen Schatz erlebt, ein anderes Leben und andere Menschen kennen zu lernen und zu erfahren, dass vieles, was wir hier haben, einfach gar nicht selbstverständlich ist“, sagt sie.

Als Kind habe sie im Kongo eine Freude über Nichtigkeiten entwickelt. Sie habe erlebt, wie man als Familie zusammenhalten kann. Und sie habe erfahren, dass Heimat überall sein kann, solange man Familie hat. „Für mich ist Heimat nie an einen Ort, an ein Elternhaus gebunden gewesen“, erklärt sie.

„Heimat ist für mich meine Familie und Freunde, die auch zu Familie werden können.“

 

Es klingt überzeugend und selbstreflektiert, wenn Tabitha Schließer sagt: „Wir halten unseren Kindern mit diesem Abenteuer zwar ein Stück Heimat vor, aber wir machen sie damit auch zu Weltbürgern.“ Denn mit Mut fangen oft die schönsten Geschichten an.

Wie die Serie entstand

Wir. Frauen ist eine Reihe von Portraits über Frauen, die mitten im Leben stehen. In unserer redaktionellen Arbeit begegnen uns sehr häufig männliche Gesprächspartner. Männer besetzen den Großteil der Führungspositionen in Unternehmen, beim Staat, in unserer Stadt. Sie bilden die Mehrheit in den politischen Gremien. Und sie treten somit auch häufiger in die Öffentlichkeit. Wir zeigen Frauen, die sich vor allem im Hintergrund halten. Frauen, die tagtäglich Großartiges leisten – als Managerinnen, als Selbstständige, als Mütter, als Pflegerinnen – und nicht selten sind sie sogar alles auf einmal. Wir zeigen alle Facetten des Frau-Seins – und zwar abseits der üblichen Stereotype. Denn zur Identität eines Menschens gehört natürlich weit mehr als nur das Geschlecht. Und trotzdem gibt es, das haben die Debatten über Feminismus und #metoo sehr deutlich gezeigt, ein großes Bedürfnis in der Gesellschaft nach starken, weiblichen Stimmen. Wir lassen diese Frauen sprechen.

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