Herr Nehrke, Ihr Unternehmen nennt sich „ropesolutions – seilunterstütztes Sichern und Arbeiten“. Ich nehme an, Sie sind passionierter Kletterer?

Ganz und gar nicht. Klettern ist mir viel zu gefährlich. Ich bin konditioniert auf zwei Seile, jeder Kletterer würde mich da wahrscheinlich auslachen. Das zweite Seil ist meine Lebensversicherung. Mein Impuls ist tatsächlich die Sicherheit.

Woher stammt dann Ihre Leidenschaft für das Thema?

Ich kam durch die Feuerwehr dazu. 2000 bin ich dort eingetreten und habe mich mit der Zeit mehr eingebracht. In Friedrichshafen gab es damals den ersten Pilotlehrgang „Absturzsicherung„ für ein neuentwickeltes standardisiertes Verfahren. In 24 Lehrgangsstunden wurde ich darin ausgebildet. Anschließend ging ich nach München und wurde bei der dortigen Berufsfeuerwehr zum Höhenretter ausgebildet, habe dort auch das benötigte Material besser und tiefer kennengelernt. Im späteren Verlauf habe ich selbst stadtweit Lehrgänge geleitet. Spätestens ab da hat das Thema mich dann gepackt.

Eine große Leidenschaft für ein Thema haben und eine Firma gründen sind ja aber zwei paar Stiefel.

Irgendwie hat immer eines zum anderen geführt. Ich wurde aus der Feuerwehr heraus angesprochen. Michael Fischer von Kögl Logistik meinte, sie bräuchten jemanden für genau dieses Thema – aber ich müsste dazu ein Gewerbe anmelden. Du gründest ja nicht schnell über Nacht eine Firma, ich habe lange überlegt, erst einmal eigene Inhalte und Konzepte erarbeitet. Aber der Stein des Anstoßes hat genügt und so habe ich mich tatsächlich 2005 neben meinem Hauptberuf als Betriebswirt mit „ropesolutions“ selbständig gemacht.

Wie haben Sie das zu Beginn gestemmt?

Am Anfang habe ich tatsächlich ganz alleine in unserem damaligen Gästezimmer „rumgewurstelt“. Nach dem ersten Lehrgang bei Kögl gab es stufenweise immer mehr Anfragen. Da haben mir zum Glück gute Kameraden aus der Feuerwehr ausgeholfen. Noch hatte alles überschaubaren Charakter.

Noch?

2011 erhielt ich eine Anfrage vom Arbeitssicherheitsbeauftragten eines großen Industrieunternehmens in Künzelsau. Unbedarft habe ich ein Angebot geschrieben. Nach einem positiven Gespräch erhielt ich den ersten Großauftrag eines Industrieunternehmens. Das war eine ganz andere Hausnummer, nicht mehr nur Ausbildung, ich musste selbst viel lernen dabei. Es ging um Notfallabseilen im Hochregallager. Dazu musste ich vor Ort erst einmal eine Bestandsaufnahme machen, das Material sichten, Lieferanten suchen, erste größere Investitionen tätigen. Ich begann, ein Logo zu entwickeln, Firmenkleidung anzuschaffen und meine Autos zu bekleben.

Das könnte Sie auch interessieren

Klingt nach jeder Menge Arbeit.

Mit dem Wachstum stieg der zeitliche Konflikt zwischen dem Angestelltenverhältnis und dem eigenen Gewerbe. Ich musste mich der Frage stellen, wie beides parallel nebenherlaufen kann, wie ich das zeitlich alles hinbekomme.

Und wie haben Sie es gelöst?

Tatsächlich habe ich jemanden eingestellt und zur Sachkundigenprüferin ausgebildet. Dieses Thema konnte ich gut auslagern. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion habe ich ein Büro und Lager im Keller eingerichtet, wo meine Angestellte die Sachkundigenprüfung durchführen konnte. Dabei überprüfen wir das Material der Kunden aus Industrie, Handwerk und Feuerwehren auf Zustand, Vollständigkeit und Nutzungsdauer und bieten direkt, wenn nötig, neues Material an.

Was genau bieten Sie Ihren Kunden neben der Sachkundigenprüfung und der Ausbildung im Bereich seilunterstütztes Arbeiten?

Das geht von der Gefährdungsermittlung über Beratung und Lösungen zur Absturzsicherung oder Abseilen aus Hochregalen bis hin zu Lehrgängen und Ausbildungen im Bereich Rettung. Inzwischen zählen auch immer mehr Handwerkerbetriebe zu meinen Kunden, die erkannt haben, dass sie persönlich haften, wenn einem ihrer Arbeiter etwas passiert, sobald sie nicht das vorgeschriebene Material und die nötige Unterweisung haben.

Kann auch ich als Otto Normalverbraucher von Ihnen profitieren?

Na klar, das gilt vor allem für die Kletterer. Mich wundert es, dass immer noch wenig bekannt zu sein scheint, dass auch für private Kletterer die Sachkundigenprüfung Sinn macht. Schließlich will keiner das Risiko eingehen aufgrund von nicht mehr gebrauchstüchtigem Material sich oder andere zu gefährden.

Was unterscheidet Sie denn von anderen Betrieben dieser Art?

In jedem Fall unser qualitativer Anspruch. Daher können und wollen wir nicht jede Preisvorstellung bedienen. Aber in jedem Fall erfährt jeder Kunde die Aufmerksamkeit von uns, welche ihm garantiert, die best mögliche, nachhaltigste Lösung für seinen individuellen Bedarf von uns zu erhalten. Mir ist die Präsenz beim Kunden wichtig, nur so schaffen wir einen persönlichen Kontakt. Dieser ist bisher stets der Anfang von vielen langjährigen, engen Partnerschaften, welche unsere Zuverlässigkeit, Qualität und Beständigkeit widerspiegeln. Das will ich erreichen und bieten, nur so bleibe ich mir selbst und meinen Ansprüchen an das Unternehmen treu.

Das könnte Sie auch interessieren

Gab es nie die Überlegung, Ihren Job zu kündigen und sich ganz „ropesolutions“ zu widmen?

Bisher nicht. Ich setze auch hier auf Sicherheit. Ich muss viel investieren, das muss erst einmal wieder zurückgewonnen werden. Ich habe aber tatsächlich meine Führungsposition im Hauptberuf aufgegeben. Dies schafft Freiräume. Zusätzlich unterstützen mich seit 2019 bei „ropesolutions“ eine Vollzeit- und eine Teilzeitkraft sowie zwei Minijobber neben fünf freien Mitarbeitern. So organisiert, verteilen sich die Aufgaben auf mehrere Schultern. Ich kann mich dadurch auf die Organisation und Weiterentwicklung konzentrieren. Inzwischen sind wir aus dem heimischen Keller in ein neues Büro inklusive Lager in Kluftern umgezogen.

Da hat sich ja einiges getan. Was wollen Sie in den nächsten fünf Jahren erreicht haben?

Besser schneller als später meine Investitionen hinter mir lassen und in Ertrag umwandeln. Das Unternehmen soll solide aufgestellt sein und ich vertraue natürlich weiterhin auf meine guten Mitarbeiter und tollen Kunden. Vielleicht den ein oder anderen Großauftrag an Land zu ziehen und dass dabei die Freude und der positive Stress überwiegen. In fünf Jahren würde ich mich sicher sehr freuen, wenn ich es geschafft hätte, ein paar meiner weiteren Ideen wie zum Beispiel einen Onlineshop, erfolgreich umgesetzt zu haben.

Wie schaffen Sie es, die Balance zu halten, wo tanken Sie persönlich auf?

Zum einen durch Paar- und Familienzeit. Aber auch Freundschaft ist mir sehr wichtig. Meine Männer-Motorradtour im Frühjahr brauche ich, die steht fest im Plan. Und ich genieße es, wieder öfter gemeinsam mit meiner Frau auf dem Motorrad unterwegs zu sein oder mit unserem Vito zu reisen. Das gibt mir einen guten Ausgleich zu all der Abend- und Wochenendarbeit.