Die 60er Jahre waren eine Zeit des Umbruchs. Wie kamen die neuen Gedanken und mit ihnen die Emanzipation auf dem Land, in einem Dorf wie Ahausen, an? Wir fragten sieben Frauen, die heute zwischen 75 bis 87 Jahre alt sind, die 1968 zwischen 23 und 37 waren und deren „unzüchtiges Verhalten“ kommunalpolitische Wellen schlug.

„Wir haben von der ganzen Bewegung zunächst nichts mitbekommen“, sagt Gertrud Wieser, 86. Einen Fernseher hatten damals nur einzelne. „Hippies kannten wir schon“, erinnern sich Brigitte Wengert, 77, und Charlotte Schellinger, 85. Aber die dienten lediglich als Vorlage für die Fasnet, sagt Inge Heberle,75: „Man hat von der Bewegung gewusst, aber sie nicht gelebt.“

Brauchen Frauen einen Führerschein?

Eine andere Bewegung brachte Bewegung im doppelten Sinn: Das Auto, fast ausschließlich von männlicher Hand gelenkt. Während die Ehemänner von Inge Heberle und Hilde Sträßle meinten, ihre Frauen benötigten keinen Führerschein, setzte sich Inge Heberle durch und bestand nach nur siebeneinhalb Stunden Fahrpraxis die Prüfung. „Hinterher war der Mann froh.“

Sie erinnerten sich an die 60er Jahre, von links: Sofie Schellinger, Rosmarie Moser, Gertrud Wieser, Brigitte Wengert, Charlotte Schellinger, Hilde Sträßle und Ingeborg Heberle.
Sie erinnerten sich an die 60er Jahre, von links: Sofie Schellinger, Rosmarie Moser, Gertrud Wieser, Brigitte Wengert, Charlotte Schellinger, Hilde Sträßle und Ingeborg Heberle. | Bild: Keutner, Christiane

„Du bekommst eine Frau mit Führerschein“, hatte Sofie Schellinger, 87, ihrem Mann stolz verkündet. Ihr Schwiegervater war glücklich darüber: „Fahr mich zum Stammtisch zum Straub (Gasthaus zum Hecht)“, hatte er öfters gebeten. Brigitte Wengert beschloss in der Kirche, den grauen Lappen zu erwerben, „nachdem der Mann immer gmuelet hat, weil er uns sonntags nach Bermatingen fahren musste.“

Was heute normal ist, war einst unüblich: Inge Heberle griff in den 60ern als Friseurin zur Schere – und schnitt damit auch „alte Zöpfe“ ab: Noch immer hat sie den Vorwurf ihres Mannes im Ohr, sie hätte fragen müssen, ob sie arbeiten dürfe. „Ja, es hieß, die Frau gehört zu den Möbeln“, sagt Hilde Sträßle und Brigitte Wengert fügt hinzu: „Wir haben immer aus Spaß gesagt, die Frau passt sogar zu den Tapeten.“

Die Ansprüche an die Hausfrau waren gewaltig, das Teilen der „Haus-Aufgaben“ undenkbar. „Einmal habe ich zu meinem Mann gesagt, man soll alles sein: Geschäftsfrau, Ehefrau, eine gute Köchin, Stallmagd, Tierärztin, Krankenschwester, Geburtshelferin bei den Tieren, Mutter – und wenn man fortgeht eine tolle Lady! Und doch war alles nett“, meint Sofie Schellinger ohne Gram. „Ja, heute sagt man Stress, früher hatte man einen Haufen Arbeit. Statt Aerobic las man Herdäpfel auf und riss Rüben raus“, ergänzt Brigitte Wengert. Gertrud Wieser wusste früher oft nicht, wo sie vor lauter Arbeit zuerst beginnen sollte.

Sitzordnung in der Kirche

Streng geteilt waren nicht nur die Rollen, auch die Sitzordnung in der Kirche: Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite. Eine Heirat brachte nicht die erhoffte Freiheit: „Man war froh, als man von zuhause weggekommen ist und dachte, jetzt müsste man nicht mehr folgen – dann kam man unter die nächste Knute“, sagt Inge Heberle. Ihr Selbstbewustsein begann mit ihren sportlichen Aktivitäten: „Das hat mich gestärkt und ich habe gemerkt, ich kann was und ich bin was.“ Charlotte Schellinger hatte sich erst mit 30 Jahren getraut, zu widersprechen: „Zunächst war Mutters Wort Gesetz, dann das vom Mann.“

Wie immer: Erst Wasser, später ein Achtele: Statt im Gasthaus treffen sich die "Turnerfrauen" privat, um sich an die 60er Jahre zu erinnern. Von links: Sofie Schellinger, Brigitte Wengert, Charlotte Schellinger, Hilde Sträßle, Ingeborg Heberle, Gertrud Wieser und Rosmarie Moser.
Wie immer: Erst Wasser, später ein Achtele: Statt im Gasthaus treffen sich die "Turnerfrauen" privat, um sich an die 60er Jahre zu erinnern. Von links: Sofie Schellinger, Brigitte Wengert, Charlotte Schellinger, Hilde Sträßle, Ingeborg Heberle, Gertrud Wieser und Rosmarie Moser. | Bild: Keutner, Christiane

Als 1963 die erste Frauenriege im Turnverein gegründet wurde, beanspruchte Sophie Schellinger künftig montags das Auto für die Fahrt nach Bermatingen. Als ihr Mann einmal nicht rechtzeitig zurück war, sie die Kinder im Bett und von der Schwiegermutter behütet wusste, nahm sie sich kurzerhand ein Taxi. Fünf Mark kostete die Fahrt. Als ihr Mann sie nicht zuhause vorfand, war er ganz sprachlos. Das Geld für die Taxifahrten sparte sie am Essen ein. Nicht lange, da stand ihr das Privatauto jeden Montag zur Verfügung. „Da ging die Macht von mir aus – ohne Worte, wir sind nicht hinternand gekommen.“

Frauen gingen alleine in der Wirtschaft!

Nach dem Turnen gingen die Frauen ins „Gasthaus Moser“ oder in den „Adler“. „Das Gesellige gehörte dazu, das war selbstverständlich“, sagte Charlotte Schellinger. Nicht für die Männer: Im Dorf wurde aufgemuckt, es hieß, Frauen gingen alleine in die Wirtschaft! Der „ungeheuerliche Vorgang“ wurde diskutiert. Gemeinderat Franz Schuler trug das Verhalten dem Bürgermeister in einer Gemeinderatsitzung vor, das Thema drohte zum Politikum zu werden: Die Sitten würden einreißen, die Frauen gingen in die Wirtschaft. Das müsse man unterbinden!

Auf die offizielle Zustimmung seiner Kollegen setzte er jedoch vergebens. Alfons Fleck von der Maschinenfabrik Bermatingen war aufgestanden und meinte, das Thema gehöre nicht in den Gemeinderat. „Wir sind Manns genug, um etwas zu verbieten, wenn was falsch wäre!“ Dann war Ruhe. Öfters hörte man Männer später noch von „Schnapswieber“ munkeln. „Dabei hatten wir meist Sprudel und höchstens mal ein Achtele getrunken“, so Charlotte Schellinger. Inge Heberle erinnert sich, dass ein Wirt sie noch in den 70ern nicht bedienen wollte. Ein weiteres kleines Stück Emanzipation hat sich hier aber doch noch durchgesetzt.

Erinnerungen an einschneidende Erlebnisse und Anekdötchen

Im Radio sang Freddy Quinn vom „Wüstensand“, Peter Kraus war mit seinem „Sugar-Sugar-Baby“ der Schwarm von allen, wie Brigitte Wengert, 77, verriet. Und dass der Opa sagte: „Macht die Negermusik aus.“ Rosmarie Moser hörte gerne Catherina Valente und Elvis Presleys „Muß i denn zum Städtele hinaus“. Rock 'n' Roll und Twist lernte Inge Heberle „daheim in der Stube“ mit ihrer Schwester. Die neuen Tänze konnten alle 14 Tage sonntags im Dorfgemeinschaftshaus ausprobiert werden, als die Trachtenkapelle Modernes spielte.

Einschneidendes Erlebnis: Der erste Fernseher

Einschneidende Erlebnisse waren für Brigitte Wengert der Kauf eines Fernsehers, für Gertrud Wieser das Auto, für Inge Heberle das Fahrrad. „Ein Bad hatte damals auch nicht jeder“, erinnert sich Hilde Sträßle. Erst 1954 kam die Wasserleitung, vorher hatte man sich am Brunnen gewaschen.

An die ersten italienischen Gastarbeiter, die bei Otts in der Ziegelei gearbeitet hatten, erinnert sich Brigitte Wengert: „Man hat sich mit denen getroffen. Mein Vater kam mit dem Rad und hat geschaut, wo ich bin. Wir hatten uns im Graben versteckt, denn man hatte Angst und Respekt vorm Vater. „Was, da bist du schon schwanzen gegangen?“ fragt Charlotte Schellinger knitz nach. „Ja, aber nur am hellen Tag“, schwächt Brigitte Wengert ab. Alle lachen.

Alle erinnern sich an die Seegfrörne

Sie alle erinnern sich an die große Linde, die 1961 in Ahausen umgestürzt ist, ans Schwarz-weiß-Fernsehen und an die eisig kalte Zeit 1963 nur mit einem Kachelofen und an die Seegfrörne. „Das hat man gar nicht kapieren können, dass man mit einem Auto auf dem See fahren kann“, erinnert sich Inge Heberle und an das große Geplärr frommer Menschen, dass sie jetzt den in die Schweiz getragenen Heiligen Johannes nicht mehr hätten.

Gut erinnern können sich die Frauen an die ersten Sendungen und TV-Größen: Kulenkampf, Fuchsberger, Frankenfeld, Helmut Zacharias und Rudolf Schock, Heinz Erhard, Adrian Hofen. „Ich hab noch die Musik vom 'Stahlnetz' in den Ohren, das war ein Straßenfeger“, sagt Charlotte Schellinger. Inge Heberle schwärmte von Peter Weck, Brigitte Wengert erinnert sich an den Kennedy-Mord.

Erleichterungen durch Technik

Erleichterungen brachten technische Erfindungen: Rosmarie Moser, 86, denkt dankbar an die erste Wäsche-Schleuder, Brigitte Wengert an den Elektroherd von Neckermann, Charlotte Schellinger an ihre erste Waschmaschine 1963: „Wir hatten gebaut, da hieß es, man baut keine Waschküche mehr.“ Der elektrische Backofen ersetzte den Kohle-Beistellherd, das Telefon erleichterte die Kommunikation, große Umbrüche gab es in der Landwirtschaft.

Und welche Gefühle verbanden die Frauen mit den 60ern? „Es war eine schöne Zeit. Nicht so hektisch, heute ist man immer so gedrängt“, meint Rosmarie Moser. Und Sofie Schellinger und Brigitte Wengert fügen hinzu: „Man war arm, aber alle waren gleich arm.“ Charlotte Schellinger zitiert ihren verstorbenen Mann Helmut: „Er sagte, man kann alles ertragen, wenn es dem Nachbarn nicht besser geht.“ (keu)