Die beiden Angeklagten im Berufungsprozess um den Hundeangriff, bei dem am 30. Mai 2017 in Frohnstetten eine 72 Jahre alte Rentnerin starb, haben offenbar bereits Anfang der 90er Jahre einen Hund verhungern lassen. Dieses Detail gehörte zum zweiten Verhandlungstag vor der Kleinen Strafkammer des Landgerichts Hechingen. Gleichzeitig wirft dieser Vorfall, wie der psychiatrische Sachverständige, der Sigmaringer Facharzt Dieter Jungmann erklärte, zumindest ein Schlaglicht auf die seelische Verfassung der Hundehalterin. Der Mediziner bescheinigte der arbeitslosen Frau eine „verminderte Schuldfähigkeit“.

Im Rahmen seines Gutachtens hielt es der Sigmaringer für möglich, dass der als Hundehalter ebenfalls mitangeklagte Ehemann eine ähnliche psychische Störung aufweist wie die Angeklagte. Diese Persönlichkeitsstörung der Ehefrau ist aus Sicht des Sachverständigen auch der Hintergrund für das Drama am 30. Mai 2017, das mit dem Tod der Rentnerin und der nachfolgenden Erschießung des Täterhundes und zwei weiterer Hunde im Rahmen einer Polizeiaktion endete.

Gutachter: „Abschiebung der Verantwortung auf andere“

Jungmann beschrieb die Sichtweise der von ihm untersuchten Frau am Unglückstag so: „Man hat mich in diese Situation gebracht, ich kann das alles nicht anders handhaben.“ An diesem Tag hatte die Hundehalterin den mächtigen Kangalhund auf dem sehr kleinen Grundstück angekettet und das Tier ab 7 Uhr morgens alleine gelassen. Als am Abend die Rentnerin auf dem am Grundstück vorbeiführenden Weg ging, riss sich der Herdenschutzhund los, übersprang den nur 1,20 Meter hohen Lattenzaun und stürzte sich auf sein 72 Jahre altes Opfer, hieß es vor Gericht. Die Angeklagte sah zwar ein, dass dieser von ihr geschaffene Zustand nicht gut sei, aber aufgrund ihrer psychischen Störung konnte sie nicht die daraus folgenden Konsequenzen ziehen, so der Facharzt. Jungmann sprach von „Abschiebung der Verantwortung auf andere“.

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Das gleiche Denkmuster machte der Facharzt für den Hungertod des Hundes in den 90er Jahren verantwortlich. Die Hundehalterin beschuldigte den von ihr getrennt lebenden Ehemann, den Hungertod des Hundes verursacht zu haben. Die Angeklagte sagte aus, kurz nach der Hochzeit habe ihr Mann gestanden, dass der Hund verhungert sei. „Ich habe damals eine Gaststätte im Kreis Tuttlingen betrieben und wohnte deshalb nicht mit meinem Mann zusammen im Zollernalbkreis.“ Deshalb habe sie mit dem Tod des Hundes nichts zu tun gehabt. Der Ehemann erklärte: „Ich war damals für zwei Wochen in Rumänien und dachte, meine Frau würde sich um den Hund kümmern.“ Eine Absprache zwischen den beiden, wer das Tier versorgen soll, gab es offenbar nicht.

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Eine wenig überzeugende Aussage machte aus Sicht des Gerichts der ehemalige Arbeitgeber und Bekannte des Ehemanns. Von ihm hatten die angeklagten Frohnstettener die am 30. Mai 2017 erschossenen Kangalhunde. Der Vorsitzende Richter Volker Schwarz sprach im Laufe der Verhandlung von „deutlichen Widersprüchen“ in den Aussagen des Zeugen. Auf der einen Seite beschrieb der Autohändler seine Kangals als Wachhunde für sein 5000 Quadratmeter großes Betriebsgrundstück.

Tier bei seiner Frau untergebracht

Auf der anderen Seite bezeichnete er seine Hunde als absolut harmlos: „Sie machen nichts. Die würden einem nächtlichen Dieb helfen, die Beute zu tragen.“ Von ihm hatte das Paar bereits einen Kangalhund, der an einer massiven Hautkrankheit litt. Der Halter dieses Vierbeiners war der angeklagte Ehemann. Der von seiner Frau getrennt lebende und ebenfalls arbeitslose Mann hatte den Kangal jedoch bei seiner Frau untergebracht.

Ein Hund, 20 Katzen und ein Kangalhund

Damit lebte in dem kleinen Haus zusammen mit der Frau, ihrem Hund und 20 Katzen jetzt auch der Kangalhund. Als das Tier eines Nachts ausriss und durch Frohnstetten schnüffelte, schenkte der Autohändler seinem Bekannten diesen Hund. Der Hund hatte einen Chip implantiert, dessen Daten wiesen noch den Autohändler als Eigentümer aus. Zu den Haltungsbedingungen sagte der Zeuge: „Der Platz war nicht so gut.“ Trotzdem gab er laut eigener Aussage der Bitte nach, dem Angeklagten den zweiten Kangal zu überlassen. Dieser Hund war es dann auch, der die Frau tötete.

Angeklagte beschreibt Mann als „faule Socke“

Er habe dem Angeklagten angeboten, ihm kostenlos einen zwei Meter hohen Zaun um das kleine Grundstück in Frohnstetten zu bauen. Das habe der Angeklagte mit dem Hinweis abgelehnt, er wolle selbst für die Umzäunung sorgen. Die Angeklagte beschrieb ihren Mann als „faule Socke“. Das Material für den Zaunbau sei im Mai 2017 bereits bestellt gewesen. Der Zeuge, so wurde im Verlauf seiner Vernehmung deutlich, hat auch anderen Leuten Kangal-Junghunde abgegeben. Er stritt ab, mit Kangals zu handeln. Eine Zeugin, die Pflegemutter eines der drei Kinder des angeklagten Paares, gab an: „Die Frau hat meinem Mann den Hund angeboten. Er lehnte ab.“

Gutachterin stellt Verstöße fest

Die tierärztliche Gutachterin Ursula Breuer ließ an der Kangal-Haltung kein gutes Haar. Sie stellte mehrere Verstöße fest und stellte die Sachkunde der Halter infrage.

Der Prozess wird am Mittwoch, 27. Februar, um 9 Uhr fortgesetzt.