Sie haben unter den Folgen der Corona-Krise wohl mit am meisten gelitten: Die Eltern. Doch es ist ein Licht am Ende des Tunnels erkennbar: Nach den Pfingstferien sollen wieder alle Schüler gestaffelt in die Schule gehen. Wir haben mit Elternbeiräten verschiedener Schulen über die Probleme und Erkenntnisse aus der Zeit des Heimunterrichts und die Sorgen und Wünsche für die kommende Zeit nach den Ferien gesprochen.

Eine schwierige Zeit für viele Eltern

„Am Anfang war es Stress“, blickt Jan Gajewiak, Elternbeirat an der Sommertalschule in Meersburg, auf den Beginn des Heimunterrichts, zurück. „Das war eine Situation, auf die niemand so richtig vorbereitet war“, resümiert der Vater zweier Söhne. Obwohl er selbst als Makler arbeitet und die Betreuung der Kinder hauptsächlich seine Frau übernommen hat, habe auch seine Familie lernen müssen, mit der Situation umzugehen. „Wir mussten wahnsinnig viel ausdrucken“, erinnert er sich. Als sich das Chaos gelichtet und sich die Arbeitsabläufe eingespielt hätten, sei es aber für alle – Eltern und die beiden Kinder – einfacher geworden. Dennoch stünden die Eltern auch weiterhin vor dem Problem ihren Kindern Lehrinhalte beibringen zu müssen. Auch er habe sich in die Schulaufgaben hineinfuchsen müssen. „Und wir sind ja keine Pädagogen“, fügt er weiter an. Während sein jüngerer Sohn, Viertklässler, schon seit dem 18. Mai wieder in die Schule geht, wird sein anderer Sohn, Sechstklässler, nach den Pfingstferien das erste Mal seit Monaten wieder die Schule betreten.

Besonders kleinere Kinder mussten motiviert werden

Auch für Eva Auer, Mitglied des Elternbeirats am Gymnasium in Überlingen, war die Zeit des Heimunterrichts eine Herausforderung. Ihre Kinder gehen in die fünfte und die siebte Klasse. Während es bei dem älteren Kind mit dem selbstständigen Lernen gut geklappt habe, sei der Unterstützungsbedarf bei dem Kleineren größer gewesen. „Ich musste ihm oft helfen, den Überblick zu behalten und helfen, die Motivation hoch zu halten“, sagt sie. Dass sie selbst gerade nicht berufstätig ist, sei dabei von Vorteil gewesen. Sie habe auch schon von Eltern gehört, die versuchen müssten, Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen und dabei an ihre Grenzen kämen.

Dominique Grensing ist Elternbeirat am Gymnasium Überlingen. Sie sagt: „Wenn es in einer Familie drei Kinder gibt, aber nur einen Computer, dann wird es schwierig.“ Ihnen habe das Gymnasium Ipads zur Verfügung stellen können.
Dominique Grensing ist Elternbeirat am Gymnasium Überlingen. Sie sagt: „Wenn es in einer Familie drei Kinder gibt, aber nur einen Computer, dann wird es schwierig.“ Ihnen habe das Gymnasium Ipads zur Verfügung stellen können. | Bild: Timm Lechler

Gymnasium stellte iPads zur Verfügung

Die Tochter von Dominique Grensing geht bereits in die 9. Klasse. Das habe Grensing vieles erleichtert. Denn: „Meine Tochter lernt selbstständig“, sagt sie. Auch sie habe als Elternbeirat des Gymnasiums in Überlingen schon von Eltern gehört, denen das anders ging. Bei ihr sei vor allem angekommen, dass die Verfügbarkeit von digitalen Endgeräten für größere Familien mit mehreren Kindern eine Herausforderung darstellte. „Wenn es in einer Familie drei Kinder gibt, aber nur einen Computer, dann wird es schwierig“, so Grensing. Ihnen habe das Gymnasium Ipads zur Verfügung stellen können. Doch gerade Eltern kleinerer Kinder hätten die größten Probleme gehabt. „Weil die kleineren Kinder am meisten Hilfe benötigen, waren diese Eltern einem enormen Stress ausgesetzt“, sagt die Elternbeirätin. Auch sie käme beim Heimunterricht an ihre Grenzen: „Wenn meine Tochter mit Mathe kommt, bin ich verloren. Da kann ich ihr nicht helfen“, sagt sie.

Herausforderungen aber auch Nutzen für die Kinder

Nicht nur für die Eltern war die Zeit des Heimunterrichts eine Herausforderung, sondern auch für die Kinder. Auch sie waren mit einer ganz neuen Situation konfrontiert, die sie so vorher noch nicht kannten und das birgt auch seine Tücken. „Es ist etwas anderes, wenn man direkt vor dem Lehrer sitzt und bei Unklarheiten gleich nachfragen kann“, findet Dominique Grensing. Da müsse im Heimunterricht schon eine Hemmschwelle überwunden werden. Auch ihre Schulfreunde würde ihre Tochter in der Zeit des Heimunterrichts sehr vermissen. Sie habe sich zwar vereinzelt mit Freunden getroffen, die gemeinsame Schulzeit fehle trotzdem. Abgesehen davon habe für ihre Tochter der Heimunterricht auch Vorteile gebracht. „Früh aufstehen, war für sie immer schlimm“, weiß Gresing. Deswegen würde sie sich darüber freuen, ihre Zeit selbst einteilen und ausschlafen zu können. Des Weiteren, findet Grensing, könne ihre Tochter zuhause in ihrem eigenen Tempo lernen. „Ich hatte den Eindruck, dass es in der Schule immer ein bisschen schnell verlaufen ist“, sagt die Mutter.

Das könnte Sie auch interessieren

Am Anfang waren die Schüler noch nicht sehr aufnahmefähig

Mit anderen Problemen kämpfen die Kinder von Jan Gajewiak. „Den Kindern ist es oft schwer gefallen, sich zuhause auf den Stoff zu konzentrieren. Gerade am Anfang waren sie noch nicht sehr aufnahmefähig“, erinnert er sich. Einen Grund für die Konzentrationsschwierigkeiten seiner Kinder sieht er im fehlenden Rhythmus. Dennoch findet auch er, dass der Heimunterricht mit mehr Freiraum bestückt sei. Dennoch: „Der Große macht genau das, was von ihm gefordert wird und keinen Pinselstrich mehr“, so Gajewiak. Deswegen sieht er für das kommende Schuljahr einen großen Nachholbedarf für den Unterrichtsstoff. Einen großen Sprung hätten die älteren Schüler in Sachen Arbeiten mit digitalen Medien gemacht. Er geht davon aus, dass das in Zukunft mehr Einzug in den Unterricht erhalten wird.

Videokonferenzen teils „sehr anstrengend“

Während Jan Gajewiaks jüngerer Sohn (4. Klasse) sich wenig mit digitalem Lernen beschäftigte, sah das bei Eva Auers Sohn (5. Klasse) anders aus. Viel sei über eine Lernplattform gelaufen und es gab Videokonferenzen. „Für ihn waren die Videokonferenzen sehr anstrengend“, sagt Auer. Gelegentliche Probleme mit dem Netz hätten ihr Übriges getan. Außerdem seien die Kinder durch die Arbeit am Computer vielen Ablenkungsmöglichkeiten ausgesetzt, die es im Präsenzunterricht nicht gibt. Hinzu komme auch, dass der Heimunterricht auf Eigeninitiative ausgelegt sei, was gerade ihrem jüngeren Kind schwer gefallen sei. Sie sagt: „Irgendwann ist die Luft raus.“

Das könnte Sie auch interessieren

Die Zeit nach den Pfingstferien

Deswegen sind die Eltern froh, wenn ihre Kinder nach den Pfingstferien – zumindest zeitweise – wieder den Unterricht besuchen. Eva Auer sieht aber auch die Gefahr, dass die jüngeren Kinder, nach dieser langen Phase des Heimunterrichts, Schwierigkeiten haben werden, wieder in den Unterricht zu finden. Sie sagt: „Es wird nicht die Schule sein, die sie kennen.“ Und für berufstätige Eltern, die sich davon eine Entlastung erhoffen, sei die Zeit, die die Kinder wieder in die Schule gehen werden, lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein.

Sorge wegen der Enge an der Bushaltestelle

Andere Bedenken hat Dominique Grensing. Da ihre Tochter selbstständig sein will, fahre sie mit dem ÖPNV in die Schule. In einer Woche, in der ihre Tochter erst Nachmittags den Unterricht besuchen muss, sei das mit langen Wartezeiten verbunden. Deshalb bereite Grensing das Warten an der Bushaltestelle, wenn sich Schülerscharen auf engem Raum drängen und keiner eine Maske trägt, Sorgen.

Jan Gajewiak hofft indessen, dass es nicht zu einem Corona-Fall an der Sommertalschule kommt, durch den die Schule wieder komplett geschlossen werden müsste. Denn die Eltern bräuchten die Entlastung und die Schüler die Struktur.