Kein Ereignis nach der Stadtgründung hat das Leben und die Traditionen Überlingens nachhaltiger verändert als der Dreißigjährige Krieg und die Angriffe der schwedischen Truppen in den Jahren 1632 und 1634. Bester Beleg dafür war die gestrige 2. Historische Schwedenprozession, die erstmals auf der Hofstatt in statischer Form zelebriert wurde. Die Wurzeln dieses Gelübdes, das die Stadt bis heute selbst in schwierigen Zeiten erfüllt, waren Thema des Vortrags des Archäologen Dr. Alois Schneider.

Geschehen wird lebendig

Wer die Ausführungen des Experten gehört hatte, nahm die Schwedenprozession jetzt mit anderen Augen wahr, als Beispiel für die „Bewältigung von Krisenerfahrungen im Dreißigjährigen Krieg“, wie Schneider seinen Vortrag überschrieben hatte. Dessen 90-minütige Ausführungen waren so lebendig, dass „wir regelrecht mitleiden konnten“, wie es Stadtarchivar Walter Liehner am Ende formulierte.

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Das vielfache Leid im 30-Jährigen Krieg habe die Menschen zu besonderen Strategien gezwungen, erklärte Alois Schneider, und die Frage nach dem ‚Warum?‘ habe in die Hinwendung zu einer religiösen Sinngebung geführt. „Das entschiedene Festhalten am alten Glauben und die uneingeschränkte Unterstützung der kaiserlichen Politik“, so Schneider, sei schon zuvor mit der Verbesserung des Wappens (1528) und der Erteilung eines neuen Marktprivilegs (1547) belohnt worden.

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Ab 1557 intensivierte der Rat seine Kirchen- und Religionspolitik. Ratsprotokolle lieferten Belege für das Einschreiten des Magistrats bei Verstößen gegen kirchliche Gebote. Dazu hatten auch Verpflichtungen zu Bußwallfahrten nach Einsiedeln gehört.

Fragen an Dr. Alois Schneider

Zur Bußwallfahrt nach Einsiedeln

Aus dieser Tradition stammte auch das Versprechen nach dem ersten Schwedenangriff von 1632, das die Stadt im Oktober 1636 einlöste, als mehrere hundert Bürger in einem dreitägigen Fußmarsch in strömendem Regen nach Einsiedeln zogen. Zum 300. Jahrestag hatten es die Überlinger 1934 komfortabler: Sie nahmen einen Sonderzug in die Schweiz.

Dr. Alois Schneider, Archäologe i.R.
Dr. Alois Schneider, Archäologe i.R. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Im Juli 1632 war der Krieg vor den Toren der Stadt angekommen. Bernhard Herzog von Sachsen-Weimar hatte geglaubt, die unvorbereitete Reichsstadt quasi im Vorbeigehen einnehmen zu können. Doch vom Hochamt zum Schutzengelfest stürzten die Überlinger auf die Stadtmauer und stellten sich erfolgreich entgegen. Dabei glaubten die „kriegsunerfahrenen Bürgersleut, die mitwirkende Hand des Allmächtigen gespürt zu haben“. Ein Jahr später gelobte die Stadt, am zweiten Julisonntag eine Prozession durch die Stadt zu veranstalten.

„Mutter Maria, wir danken dir, dass du erschienen hier…..“: Inschrift am Marienbrunnen an der Gradebergstraße aus dem Jahr 1934.
„Mutter Maria, wir danken dir, dass du erschienen hier…..“: Inschrift am Marienbrunnen an der Gradebergstraße aus dem Jahr 1934. | Bild: Hanspeter Walter Journalist-Texte-Bilder

Gefährlicher war es im April 1634, als Gustav Horn mit seinen Truppen vor den Toren stand. Mehr als 5000 Angreifer mit 20 Geschützen standen weniger als 300 wehrfähige Bürger und gleich viele Bauern gegenüber. Sie versprachen Pater Stanislaus, „sich bis zum letzten Blutstropfen“ zu wehren. Am 29. April schließlich gelobte der Geistliche im Namen der Stadt, „wenn man die Belagerung überstehe, für ewige Zeiten den Tag, an dem der Feind abgezogen sei, mit einem Gottesdienst, einer Prozession und dem Te Deum“ zu begehen – mit einem Bildnis der Jungfrau Maria als „Siegzeichen“. Schließlich sei sie am 28. April „zwischen 9 und 10 Uhr von etlichen frommen gottesfürchtigen Personen ob der Stadt in den Lüften gesehen worden“. Die erste Prozession folgte schon 1635, die „Schwedenmadonna“ aus reinem Silber wurde erst 1660 von Goldschmied Gottfried Haitinger fertiggestellt.

Kein Dank vom Kaiser

Den Erfolg meldete Überlingen am 1. Juli 1634 stolz an den Kaiser nach Wien. Doch die ernüchternde Reaktion beschränkte sich auf die lapidare Aufforderung, auch künftig die Pflichten zur Einquartieren des Militärs erfüllen und die nötige Hilfe zu leisten. „Damit sah sich die Reichsstadt wieder mitten in den militärischen Alltag des Dreißigjährigen Krieges versetzt,“ sagte Schneider und zitierte aus Schillers Wallenstein: „Es ist eine Zeit der Tränen und Not, Am Himmel geschehen Zeichen und Wunder, Und aus den Wolken, blutigrot, hängt der Herrgott den Kriegsmantel runter.“