Er sei „überwältigt von diesem doch eindeutigen Ergebnis“, sagte Thomas Kölschbach, wenige Minuten, nachdem im Überlinger Gemeinderat die Stimmen zur Beigeordnetenwahl ausgezählt worden sind. Auf Kölschbach entfielen 17 Stimmen, sein Herausforderer, Bürgermeister Matthias Längin, zugleich Kölschbachs bisheriger Vorgesetzter, erhielt sieben Stimmen. Keine einzige Stimme entfiel auf Stefan Auer, Landschaftsplaner und Amtsleiter in der Stadtverwaltung von Pforzheim. Gewählt wurde, auf Antrag der Räte, in geheimer Abstimmung. Nach Bekanntgabe des Ergebnisses zeigte sich Längin als fairer Verlierer, indem er Kölschbach umgehend und als erster per Handschlag gratulierte.

Video: Hilser, Stefan

Kölschbach, Jahrgang 1967, sagte in seiner ersten Stellungnahme gegenüber dem Gemeinderat: „Ich kann nur versprechen, dass ich das, was ich Ihnen hier so schön vorgetragen habe, auch versuchen werde umzusetzen. Das wird sicher nicht einfach. Aber ich gebe mein Bestes, um mit Ihnen das Beste für die Stadt Überlingen herauszuholen. Vielen vielen vielen Dank.“

„Eine Stadt ist nur bedingt planbar.“
Thomas Kölschbach, Stadtplaner und künftiger Baubürgermeister

Oberbürgermeister Jan Zeitler sagte im Gespräch mit dem SÜDKURIER, dass er seinem künftigen hauptamtlichen Stellvertreter „von Herzen gratuliere“, und er wünsche ihm ein glückliches Händchen „in einer herausragenden Position“. Er sei „überrascht“ davon gewesen, dass die Wahl bereits im ersten Durchgang entschieden war. Auf die Frage, ob ihn das deutliche Ergebnis auch nach den drei Vorstellungsrunden noch überraschte, antwortete Zeitler diplomatisch: „Wir haben zwei gute Vorstellungen gehört, eine davon war sehr stark.“

Null Stimmen für Stefan Auer

Im Umkehrschluss: Eine Vorstellung, und zwar die von Stefan Auer, war schwach. Wie schwach, das drückte sich in den Null Stimmen für ihn aus. Wie aus den Rückfragen der Räte an Auer herauszuhören war, vermissten sie eine ernsthafte Beschäftigung mit den Herausforderungen, vor denen Überlingen steht. Den Bitten der Gemeinderäte, Überlingen-spezifische Themenfelder zu benennen und bestenfalls Lösungswege aufzuzeigen, wich Auer aus.

Sieben Stimmen für Matthias Längin

Sieben Stimmen für Amtsinhaber Matthias Längin (Jahrgang 1959) können als Ausdruck dafür gewertet werden, dass ihm in den vergangenen acht Jahren zwar keine großen Fehler passierten, dass man ihm die anstehenden Großprojekte aber nicht mehr zutraut. Erschwerend kam für Längin hinzu, dass er sich in den letzten Jahren immer wieder zähe Diskussionen mit Gemeinderäten lieferte, es zwischen ihm und OB Zeitler öfter knarzte, und sein Talent, städtebauliche Projekte der Stadtgesellschaft plausibel zu machen und Bürger dabei mit einzubeziehen, nicht besonders ausgeprägt war.

Angespannte Lage: Die drei Bewerber Thomas Kölschbach, Matthias Längin und Stefan Auer (von links) verfolgen von den Zuschauerrängen aus die geheime Stimmabgabe im Gemeinderat.
Angespannte Lage: Die drei Bewerber Thomas Kölschbach, Matthias Längin und Stefan Auer (von links) verfolgen von den Zuschauerrängen aus die geheime Stimmabgabe im Gemeinderat. | Bild: Hilser, Stefan

Zu den anstehenden Großprojekten zählen der Bau des neuen Gymnasiums, die Entwicklung des Kramer-Areals, die Verkehrsberuhigung in der Innenstadt, die Bewahrung der historischen Baukultur bei gleichzeitiger Modernisierung der Innenstadt, die intensivere Einbeziehung der Bürgerschaft, die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum, sowie die Vermittlung zwischen Investoren- und Gemeinwohl-Interessen. Längin ließ in seiner Rede zwar durchblicken, dass er Veränderungswillen mitbringt. Den Aufbau eines festen Gestaltungsbeirats und eine stärkere Bürgerbeteiligung kündigte er in seiner Rede explizit an. Doch wie sagte ein Gemeinderat vor der Sitzung? „Er hat jetzt acht Jahre lang die Chance dazu gehabt.“

„Es gibt nie ein Endresultat, sondern immer nur die Aneinanderreihung unterschiedlicher Phasen.“
Thomas Kölschbach zu 1250 Jahre Überlinger Baugeschichte
Einige Besucher wurden abgewiesen, weil es im Pfarrzentrum zu eng geworden wäre. Sie verfolgten von den Zuschauerrängen aus die Wahl des neuen Bürgermeisters durch den Gemeinderat.
Einige Besucher wurden abgewiesen, weil es im Pfarrzentrum zu eng geworden wäre. Sie verfolgten von den Zuschauerrängen aus die Wahl des neuen Bürgermeisters durch den Gemeinderat. | Bild: Hilser, Stefan

17 Stimmen für Thomas Kölschbach

Kölschbach ist Diplom-Ingenieur (FH) für Architektur und Städtebau. Nach seinem Wechsel von der Stadt Meßkirch nach Überlingen im Oktober 2018 arbeitete er als Abteilungsleiter Stadtplanung in Überlingen. Im Gemeinderat erlangte er rasch einen Ruf als exzellenter Kenner der Materie, der, gelegentlich von Ungeduld gepackt, auch als politischer Kopf in Erscheinung trat und umstrittene Projekte wie die geplante Teilbebauung des Rauensteinparks oder die letztlich abgelehnte Bebauung bei Sankt Leonhard selbstbewusst vorträgt. Was sich an den 17 Stimmen ablesen lässt: Der Gemeinderat traut ihm zu, dass er an seinen Aufgaben wächst. Zumal hinter vorgehaltener Hand teils der Verdacht geäußert wurde, Kölschbach hätte sich unter seinem bisherigen Chef nicht adäquat entfalten können.

Kernsätze aus Kölschbachs Bewerbungsrede

Umzug Richtung Überlingen? Klares Ja

Kölschbach wohnt in Emmingen-Liptingen. Er ist Vater von vier erwachsenen Kindern und „stolzer“ Großvater eines zweijährigen Enkelkindes. In seiner Freizeit ist er als Fußballschiedsrichter aktiv. Er verfasste einen Architekturführer für den Landkreis Tuttlingen. Die Frage, ob er nach einer Wahl nach Überlingen oder zumindest in die Nähe von Überlingen ziehen werde, beantwortete er mit einem klaren Ja.

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In seiner Vorstellungsrede sagte er mit Berufung auf Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es. In dieser Moral steckt der Ansporn zu meiner Bewerbung“ Er habe Überlingen als eine Stadt der Gegensätze kennengelernt. „Freiraum contra städtebauliche Dichte. Landschaft wider Siedlungsdruck. Stadtgestalter gegen Stadtbewahrer.“ Ins Positive gewendet, sagte er: „Alle diese Gegensätze fordern mich als Architekt und Stadtplaner heraus, und sie machen den Beruf so interessant und wichtig.“

„Ich begebe mich mit Ihnen auf die Suche nach dem Besten für die Stadt Überlingen. Denn nur, wenn es ihr wohl geht, geht es uns allen wohl.“
Thomas Kölschbach

Eine Stadt sei „nur bedingt planbar“, sagte der bisherige Stadtplaner. Es gelte, unterschiedliche Akteure, Meinungen und Bedürfnisse miteinander zu vereinbaren. Das heutige Überlingen sei das Produkt vieler Baumeister aus 1250 Jahren Stadtgeschichte. Die Baumeister hätten ihre Struktur ständig verändert. Kölschbach: „Es gibt nie ein Endresultat, sondern immer nur die Aneinanderreihung unterschiedlicher Phasen.“

Nach gewonnener Wahl zum Ersten Beigeordneten: Thomas Kölschbach, der künftige Bürgermeister von Überlingen, im Gespräch mit Bürgern.
Nach gewonnener Wahl zum Ersten Beigeordneten: Thomas Kölschbach, der künftige Bürgermeister von Überlingen, im Gespräch mit Bürgern. | Bild: Hilser, Stefan