Miriam Altmann

Sie ist emanzipiert, beruflich erfolgreich und sie sagt, was sie denkt. Was hierzulande normal ist, wäre im Iran für eine Frau undenkbar. Noch, meint Maryam Akhoondi. Die 43-Jährige verfolgt die Protestaktionen für mehr Frauenrechte und Freiheiten aus Überlingen mit und sagt: „Ich hoffe, dass es zu einer richtigen Revolution kommt.“

Seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini am 16. September gehen im Iran landesweit Menschen gegen die autoritäre Regierung auf die Straße, worauf die Führung in Teheran brutal reagiert. Wer sich kritisch äußert, begibt sich in Gefahr – möglicherweise auch im Ausland. „Das ist mir egal“, sagt die Deutsch-Iranerin bestimmt. „Früher hatte ich den Mut nicht, aber jetzt habe ich keine Angst mehr.“

Diskriminierungen sind allgegenwärtig

Maryam Akhoondis Kindheit in Teheran war geprägt von Unterdrückung. „Ich bin am Tag der islamischen Revolution geboren“, verrät die 43-Jährige schmunzelnd, wird aber gleich wieder ernst: „Die islamische Republik diskriminiert viele Minderheiten, Frauen besonders“, hebt sie hervor.

Ihre Eltern hätten noch eine ganz andere Jugend erlebt, doch für ihre Generation kamen die Einschränkungen schleichend. Neben den gesetzlichen Einschränkungen wie dem fehlenden Scheidungs- und Sorgerecht für Frauen habe es auch viele ungeschriebene Regeln gegeben: Fahrradfahren war verboten, das Kopftuch ab der ersten Klasse Pflicht und die Farbauswahl der Kleidung begrenzt. „Wenn du gelb getragen hast, wurdest du nach Hause geschickt und die Eltern mussten kommen“, erinnert sich Maryam Akhoondi.

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Bildung als Ausweg

Viele Eltern hätten früh erkannt, dass Mädchen in der islamischen Republik chancenlos seien. Der Ausweg: eine möglichst gute Schulbildung. „Ich wollte gerne nähen“, erzählt die 43-Jährige von anstehenden Kurswahlen, „doch meine Eltern sagten, dass ich in den Mathe- und den Computerkurs gehen soll“.

Der Ausweg für Frauen im Iran: Eine gute Schulbildung. Deswegen würden viele zum Studieren ins Ausland gehen. Auch Maryam Akhoondi kam ...
Der Ausweg für Frauen im Iran: Eine gute Schulbildung. Deswegen würden viele zum Studieren ins Ausland gehen. Auch Maryam Akhoondi kam zum Studieren nach Deutschland und blieb dann hier. | Bild: Miriam Altmann

Aus ihrer Schulklasse hätten alle studiert, viele seien dafür ins Ausland gegangen – wie auch Akhoondi. Selbst dafür war die Erlaubnis des Vaters vonnöten. In Hannover setzte Maryam Akhoondi ihr Studium der Medizintechnik fort und promovierte sogar. „Ich hatte die Hoffnung, dass ich zurückkehren kann, wenn ich fertig bin“, gesteht sie. Doch im Iran hätte sie höchstens in der Krankenhaustechnik oder im Marketing arbeiten dürfen.

Stolz auf die mutigen Frauen

Zurückgekehrt ist sie dafür kürzlich nach Hannover, wo sie mit Freunden an einer Demonstration gegen das Mullah-Regime teilnahm: „Ich habe die ganze Zeit geweint“, offenbart die Deutsch-Iranerin. Sie sei unglaublich stolz auf die mutigen Mädchen und Frauen, die in ihrer Heimat auf die Straße gehen. „Die haben verstanden, was Freiheit bedeutet und dass man dafür kämpfen muss“, würdigt sie das Risiko, das die Protestierenden auf sich nehmen.

Freundinnen von ihr seien ohne Kopftuch unterwegs und bekämen Schokolade, Blumen und aufmunternde Botschaften von Passanten, berichtet Maryam Akhoondi. Auch unter religiösen Menschen erfahre die Bewegung eine große Unterstützung im Volk: „Das Kopftuch hat dort nichts mit Religion zu tun, es geht um Macht und Diskriminierung“, hebt sie hervor.

Weg ohne Umkehr

Die Überlingerin wünscht sich, dass ihre Landsleute nicht aufgeben: „Wenn sie aufhören, werden alle festgenommen“, fürchtet sie. „Man kann sich nicht vorstellen, was die mit Menschen machen“, deutet sie die Gräueltaten an, die aus den Gefängnissen nach außen dringen. Jedoch glaubt sie an einen Sturz des Regimes: „Wenn 90 Prozent ohne Kopftuch kommen – was will die Regierung machen?“

„Ich hatte mir gewünscht, ein Junge zu sein, aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, zu protestieren.“
Maryam Akhoondi aus Überlingen

Die 43-Jährige ist sich sicher, dass die Vernetzungsmöglichkeiten durch das Internet eine große Rolle spielen. Auch sei den jungen Frauen dadurch bekannt, welche Freiheiten man anderswo genieße. „Ich hatte mir gewünscht, ein Junge zu sein, aber ich bin nicht auf die Idee gekommen, zu protestieren“, sagt sie rückblickend.

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Aufmerksamkeit gibt Kraft

Nun unterstützt die Überlingerin die Proteste, indem sie Informationen weiterleitet und Beiträge aus Deutschland übersetzt. „Wenn man im Ausland darüber spricht, gibt das den Menschen unheimlich Kraft“, weiß Akhoondi. Mehr als 14.000 seien bereits festgenommen worden – „wenn das Ausland sich für die Menschen einsetzt, können sie nicht mehr so viele hinrichten“.

Darüber hinaus erhofft sie sich umfangreichere Sanktionen, die nicht nur eine Handvoll Personen treffen: „Wenn die Regierung Probleme mit der Wirtschaft hat, kann sie den Bevölkerungsaufstand nicht mehr lange aushalten“, prophezeit sie. Und vielleicht sei es dann eines Tages möglich, dass die Kinder im Iran in Freiheit aufwachsen, so wie in Deutschland. Ihr fünfjähriger Sohn habe ihr kürzlich entgegnet, dass sie nicht über ihn bestimmen dürfe. „So ein schöner Satz“, freut sich die Deutsch-Iranerin, „ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, das zu sagen“.