Traditionen gehören zur Natur des Menschen. Ohne sie wären wir ziel- und planlos. Traditionen stiften Identität und ermöglichen Begegnungen. Gerade die Überlinger pflegen ein lebendiges Brauchtum, siehe die Fastnacht, siehe die Krippenschauen und siehe den Dreikönigstrunk. Hinter den beiden erstgenannten Traditionen steht coronavirusbedingt ein dickes Fragezeichen, beim Dreikönigstrunk ist es seit Mittwoch weg: Das Rathaus hat den Dreikönigstrunk 2021 abgesagt. Schade. Selbiges gilt auch für den Bürgerempfang.

Ein Foto vom Januar 2019: Keiner der rund 600 Sitzplätze blieb leer beim Bürgerempfang im Kursaal, rund 100 mussten im Foyer an Stehtischen ausharren.
Ein Foto vom Januar 2019: Keiner der rund 600 Sitzplätze blieb leer beim Bürgerempfang im Kursaal, rund 100 mussten im Foyer an Stehtischen ausharren. | Bild: Hanspeter Walter

„Im Zuge des Infektionsschutzes müssen größere Menschenansammlungen generell vermieden werden“, so die Stadtverwaltung in ihrer Begründung. Um jedoch nicht gänzlich auf die Traditionsveranstaltungen verzichten zu müssen, werde Oberbürgermeister Jan Zeitler seine Rede online über ein Video auf der Homepage der Stadt halten. Der Rathauschef lädt alle Interessierten ein, mit ihm von zu Hause aus auf das neue Jahr anzustoßen.

Jan Zeitler, Oberbürgermeister von Überlingen: „Ich bedauere es sehr, dass der beliebte Bürgerempfang in der gewohnten Form nicht stattfinden kann. Ich schätze es jedes Jahr sehr, mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen und gemeinsam einen Ausblick auf das neue Jahr zu wagen.“
Jan Zeitler, Oberbürgermeister von Überlingen: „Ich bedauere es sehr, dass der beliebte Bürgerempfang in der gewohnten Form nicht stattfinden kann. Ich schätze es jedes Jahr sehr, mit den Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen und gemeinsam einen Ausblick auf das neue Jahr zu wagen.“ | Bild: Hilser, Stefan

Der Dreikönigstrunk, der von dem Heimatforscher Wilhelm Fladt (1876 bis 1941) einst als „geschlossene Weinverkostung des Bürgermeisters und der Ratsherren“ definiert wurde, begrüßt seit vielen Jahren auch Vertreter der Industrie, des Handels und des Handwerks, bekannte Söhne und Töchter der Stadt sowie Vertreter der Presse.

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Vor 25 Jahren scheiterte der Versuch, den Dreikönigstrunk zu reformieren, und der SÜDKURIER titelte „Tradition obsiegte gegen Zeitgeist“. Was war geschehen? Die Liste für Bürgerbeteiligung und Umweltschutz (LBU) hatte den Antrag gestellt, die Veranstaltung für alle Bürger zu öffnen und nicht nur die lokale Prominenz einzuladen. Als Veranstaltungsort hatte der damalige OB Klaus Patzel den Kursaal vorgesehen, denn der historische Rathaussaal wäre viel zu klein gewesen.

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Allerdings: Die anderen Gemeinderatsfraktionen rebellierten gegen den Vorstoß, sie befürchteten, dass der Dreikönigstrunk seinen ganz speziellen Charakter verlieren könnte. Und so zogen viele Jahre ins Land, bis es doch noch zu einem Bürgerempfang für alle Überlinger kam: 2012, initiiert von der damaligen Oberbürgermeisterin Sabine Becker. Die Überlinger machten das neue Format mittels Abstimmung mit den Füßen zum Erfolg: Alle Sitzplätze im Kursaal nebst Empore waren besetzt, sogar im Foyer standen Besucher.

Tradition, die gilt: Dreikönigstrunk seit den 30er-Jahren

Zurück zum Dreikönigstrunk: Dessen Ursprünge reichen bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück, teilt die Stadt auf Anfrage mit. In den 30er-Jahren bat der Überlinger Bürgermeister die Leiter der städtischen Abteilungen und der örtlichen Ämter sowie die Presse hinzu.

Beim Dreikönigstrunk 2019 führte Oberbürgermeister Jan Zeitler (rechts) den Botschafter a.D. und Überlinger Neu-Bürger Dieter W. Haller schon mal in die Traditionen der Stadt ein.
Beim Dreikönigstrunk 2019 führte Oberbürgermeister Jan Zeitler (rechts) den Botschafter a.D. und Überlinger Neu-Bürger Dieter W. Haller schon mal in die Traditionen der Stadt ein. | Bild: Hanspeter Walter

Doch eine Veranstaltung für geladene Gäste trägt ein Problem in sich: die Nicht-Eingeladenen. In der Amtszeit von Bürgermeister Anton-Wilhelm Schelle (1948 bis 1969) wurde dokumentiert, dass es immer wieder Unstimmigkeiten über die Gästeliste gab. Eine Auseinandersetzung wurde 1954 aktenkundig: Mitglieder des Roten Kreuzes erhielten kein Einladungsschreiben und fühlten sich und ihren freiwilligen Einsatz fürs Gemeinwohl nicht ausreichend gewürdigt. Der Grat zwischen Ehrenamt und Ehrenkäsigkeit ist ein schmaler, musste Schelle seinerzeit feststellen Ab den 60er-Jahren wurde der Kreis daher für immer mehr Teilnehmer geöffnet. Der Bürgermeister entschied damals persönlich über die Namen auf der Einladungsliste.

Gleich mit zwei Vorgängern konnte OB Jan Zeitler (Mitte) beim Dreikönigstrunk 2019 auf deren runde Geburtstage anstoßen: Reinhard Ebersbach (1969-1993) war im November 80 Jahre alt geworden, erst vor wenigen Tagen vollendete Volkmar Weber (2000-2008) sein 70. Lebensjahr (von links).
Gleich mit zwei Vorgängern konnte OB Jan Zeitler (Mitte) beim Dreikönigstrunk 2019 auf deren runde Geburtstage anstoßen: Reinhard Ebersbach (1969-1993) war im November 80 Jahre alt geworden, erst vor wenigen Tagen vollendete Volkmar Weber (2000-2008) sein 70. Lebensjahr (von links). | Bild: Hanspeter Walter

Zu Neuerungen kam es auch in der Amtszeit von Reinhard Ebersbach (1969 bis 1993) Er verzichtete auf das Insigne seiner Macht, die Amtskette. Und anstatt über Vergangenes und Zukünftiges zu reden, rückte er das Gespräch in den Mittelpunkt des Dreikönigstrunks. 1970 lud die Stadt erstmals Vertreter der Industrie, des Handels und des Handwerks ein.

Vier Jahre fällt der Dreikönigstrunk dem Rotstift zum Opfer

1974 beschloss der Gemeinderat die Streichung des Dreikönigstrunks im Jahr darauf. Die Stadt musste sparen und wollte ein öffentliches Zeichen setzen. Auch in den drei Folgejahren gab es wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage keinen Dreikönigstrunk. 1977 und 1978 lud Stadträtin Maria Löhle stattdessen zu einem privaten Dreikönigstrunk ein.

Weitere Lockdown-Folgen

Am 20. Januar 1979 führte Reinhard Ebersbach den Dreikönigstrunk schließlich wieder ein. Auf der Liste standen damals mehr als 200 geladene Gäste. 1984 stand der Empfang dann schon wieder in der Kritik, weil die Zahl der Gäste wieder begrenzt blieb. Seit Oberbürgermeistern Patzel findet der Dreikönigstrunk am Abend des 5. Januar als festes Ritual statt. 2021 wird es also das erste Mal seit 42 Jahren keinen Dreikönigstrunk geben. Leidiges Virus.