Stellen Sie sich vor, es ist Bürgerempfang und jeder geht hin. Ganz so war es zwar nicht am gestrigen Sonntagvormittag. Doch trotz oder vielleicht wegen des feuchten Wetters stürmten rund 700 Überlinger den Kursaal. Die letzten hundert mussten mit den Stehtischen im Foyer vorliebnehmen und wurden nach den ersten zwei Stunden des Zuhörens langsam unruhig.

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Hatte Oberbürgermeister Jan Zeitler beim Dreikönigstrunk im begrenzteren Rahmen bewusst auf das Zeitmanagement geachtet, um genügend Raum für Gespräche zu lassen, so strapazierte er die Gäste beim Bürgerempfang deutlich mehr.

Eine gute Stunde Zeit nahm sich der OB für seinen Jahresrückblick und die Vorschau auf die neuen Herausforderungen, Narrenvater Thomas Proß referierte zum Thema Fastnacht und Neubürger Dieter Haller skizzierte die aktuellen Probleme der deutschen Außenpolitik. Am geduldigsten schienen noch die Jugendgemeinderäte, die stark vertreten waren. „Insgesamt fand ich das alles sehr lehrreich“, sagte Liza-Marie Schumacher: „Doch vielen fällt es eben schwer, so lange konzentriert zuzuhören.“

Das ist die Amtskette des Oberbürgermeisters: Jan Zeitler erklärt sie dem kleinen Sufian Haller, Sohn des Botschafters i.R. Dieter Haller (Mitte).
Das ist die Amtskette des Oberbürgermeisters: Jan Zeitler erklärt sie dem kleinen Sufian Haller, Sohn des Botschafters i.R. Dieter Haller (Mitte). | Bild: Hanspeter Walter

Durchatmen konnten die Bürger bei der Musik der Jugendkapelle unter der Leitung von Ralph Ochs. Obwohl die Hommage an Queen und den aktuellen Film mit der aufregenden Bohemian Rhapsody sich nicht gerade zum Zurücklehnen eignete. Doch die Soli der jungen Instrumentalisten begeisterten die Zuhörer regelrecht und Ochs klopfte allen anerkennend auf die Schulter.

Augenmerk auf Wohnungsbau und Verkehrsentwicklung

Einige bemerkenswerte Aussagen hatte OB Jan Zeitler in seinen Ausblick verpackt, in dem er neben der Landesgartenschau ein besonderes Augenmerk auf den Wohnungsbau und die Verkehrsentwicklung richtete. So kündigte Zeitler eine Diskussion über die Zweckentfremdung von Wohnraum an, ein Thema, das von der Verwaltung bislang eher kritisch gesehen und nur mit den Fingerspitzen angefasst wurde. „Wir werden noch im ersten Quartal eine Satzung zur Verhinderung einer Zweckentfremdung beraten.“ Zudem werde man sich Gedanken machen, inwieweit der Spital- und Spendfonds einen Beitrag zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum leisten könne. Beim Verkehr, „ein Thema, das vielen schwer im Magen liegt“, stünden Entscheidungen an, nicht nur in der Hafenstraße. Zeitler brachte wieder eine temporäre Sperrung der Innenstadt ins Gespräch. „Ich bin jetzt im zweiten Jahr im Amt“, sagte der OB: „Im dritten Jahr hätte ich gerne Lösungen.“

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Heiter und unterhaltsam, dafür aber handgestoppte 30 Minuten nutzte Narrenvater Thomas Proß, um die Überlinger Fastnacht im Allgemeinen, den Viererbund im Besonderen und schließlich das Jubiläumstreffen in fast genau einem Jahr vorzustellen.

Botschafter i.R. Haller: "Es wird allmählich unruhig im Saal"

Vor diesem Hintergrund hatte es Neubürger Dieter Haller als Botschafter im Ruhestand nach knapp zwei Stunden Programm nicht leicht, mit außenpolitischen Themen die Aufmerksamkeit der Bürger aufrechtzuerhalten. Bei den Themen Brexit und Europa, Trump und die USA, selbst bei Saudi-Arabien glaubten die Zuhörer, nicht viel Neues herausgehört zu haben. Manche hatten vielleicht einiges aus dem Nähkästchen des ehemaligen Diplomaten erwartet, wo die dienstliche Schweigepflicht noch bremst. „Es wird allmählich etwas unruhig im Saal“, diagnostizierte Haller schließlich. „Sie warten auf den Überlinger Wein.“ Was die Bürger wenige Minuten später mit dem Sturm aufs Buffet unter Beweis stellten.

Der Nusszopf des Jahres 2019 findet großen Zuspruch. Claudia Baumann (links) und Monika Lüddecke von den Trachtenfrauen haben alle Hände voll zu tun.
Der Nusszopf des Jahres 2019 findet großen Zuspruch. Claudia Baumann (links) und Monika Lüddecke von den Trachtenfrauen haben alle Hände voll zu tun. | Bild: Hanspeter Walter