Das Leben einer durchschnittlichen Kleinfamilie ist nichts für Nora Müller und ihren Mann Gerd. Bevor die beiden in Goldbach ein Mehrgenerationenhaus bauten, wohnten sie mit ihren beiden Töchtern und mehreren Pflegekindern in Frickingen. Danach suchten sie ein neues Wohnkonzept für den nächsten Lebensabschnitt. "Wir hatten die Idee, für andere mitzubauen", erzählt Nora Müller. "Für möglichst viele", fügt sie hinzu. Und da sie "voll auf dem Öko-Trip" sind, wie sie es ausdrückt, bauten sie ein Haus aus ökologischen Materialien und erzeugen Wärme und Strom selbst in einem kleinen Blockheizkraftwerk.

Nora Müller hat mit ihrem Mann zusammen das Mehrgenerationenhaus in Goldbach gebaut.
Nora Müller hat mit ihrem Mann zusammen das Mehrgenerationenhaus in Goldbach gebaut. | Bild: Sabine Busse

Viele Hürden bis zum Einzug

Bis die neun Wohnungen, deren Zuschnitte vom Ein-Zimmer-Apartment bis zur Fünf-Zimmer-Wohnung reichen, bezogen werden konnten, dauerte es Jahre. Die Pläne mussten immer wieder nachgebessert werden, bis die Müllers die Genehmigung erhielten. Die bürokratischen Hürden seien teilweise sehr hoch gewesen, erzählen sie. Aber sie ließen sich von ihrer Idee nicht abbringen, fanden Unterstützer im Freundeskreis und Ende 2012 füllte sich das Haus endlich mit Leben.

Das Schild an der Fassade des Hauses in Goldbach verrät, dass in diesem Gebäude mehrere Generationen leben.
Das Schild an der Fassade des Hauses in Goldbach verrät, dass in diesem Gebäude mehrere Generationen leben. | Bild: Sabine Busse

Mehrgenerationenhäuser in vielen Neubaugebieten geplant

Mittlerweile gibt es deutschlandweit bereits mehr als 500 solcher Einrichtungen – und es werden immer mehr. Bei vielen Neubaugebieten, zum Beispiel auch im Gebiet "Südlich Härlen", sind Mehrgenerationenhäuser parallel zu klassischen Wohnformen eingeplant. Doch wie lebt es sich eigentlich in einer solchen Wohngemeinschaft?

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Gemeinschaftsräume für Veranstaltungen und Treffen

Zurück in Goldbach: Im Erdgeschoss des Mehrgenerationenhauses empfängt den Besucher ein Tisch mit Blumen und eine kleine Bank. Die vielen Kinderwagen im hinteren Teil verraten, dass hier junge Familien leben. Ein großer Gemeinschaftsraum bietet Platz für Veranstaltungen und wird auch vermietet. Hinter dem Haus wartet ein kleiner Sandkasten auf winterfeste Spielkinder und daneben ist der Außenbereich, wo man sich im Sommer beispielsweise zum Grillen trifft.

Jeder bringt sich ein

Der jüngste Bewohner des Mehrgenerationenhauses wird in den nächsten Tagen das Licht der Welt erblicken, der älteste ist 89 Jahre alt. Unter den Bewohnern sind zwölf Erwachsene und zwölf Kinder. Sie seien ein bisschen blauäugig in das Projekt gestartet, sagen die Müllers heute. Mittlerweile habe jeder Bewohner einen Mietvertrag und nach einer recht hohen Fluktuation zu Beginn sei in den vergangenen Jahren Ruhe eingekehrt. Gerd Müller sagt: "Es ist ein schmaler Grat zwischen der Gemeinschaft auf der einen Seite und der finanziellen und rechtlichen Verantwortung auf der anderen." Anstehende Themen werden bei den 14-tägig stattfindenden Hausabenden besprochen und die Aufgaben auf Freiwilligenbasis verteilt, erzählt er. Jeder bringe sich nach seinem Geschmack ein. Die Müllers beispielsweise springen gerne mal als Babysitter ein und wer beim Einkaufen etwas vergessen habe, klopfe schnell beim Nachbarn, wo man sich zur Not auch mal das Auto leihen könne.

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Menschen prägen das Miteinander

In ihrem Mehrgenerationenhaus sind die Müllers Initiatoren, Verantwortliche und Vermieter. Doch es gibt auch andere Konzepte, wie zum Beispiel die Neubauanlage in Andelshofen. Die sieben Wohnungen in zwei Mehrfamilienhäusern samt Gemeinschaftsflächen drum herum hatte ein Immobilienunternehmen errichtet und anschließend verkauft. "Das war als Mehrgenerationenhaus angedacht", erzählt Ulrike Grundt, Geschäftsführerin von Lebensart am Bodensee. Dank der unterschiedlichen Wohnungsgrößen hätte sich die Belegung auch altersmäßig gemischt, aber wie gemeinschaftlich das Miteinander praktiziert werde, sei nicht planbar. "Die Möglichkeiten können Architekten schaffen, aber mit Leben müssen das die Menschen füllen."

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Alltag ist mitunter heraufordernd

Wie herausfordernd der Alltag sein kann, wissen die Müllers. Die Hausgemeinschaft hat beschlossen, auf WLAN in den Wohnungen zu verzichten, um die Strahlung zu minimieren. Auf die Frage, ob das mit Jugendlichen funktioniere, sagt Nora Müller: "Nein. Im Prinzip sind sich alle einig, aber in der Praxis arbeiten wir noch daran."