Kürzlich erregte am Landungsplatz ein ungewöhnlicher Gast Aufmerksamkeit. Direkt am Landungssteg, umringt von den Menschen, die darauf warteten, ins nächste Schiff einsteigen zu können, stand ein Pferd. Fünf Packtaschen waren um seinen Sattel befestigt, eine war mit einer gelben Warnweste umwickelt, auf der stand: „Wanderritt seit 31.03.2019.“

Acht Monate Vorbereitung

Das Pferd heißt Tequila Smokin Chex, kurz Chex, und gehört Jürgen Vorwerk. Seit 147 Tagen sind die beiden zusammen unterwegs. Mission: Deutschlandtour. Acht Monate hat sich der 52-Jährige aus Rheinland-Pfalz darauf vorbereitet: „Ich habe Packlisten anderer Wanderreiter im Internet studiert und Kontakte zu anderen Wanderreitern über Facebook hergestellt.“ Um Chex auf die „vielen Kurzstrecken für längere Zeit“ vorzubereiten, ritten sie den ganzen Winter über viermal die Woche 15 Kilometer aus.

30 Kilogramm Gepäck trägt Chex jeden Tag.
30 Kilogramm Gepäck trägt Chex jeden Tag. | Bild: Judith Brouwers

2500 Kilometer in fünf Monaten

Dann, Ende März, der Startschuss. Vorwerks Job als Maschinenbau-Ingenieur ist gekündigt, 30 Kilogramm Reisegepäck sind bereit. Für sechs Monate Wanderritt hat Vorwerk ein Zelt und einen Schlafsack, Regenkleidung, Unterwäsche, einen Kulturbeutel, Futternotrationen für sich und Chex, Hufschutz sowie Stangen und Elektrodrähte für einen Auslauf dabei. Los geht die Reise in der Nähe von Bad Kreuznach. Ein kurzer Abstecher ins Saarland, dann weiter Richtung Nordrhein-Westfalen, durch die Eifel, den Niederrhein entlang und durchs Münsterland. Richtung Norden reiten sie nach Niedersachsen, durch das Osnabrücker Land nach Vechta, von dort über Bremen zur Nordsee. Der nördlichste Punkt, den Reiter und Pferd erreichen, ist Cuxhafen. Von dort geht es an der Elbe hinauf durch Buxtehude, Altenmedingen und Ziemendorf. Die Route führt sie weiter durch den Harz und durch Hessen nach Franken. Entlang der bayrisch-baden-württembergischen Grenze reitet er dann schließlich Richtung Bodensee. Nach fünf Monaten und einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von vier Kilometern pro Stunde erreicht Jürgen Vorwerk sein südlichstes Ziel: Überlingen. Fast 2500 Kilometer hat der 52-Jährige bis hierhin zurückgelegt.

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In Überlingen musste er am Landungsplatz erst einmal ein obligatorische Foto von Chex vor dem Bodensee machen. Danach gab es für den Reiter ein Eis, der Eisdielenbesitzer spendierte eine Waffel für das Pferd. Während Chex angebunden an die Fahrradständer eine kleine Stärkung bekam, löcherten die Überlinger Jürgen Vorwerk mit Fragen: Welche Rasse das sei, wollte ein Herr wissen. „Ein Quarter Horse“, antwortete sein Reiter. „Wie alt ist er denn?“, fragte der Herr wieder. „Der ist schon 21“, gab Vorwerk Auskunft. „Und, ist das Pferd auf der Reise schon mal krank gewesen?“, fragte eine ältere Dame. „Zum Glück nicht“, sagte Vorwerk.

Stärkung für Pferd und Reiter am Überlinger Landungsplatz.
Stärkung für Pferd und Reiter am Überlinger Landungsplatz. | Bild: Judith Brouwers

15 bis 20 Kilometer legen die beiden jeden Tag zurück. Anfangs war das deutlich mehr, sogar zwei 40 Kilometer-Etappen gab es. Das war dann aber doch ein bisschen viel. 60 Prozent einer Tagestour läuft Jürgen Vorwerk neben seinem Pferd her, um Chex zu entlasten. Einmal in der Stunde kommt Chex‘ großer Moment: Zehn Minuten Fresspause. Alle fünf bis elf Tage legt Vorwerk einen oder mehrere Pausentage ein. Wann genau so ein freier Tag dran ist, macht er von seiner Unterkunft abhängig. Die sucht er immer erst am selben Tag aus, reitet Höfe an, fragt nach, ob ein Stück Wiese oder eine Pferdebox frei ist. In Überlingen schliefen sie auf dem Georgenhof: Vorwerk im Zelt, Chex auf einem abgetrennten Bereich der Obstwiese.

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418 Kilometer warten noch auf ihn

Mit Eis gestärkt führte Jürgen Vorwerk Chex die Franziskaner Straße hoch. Was ihm am Wanderreiten besonders gefällt? „Die Kombination von Reiten und Natur. Die Einsamkeit am Tag und die Gesellschaft am Abend“, sagt er. Nach einer Stunde Aufenthalt am Bodensee ging es schon weiter. Überlingen war nur ein Zwischenstopp, jetzt reitet das Duo weiter Richtung Owingen. 418 Kilometer sind es noch bis nach Hause. 20 bis 25 Tage werden sie noch unterwegs sein, Pausentage nicht eingerechnet. Dann hat Vorwerk in sechs Monaten fast 3000 Kilometer zurückgelegt.

Nach kurzem Aufenthalt am Bodensee geht es für Jürgen Vorwerk und Pferd Chex schon wieder weiter.
Nach kurzem Aufenthalt am Bodensee geht es für Jürgen Vorwerk und Pferd Chex schon wieder weiter. | Bild: Judith Brouwers