Klettern ist ein Balanceakt. Ein falscher Schritt und der Absturz droht. Gelingt jedoch der Aufstieg, erwarten den Kletterer große Glücksmomente. Für die Mitglieder des Deutschen Alpenvereins (DAV) Überlingen dürfte das Gefühl, das sie bei der Planung ihres Kletterzentrums erleben, daher nicht unbekannt sein. Schließlich gleicht diese einem höchst komplizierten Anstieg mit vielen Gefahrenstellen.

Überlinger, die klettern wollen, müssen derzeit nach Radolfzell fahren, wo die Konstanzer DAV-Sektion seit 2005 eine Kletterhalle betreibt. Läuft alles nach Plan, soll ab 2020 auch in Überlingen ein Kletterzentrum stehen mit dem Schwerpunkt Bouldern.
Überlinger, die klettern wollen, müssen derzeit nach Radolfzell fahren, wo die Konstanzer DAV-Sektion seit 2005 eine Kletterhalle betreibt. Läuft alles nach Plan, soll ab 2020 auch in Überlingen ein Kletterzentrum stehen mit dem Schwerpunkt Bouldern. | Bild: Jarausch, Gerald

DAV-Chef: „Das Projekt war auf der Kippe“

Nach einem jahrelangen Kampf um eine Kletterhalle in Überlingen, schien im vergangenen November doch noch der Gipfel erreicht. Mit mehr als 95 Prozent sprachen sich die DAV-Mitglieder auf einer außerordentlichen Versammlung für den Bau eines Vereins- und Kletterzentrums auf dem Schulcampus aus – und das trotz noch offenen 300 000 Euro und der fehlenden finanziellen Unterstützung von der Stadt. Dennoch: Mit dem Beschluss schien die vorerst schwierigste Hürde genommen, die Planung für den Bau konnte beginnen. Doch weit gefehlt, die Turbulenzen gingen weiter. „Das Projekt war sogar auf der Kippe“, sagt Klaus Haberstroh, Vorsitzender der Überlinger DAV-Sektion, heute rückblickend.

So soll die Überlinger Kletterhalle einmal aussehen.
So soll die Überlinger Kletterhalle einmal aussehen. | Bild: DAV Überlingen

Hohe Brandschutzauflagen

Grund dafür waren die hohen Brandschutzauflagen für die Halle. „Wir wurden in die höchste Brandschutzklasse 5 eingestuft und der geplante Holzbau wäre nur mit großen Auflagen und hohen Kosten realisierbar gewesen“, erklärt Haberstroh in einem Brief an die Mitglieder. „Wir haben dann zwischenzeitlich umgeplant auf eine Konstruktion mit Stahlbeton, die aber am Ende nicht finanzierbar war.“ Also wurden die Entwürfe nochmals überarbeitet, bis eine Lösung gefunden war: „Nach mehreren Planungsrunden sind wir schlussendlich bei der gewünschten Gebäudeklasse 3 gelandet und wir können wieder in der kostengünstigeren Holzkonstruktion ohne große Auflagen bauen.“

So soll die Überlinger Kletterhalle einmal aussehen. Die Ansicht zeigt das Gebäude von der St.-Johan-Straße aus. Bild: DAV Sektion Überlingen
So soll die Überlinger Kletterhalle einmal aussehen. Die Ansicht zeigt das Gebäude von der St.-Johan-Straße aus. Bild: DAV Sektion Überlingen | Bild: DAV Überlingen

Stadt schweigt

Doch damit nicht genug: Wie zu hören war, stand scheinbar kurzzeitig sogar im Raum, dass die Halle nun doch nicht auf dem Schulcampus gebaut werden dürfe. Was steckt hinter diesen Gerüchten? Hierzu möchte sich die Stadt auf SÜDKURIER-Anfrage nicht äußern: „Bitte haben Sie Verständnis, dass es nicht mit unserer professionellen Arbeitsweise vereinbar ist, uns zu Gerüchten oder Vermutungen öffentlich zu äußern“, teilt die Pressestelle mit.

Jetzt: „Eine gute Lösung“

Auch Klaus Haberstroh möchte sich hierzu nicht äußern. Für ihn ist die wichtigste Nachricht: „Es passiert etwas, es geht voran.“ Am 8. April hat der DAV beim städtischen Bauamt einen Bauantrag für das Vereins- und Kletterzentrum gestellt – mit dem 16. Entwurf seit Beginn der Planungen im Jahr 2014. Haberstroh ist optimistisch, dass dieser nun genehmigt wird. „Ich denke, wir haben eine gute Lösung gefunden.“ Und auch die Stadt sagt auf Nachfrage: „Die Gespräche mit dem DAV sind gut verlaufen. Der Bauantrag befindet sich derzeit in Prüfung und aufgrund der Vorgespräche gehen wir von einer Genehmigungsfähigkeit aus.“

Kredit über 800 000 Euro

Auch aus finanzieller Sicht gibt es gute Nachrichten: Zwei Banken hätten dem Verein den Kredit für die noch ungedeckten 800 000 Euro zugesagt, so Haberstroh. Zudem soll demnächst die Suche nach Sponsoren beginnen. Die hatte der DAV nach hinten verschoben, so lange vertraglich noch nicht alles abgesichert war. Über Crowdfunding und Privatspenden hat die Sektion bereits mehr als 100 000 Euro eingenommen. Von ortsansässigen Firmen verspricht sie sich nun zusätzliche Hilfe. Zudem rechnet der Verein mit Fördergelder vom DAV-Dachverband und vom Badischen Sportbund. Insgesamt beziffert der Verein sein Bauvorhaben auf Kosten von rund 1,8 Millionen Euro.

Intensive Vorbereitung nicht nur am Bau

Auch wenn eine endgültige Genehmigung noch aussteht, gehen beim DAV die Vorbereitungen weiter. Derzeit werden intensiv die Nutzungsanforderungen und die Ausstattung der Kletter-, Übungs- und Versammlungsräume sowie des Außenkletterbereichs diskutiert. „Das Zentrum ist ja nicht nur für Kletterer, sondern für den ganzen Verein gedacht“, sagt Klaus Haberstroh. So wird es in der Halle auch einen Versammlungsraum und ein Bistro geben. Außerdem beginnt demnächst schon die Suche nach geeignetem Personal und auch an die Ausbildung künftiger Kletterbetreuer wird von den Initiatoren bereits gedacht. Schließlich soll pünktlich zur Eröffnung alles perfekt laufen. „Wir müssen gucken, dass alles vorbereitet ist“, sagt Haberstroh. „Die Erfahrungen von anderen Sektionen mit Kletterhalle zeigen, dass das oft unterschätzt wurde.“

Eröffnung Herbst 2020?

Doch wann soll die Eröffnung stattfinden? Klaus Haberstroh rechnet, vorausgesetzt das Bauamt erteilt zeitnah eine Baufreigabe, mit einem Baubeginn Ende des Jahres. Die Fertigstellung der Halle ist bei optimalen Verlauf für Herbst 2020 denkbar. Damit dies funktioniert, muss der Bau der Kletterhalle intensiv mit den anderen Arbeiten auf dem Schulcampus abgestimmt werden. „Natürlich ist die Koordination der einzelnen Projekte rund um den Schulcampus komplex, bei gegenseitiger Rücksichtnahme aber möglich“, schreibt die Stadt hierzu. Der mühsame Aufstieg des DAV bis zur Eröffnung der Kletterhalle geht also weiter, die Absturzgefahr scheint aber vorerst gebannt.