Wer in den 55 Jahre alten Text des Theaterstücks von Martin Walser hineinliest und wer zudem Birgit und Oliver Nolte schon bei ihren verschiedenen Inszenierungen erlebt hat, der kann sich diese Kombination bestens vorstellen. Hier können sie Tiefgang und Witz gleichermaßen zeigen. Gut möglich, dass der alte Walsertext "Die Zimmerschlacht" dem neuen Wintertheater sogar wieder Schwung verleiht und der traditionellen Veranstaltungsreihe Leben einhaucht. Sie hatte sukzessive an Resonanz beim Publikum eingebüßt und stand schon auf der Streichliste. Wenn es für die Noltes darüber hinaus noch Motivation ist, sich weiterhin auf ihrer Kleinkunstbühne zu zeigen und Überlingen treu zu bleiben, dann könnte der Ansatz des Kulturamts sogar ein doppelter Gewinn sein.

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Trude heißt Tina, Felix ist Felix

"Das hat was Apokalyptisches, Trude, hier hab ich die Manschettenknöpfe hingelegt..." Trude heißt bei Noltes zwar zeitgemäßer Tina. Aber Felix ist auch mehr als fünf Jahrzehnte später noch ein salonfähiger Männername für einen Ehegatten, der seine Krawatte heimlich versteckt, um den Aufbruch zu einer Einladung irreversibel hinauszuzögern. Die Dialoge, die partiell zu langen Monologen werden, sind vielschichtig. Plötzlich fällt Felix ein, dass draußen draußen ist und "wir hier sind". Dabei erinnert er an bessere Zeiten, in denen sie sich nach derlei Situationen gesehnt hätten.

Birgit Nolte-Michel: Begeistert von Walsers Sprache

"Je länger wir uns damit intensiv beschäftigt haben, desto mehr hat uns Walser Sprache hier begeistert", sagt Birgit Nolte-Michel. Er habe auf der einen Seite echte Stereotype gezeichnet, auf der anderen Seite werde zwischendurch immer wieder die Menschlichkeit und die Herzlichkeit der Personen spürbar, die viel Tiefgang hätten: hier der promovierte Geografie-Lehrer, der seine Gesteinssammlung beschriftet, dort die Ärztin, die in den 1960er Jahren noch wie selbstverständlich das Haus hütete.

Oliver Nolte: Nicht jeder Schriftsteller kann gute Theaterdialoge schreiben

"Nicht jeder Schriftsteller kann auch so gute Theaterdialoge schreiben", sagt Oliver Nolte. Das Bühnenbild haben die Noltes völlig reduziert – auf zwei Stühle, ein Kissen und ein Tablett mit Flasche und Gläsern. "Alles andere würde das Publikum von den Personen ablenken, um die es geht." Die von Martin Walser noch angeregten vollen Regale und die Vitrine mit Gesteinsproben, die die Spießigkeit des Haushalts unterstreichen sollen, brauche es nicht. Schließlich komme in der Sprache alles zum Ausdruck.

Am eine eine "Zimmerschlacht" mit Worten

Die Dialoge sind amüsant, witzig und münden oft ins Groteske. Da klagt Felix über seine Schuppen und Tina macht ihm klar: "Wer keine Haare hat, kann auch keine Schuppen haben." Im Verlauf des Stücks schimmern die Abgründe der persönlichen Beziehung immer intensiver durch. Wie zwei Chirurgen seziert sich das Paar gegenseitig bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus, es entwickelt sich auf der Bühne am Ende tatsächlich eine "Zimmerschlacht" mit Worten.

Szenen in heutige Zeit transferiert

Walser lässt sein "Übungsstück für ein Ehepaar" mit einer Flucht aus der ausweglosen Situation enden. Tina und Felix übertünchen ihren Konflikt und gehen am Ende eben doch zu der Party. "Das passt für uns nicht mehr in die heutige Zeit", sagte Oliver Nolte. "Deshalb haben wir den Schluss offengelassen." Auch die eine oder andere Szene transferieren sie in die heutige Zeit. Die im Original reflektierten Weltkriegserfahrungen verlegen Noltes in den Kalten Krieg. Der Showdown bei der "Zimmerschlacht" wird dennoch heftig.