Als ob sich an der Schlossseeallee, wo Salems neue Gemeindemitte entsteht, Wühlmausgiganten heimisch gemacht hätten, wachsen dort mächtige Erdhügel aus dem Boden. Vor zwei Wochen haben sich hier Bagger und Schaufellader ans Jahrhundertprojekt der Schlossseegemeinde gemacht. Hier werden Rathaus, Einzelhandel und Dienstleistungsangebote, Freizeit und Erholung sowie Wohnen miteinander symbiotisch verbunden. Noch gibt es aber einige Fragezeichen, ob sich die gesetzten Pläne in vollem Umfang umsetzen lassen. Und auch die veranschlagten Kosten, die auf die Gemeinde zukommen, bewegen sich auf dünnem Eis. Dennoch gibt sich Bürgermeister Manfred Härle zuversichtlich. Kürzlich betonte er beim Neujahrsempfang: "Das Projekt ist gut aufgegleist und solide durchfinanziert."

Bürgermeister Härle ist überzeugt, dass die neue Gemeindemitte trotz steigender Preise im Baugewerbe nach wie vor ohne Kreditaufnahme gestemmt werden kann. Es werde auch zu keinen Einschränkungen bei anderen kommunalen Vorhaben und Projekten kommen. Das ist das Entscheidende für ihn. Mal ganz abgesehen vom Sinn und Zweck der neuen Gemeindemitte. "Während andere Städte und Gemeinden noch über den demografischen Wandel in unserer Gesellschaft diskutieren und überlegen, wie sie darauf reagieren", so Härle, "haben wir diesen Prozess bereits abgeschlossen und die Weichen für die Zukunft gestellt." Barrierefreies Wohnen, Nahversorgung um die Ecke und eine Grundversorgung der kurzen Wege hält Härle für die elementaren Herausforderungen und Ansprüche an zukunftsweisende und moderne Wohnquartiere. Und die sieht er mit der neuen Gemeindemitte erfüllt.

Dass bei einem solchen Vorhaben nicht alles glattgeht, ist für Härle kein Beinbruch. Nicht nach Plan läuft die geplante Ansiedlung eines Hotels. Es hat sich zwar ein Investor gefunden, der von der Gemeinde auch das Grundstück erworben hat, aber der blieb bei der Suche nach einem Betreiber erfolglos. Nach Härles Angaben wurden mit etwa zwei Dutzend Interessenten Gespräche geführt. Aber ohne Erfolg. Offenbar werde von potenziellen Betreibern keine tragfähige Wirtschaftlichkeit für einen Ganzjahresbetrieb gesehen, sagt er. Dass man sich von einem Hotelbetrieb verabschieden muss, wertet Härle allerdings nicht als Rückschlag. Denn die Hotelplanung könne ohne Einschränkung und ohne Qualitätsverlust für das Konzept der "Neuen Mitte" durch ein Wohn-, Geschäfts- und Ärztehaus ersetzt und realisiert werden.

Gesichert ist hingegen, dass ein großer Lebensmittelmarkt in die "Neue Mitte" kommt. Laut Härle ist der Investor mit Edeka als Pächter handelseinig geworden. Noch im Schweben ist dagegen die geplante Ansiedlung eines Drogeriemarkts. Nachdem sich keine der großen Drogeriemarktketten für eine Niederlassung in der neuen Gemeindemitte erwärmen konnte, sondern eher mit einem potenziellen Platz auf dem Aldi-Areal in der Alten Neufracher Straße liebäugelten, wurden die in der "Neuen Mitte" für einen Drogeriemarkt vorgesehenen Räumlichkeiten pachtweise an Edeka vergeben, damit neben dem Lebensmittelmarkt noch ein Getränkemarkt eingerichtet werden kann.

Abgeschrieben muss die Ansiedlung eines Drogeriemarkts indessen noch nicht. "Dafür würden sich", wie Härle in seiner Neujahrsansprache erklärte, "zwei Alternativstandorte anbieten." Wie Härle dem SÜDKURIER gegenüber erklärte, steht der Investor der in Frage kommenden Gebäude mit verschiedenen Drogeriemarktbetreibern in nicht aussichtslosen Verhandlungen.

Problemlos angelaufen ist die Wohnbebauung. Die Bauanträge und Baugenehmigungen für die Wohnquartiere liegen größtenteils vor. Am weitesten ist die Firma Brutschin. Sie wird im März mit dem ersten Bauabschnitt beginnen. Wie es vonseiten des Unternehmens heißt, sind 40 Prozent der 38 Wohneinheiten in den Stadtvillen bereits verkauft, für 20 Prozent liegen Reservierungen vor. Mit der Planung des zweiten Bauabschnitts will die Firma Brutschin im Sommer beginnen. Die Firma BDP hat vor einigen Tagen die Baugenehmigung erhalten und fängt jetzt mit der Vermarktung an. Die Firma Rhomberg aus Ravensburg baut drei Stadtvillen mit 36 Wohneinheiten. Der Baubeginn ist für Herbst 2018 geplant. Mit der Vermarktung startet das Unternehmen im kommenden Frühjahr.

Zahlen und Fakten rund um die Neue Mitte

  • Die Historie: Bereits in den 1970er Jahren schlummerten in den Schubladen von Salems Alt-Bürgermeister Werner Kesenheimer Pläne für eine zentrale Mitte in der aus elf Teilorten bestehenden Gemeinde. Südlich der Schlossseeallee wurde in der Folge auch ein Wohn- und Geschäftszentrum errichtet. Die Neue Mitte erstreckt sich über eine Fläche von rund sieben Hektar nördlich der Schlossseeallee. Erstmals kam das Projekt 2011 auf die Tagesordnung, als nach einem Standort für einen Lebensmittel-Vollsortimenter gesucht wurde. Einhergehend damit verfestigte sich die Idee, am Schlosssee eine Kombination von Einkaufen, Dienstleistungen, Wohnen sowie Freizeit und Erholung zu realisieren. Im Jahr 2012 befragten Studenten der Friedrichshafener Zeppelin-Universität die Salemer Bevölkerung, wie sich eine neue Mitte wünschen. 2013 fand unter Beteiligung der Bürger eine Reihe von Workshops zur Ausgestaltung der Neuen Mitte statt. 2014 lieferte ein städtebaulicher Ideenwettbewerb die Grundlage für einen Masterplan.
  • Der öffentliche Bereich: Die Gemeinde baut das Rathaus mit Tiefgarage, Bürgerpark und Marktplatz. Die aktuelle Kostenberechnung beläuft sich auf 25,6 Millionen Euro. 13,4 Millionen Euro können durch Grundstückserlöse und staatliche Zuschüsse refinanziert werden. Für die verbleibenden 12,2 Millionen Euro hat die Gemeinde Rücklagen entsprechende geschaffen. Die nichtöffentliche Fläche wird von privaten Investoren bebaut. Insgesamt dürfte das Investitionsvolumen deutlich über 100 Millionen Euro liegen.
  • Die Investoren: Brutschin Wohnbau GmbH aus Waiblingen (Stadthäuser mit Gewerbeflächen in den Erd- und Wohnungen in den Obergeschossen). Rhomberg Bau GmbH, Ravensburg (drei Stadtvillen am nördlichen Rand der Neuen Mitte mit Blick auf den Schlosssee). BPD Immobilienentwicklung GmbH (sechs Doppelhaushälften und ein dreistöckiges Gebäude mit Penthousegeschoss entlang des Bürgerparks). Activ-Group GmbH aus Schemmerhofen (Lebensmittelmarkt und Wohn- und Geschäftshaus anstelle des geplanten Hotels).
  • Der Zeitplan: Für Anfang April ist die Grundsteinlegung für das Rathaus geplant. Etwa gleichzeitig werden auch die privaten Investoren loslegen. Bis 2020 dürfte der überwiegende Teil der Neuen Mitte stehen. (as)