Als der Gymnasiast Geyersbach schon wieder patzte, nannte ihn der Arnstädter Chorleiter Johann Sebastian Bach einen "Zippelfagottisten". Derart beleidigt, griff Geyersbach ihn an kommenden Tag tätlich an – Bach griff zum Degen und zerlöcherte ihm sein Oberkleid. So erzählt es der Dirigent Georg Mais bei der Eröffnungsveranstaltung des Mozart-Sommers im Schloss Salem. "Auf den Spuren von Johann Sebastian Bach" heißt der Titel der musikalischen Lesung. "Mozart hat viel von Bach gelernt, außerdem entstand der Kaisersaal zur Zeit Bachs", begründet Mais diesen Auftakt.

Mais schildert Bachs Lebensweg und dessen Persönlichkeit: "Er aß gern und war auch einem guten Tropfen nicht abgeneigt, er hätte sich hier wohlgefühlt", sagt Mais. Gern ging Bach mit Pfeife und Degen spazieren und pflegte viele Freundschaften. Von Schicksalsschlägen ließ er sich nicht unterkriegen: Mit neun Jahren wurde er Waise, seine erste Frau Maria Barbara starb mit nur 36 Jahren, zehn seiner 20 Kinder starben früh.

Georg Mais widmet sich auch den menschlichen Seiten des Komponisten Johann Sebastian Bach.
Georg Mais widmet sich auch den menschlichen Seiten des Komponisten Johann Sebastian Bach. | Bild: Corinna Raupach

Geigerin Yurie Tamura lotet dazu die Tiefen und Untiefen von Bachs Musik anhand der Partita Nr. drei für Solo-Violine aus. Mühelos perlen Töne von ihrem Instrument, während sich mehrere Stimmen begegnen, laut oder leise, hell oder dunkel, munter oder nachdenklich. Einige Tänze fliegen nur so über die Saiten, anderen lässt sie Zeit zum Atmen oder verleiht ihnen kraftvollen Nachdruck.

Bach gilt heute als einer der wichtigsten Komponisten der Musikgeschichte. Zu Lebzeiten musste er um Anerkennung kämpfen. Schon bei der ersten Organistenstelle in Arnstadt warf ihm der Rat vor, seine Musik "konfundiere" (verwirre) die Gemeinde. Ein Hamburger Musikkritiker fand, er verdunkle die Schönheit seiner Musik "durch allzugroße Kunst". Dietrich Buxtehude bot ihm die Nachfolge an, dafür hätte er aber dessen Tochter Anna Margreta heiraten müssen. "An dieser Bedingung waren schon Georg Friedrich Händel und Johann Mattheson gescheitert", sagt Georg Mais. Als Thomaskantor in Leipzig stellte ihn der Rat erst nach Absagen von Telemann und Graupner an. "Da man nun die Besten nicht bekommen könne, so müsse man mittlere nehmen", zitiert Mais einen Ratsherren.

Entsprechend hatte Johann Sebastian Bach immer wieder Schwierigkeiten mit seinen Chefs. In Mühlhausen reichte das Geld nicht, in Weimar erhielt er als Hoforganist zwar 150 Gulden, aber das strenge Hofprotokoll missfiel ihm. Für seine Bewerbung in Anhalt-Köthen steckte ihn sein Dienstherr ins Gefängnis. Fürst Leopold unterhielt in Köthen eine ausgezeichnete Kapelle, spielte selbst Geige und schätzte Musik und Person Bachs. "Die Stelle dort ist ein Glücksfall", sagt Georg Mais. Aber Leopold heiratete und interessierte sich fortan nicht mehr für Musik. Dem Leipziger Rat schließlich rückten die Passionen dem Genre der Oper verdächtig nahe. Bach zog sich zurück und arbeitete an der Kunst der Fuge. "Es ist nicht zu übersehen, dass hier ein Zeitalter endet", sagt Mais.

Johann Sebastian Bach geriet nach seinem Tod 1750 in Vergessenheit. Erst mit der Aufführung der Matthäus-Passion 1829 durch Felix Mendelssohn begann seine Wiederentdeckung. Mais endet mit einem Zitat von Albert Einstein: "Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: hören, spielen, lieben, verehren und das Maul halten!"