In der Morgendämmerung am Bodenseeufer bei der Meersburger Therme ahnt noch niemand, welchen Verlauf der Freischwimmwettbewerb an diesem Tag nehmen wird. Die Teilnehmer sind gespannt auf die Seequerung. Unter ihnen ist die 61-jährige Karin Oser. „Ich schwimme schon seit Jahren Freiwasser, oft in Griechenland und auch viel im Meer. Das ist auch faszinierend, weil man da mehr Auftrieb hat“, schildert die Baslerin, die heute ausnahmsweise wegen des besseren Auftriebs einen Neoprenanzug trägt. „Normalerweise schwimme ich im Badeanzug“, erklärt sie.

Kurz nach fünf Uhr in der Früh an der Meersburger Therme: die 61-jährige Karin Oser aus Basel.
Kurz nach fünf Uhr in der Früh an der Meersburger Therme: die 61-jährige Karin Oser aus Basel. | Bild: Lena Reiner

Zu den Bodensee Open Waters sei sie gekommen, da es nur wenige Angebote gebe, so lange Strecken zu schwimmen, sagt Karin Oser. Die zehn Kilometer von Meersburg nach Konstanz und wieder zurück schwimmt sie zum ersten Mal. Wie ist sie zum Freiwasser gekommen? „In jungen Jahren war ich Leistungssportlerin; ich bin geschwommen. Dann viele Jahre nicht mehr. Denn als ich jung war, war das eine Tortur ohne Ende. Es ging um Kilometer um Kilometer und es wurde nicht auf die Technik geschaut.“ Nach 20 Jahren Schwimmpause habe sie dann jemanden kennengelernt, der ihr eine andere Art zu schwimmen gezeigt habe: „Da hat es dann wieder Spaß gemacht. Der Flow im Wasser; das ist einfach toll, diese Schwerelosigkeit, eins mit der Natur sein, man kann ungemein gut Stress abbauen.“

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Kurze Zeit später beginnt auch schon der Wettbewerb. 14 Teilnehmer starten für die doppelte Strecke an diesem Morgen in Meersburg. Durch eine kleine Verzögerung beim Start ist inzwischen auch etwas Tageslicht über dem Wasser zu sehen.

Da schwimmt doch jemand in die falsche Richtung?

Drüben in Konstanz bietet sich ein völlig anderes Bild. 168 Schwimmer starten hier und warten ungeduldig auf ihren Einsatz. Kurz nach dem Startschuss dann die Verwunderung: Da schwimmt doch jemand in die falsche Richtung? Zügig krault jemand mit pinker Badekappe – die trugen die Starter drüben in Meersburg – durch den Pulk aus teilweise noch watenden und teilweise schon schwimmenden Menschen. Kaum ist dieser Jemand aus dem Wasser gestiegen, wird klar: Es handelt sich um eine Frau. Nach einer kurzen Snackpause macht sie sich wieder zügig zurück auf die andere Seeseite und lässt auch schon bald das Feld hinter sich. Erst am Ende überholt sie ein Teilnehmer, der allerdings insgesamt nur die halbe Strecke zurückgelegt hat.

Die 21-jährige Julia Mattoscio aus Schaffhausen sorgt für einige verwunderte Blicke, als sie dem gerade startenden Trupp für die ...
Die 21-jährige Julia Mattoscio aus Schaffhausen sorgt für einige verwunderte Blicke, als sie dem gerade startenden Trupp für die Fünf-Kilometer-Strecke erst entgegenschwimmt und dann durch sie hindurch ans Ufer watet. | Bild: Lena Reiner

Die Schwimmerin ist Julia Mattoscio vom Schwimmclub Schaffhausen, eigentlich Beckenschwimmerin und kompletter Neuling im Freiwasserschwimmen. „Ich will einfach anfangen, Open Water zu schwimmen und habe das heute ausprobiert. Mein Ziel ist es, in die Schweizer Nationalmannschaft zu kommen für Freiwasser. Einfach, weil ich auch im Becken auf den 15 Kilometern gut bin und da habe ich mir gedacht; vielleicht bin ich auf längeren Strecken noch besser“, schildert die 21-Jährige ihre Motivation zur Teilnahme an dem Wettbewerb, den sie soeben für sich entschieden hat.

Schwimmt als Erste der zehn Kilometer ins Ziel: Julia Mattoscio.
Schwimmt als Erste der zehn Kilometer ins Ziel: Julia Mattoscio. | Bild: Lena Reiner

Als die ersten beiden Schwimmerinnen ihrer fünfköpfigen Gruppe, die sich drei- bis viermal die Woche zum Vereinstraining im Becken sehen, kommen Daria Sandor und Sophie Le Hénor ans Ziel, die ebenfalls Freiwasserneulinge sind. Le Hénor ist Mitglied im TSV Bergheim und wollte eigentlich schon lange an einem Freiwasserwettbewerb teilnehmen, allerdings nicht allein. „Es wollte aber nie jemand mitmachen“, schildert die 27-Jährige und fügt mit einem Lachen hinzu: „Da musste ich erst auf den Nachwuchs warten!“ Sandor ist mit ihren 15 Jahren eine der jüngsten Teilnehmerinnen des Wettbewerbs.

Die 15-jährige Daria Sandor und die 27-jährige Sophie Le Héno sind die ersten beiden eines fünfköpfigen Teams, die das Ufer erreichen.
Die 15-jährige Daria Sandor und die 27-jährige Sophie Le Héno sind die ersten beiden eines fünfköpfigen Teams, die das Ufer erreichen. | Bild: Lena Reiner

Valentina Zanotto ist nicht nur bereits zum wiederholten Mal bei einem Freiwasserwettbewerb dabei, sie schwimmt auch regelmäßig im offenen Wasser. „Ich schwimme wöchentlich, also nicht als Wettbewerb, sondern einfach so zum Spaß. Auch im Winter und auch dann im Badeanzug“, führt sie aus. Wie sie dazu gekommen sei? „Als ich jünger war, habe ich in Italien gelebt und nur Poolswimming gemacht. Dann bin ich in die Schweiz umgezogen und da hat es so viele Seen und ich habe gedacht, es ist auch schön, da zu schwimmen, so mit Aussicht.“ Dann entwickle sich das.

Die 40-jährige Valentina aus Winterthur schwimmt sogar im Winter im Badeanzug.
Die 40-jährige Valentina aus Winterthur schwimmt sogar im Winter im Badeanzug. | Bild: Lena Reiner

Kurz danach kommt Gessica Gambaro aus dem Wasser, ebenfalls im Badeanzug. Die 32-Jährige bekommt das Grinsen nicht aus dem Gesicht und verrät, dass sie zum ersten Mal eine so lange Strecke im Freiwasser geschwommen sei. „Letztes Jahr ist eine Kollegin mitgeschwommen und die hat so davon geschwärmt. Sie hat immer gesagt: ‚Und dann schwimmt man richtig in die Sonne hinein‘ und dann dachte ich: Woah, das muss ich auch machen. Und es war wirklich so.“ Sie habe zwar daher auch keine Ahnung gehabt, wohin sie schwimmen solle – Gott sei Dank habe es die Boote zur Orientierung gegeben – aber dennoch sei es „echt grandios“ gewesen. Eine Zusatzmotivation sei gewesen, dass sie als Triathletin gerade auf einen Iron Man trainiere.

Hat sich von einer Kollegin von der Faszination Freischwimmen im Bodensee anstecken lassen: Gessica Gambaro aus Zürich.
Hat sich von einer Kollegin von der Faszination Freischwimmen im Bodensee anstecken lassen: Gessica Gambaro aus Zürich. | Bild: Lena Reiner