Knapp drei Grad ist das Wasser des Bodensees derzeit kalt – doch Jörg Selbmann schreckt das nicht ab. Gemächlich zieht er im Eiswasser seine Bahnen – und trägt nicht einmal einen Neoprenanzug dabei.

Auch im Winter zieht Jörg Selbmann seine Bahnen im Bodensee.
Auch im Winter zieht Jörg Selbmann seine Bahnen im Bodensee. | Bild: Stefan Trautmann/Fotografie Trautmann

Für Jörg Selbmann ist das Eisschwimmen die schönste Abwechslung vom Alltag und dazu noch Meditation und Sport in einem. „Wenn ich im eiskalten Wasser bin, dann kehrt für mich Ruhe ein. Dann bin ich hoch konzentriert und bin mit meinem ganzen Körper in Kontakt. Das Eisschwimmen ist für mich zu einem wichtigen Lebensinhalt geworden“, erzählt der 49-Jährige.

Mindestens zwei Mal die Woche packt er sein Schwimmzeug und fährt nach Langenargen ans Malereck. Gemeinsam mit einem Freund trifft er sich dort, dann wird noch ein Tee getrunken, bevor es ernst wird und er in die eiskalten Fluten steigt.

Jörg Selbmann kurz vor dem Start. Er braucht nur Badehose, Badekappe und Ohrenstöpsel. Egal, wie kalt es ist.
Jörg Selbmann kurz vor dem Start. Er braucht nur Badehose, Badekappe und Ohrenstöpsel. Egal, wie kalt es ist. | Bild: Stefan Trautmann/Fotografie Trautmann
Die erste Minute ist die schwerste – danach gewöhnt sich der Körper an das kalte Wasser.
Die erste Minute ist die schwerste – danach gewöhnt sich der Körper an das kalte Wasser. | Bild: Stefan Trautmann/Fotografie Trautmann

Wenn Finger und Füße steif vor Kälte werden

„Die erste Minute ist die schwierigste“, erzählt der Sportler. Schon beim Zuhören wird einem kalt, doch der leidenschaftliche Eisschwimmer erklärt, dass sich der Körper dann schnell an die eisigen Temperaturen gewöhnt. „Wichtig dabei ist es, ruhig zu bleiben, deinen Atem zu kontrollieren. Dann kommt automatisch ein richtig gutes Gefühl hoch und dann schwimme ich einfach los“, sagt Jörg Selbmann mit einem Strahlen im Gesicht.

Doch irgendwann werden auch bei Jörg Selbmann die Finger steif vor Kälte, die Füße auch. „Kritisch wird es, wenn Du anfängst, nicht mehr richtig sehen zu können“, weiß der 49-Jährige. Wenn das passiert, heißt es: Raus aus dem Wasser – und zwar schleunigst. Zur Sicherheit hat er immer eine Boje dabei, an der er sich festhält. Außerdem bleibt er beim Schwimmen in Ufernähe. Das Wichtigste, was ein Eisschwimmer aber beherzigen muss: „Du musst genau auf Deinen Körper hören“, rät der 49-Jährige.

Sogar Wettbewerbe hat Jörg Selbmann schon mitgemacht: Für 1000 Meter in 1,4 Grad kaltem Wasser brauchte er 19 Minuten.
Sogar Wettbewerbe hat Jörg Selbmann schon mitgemacht: Für 1000 Meter in 1,4 Grad kaltem Wasser brauchte er 19 Minuten. | Bild: Stefan Trautmann/Fotografie Trautmann

Es gibt sogar Eisschwimm-Wettkämpfe

Jörg Selbmann hat auch schon bei Wettkämpfen mitgemacht. Einmal etwa schwamm er 1000 Meter in 1,4 Grad kaltem Wasser in nur 19 Minuten – für Eisschwimmer-Laien eine kaum vorstellbare Leistung. Und die Eisschwimmer-Community wächst. Hatte vor sechs Jahren Jörg Selbmanns cooles Hobby noch Seltenheitswert, zieht es heute immer mehr Menschen an die Grenzen ihrer körperlichen und mentalen Belastbarkeit.

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Vom Warmduscher zum Eisschwimmer

Dabei war Selbmann früher, also vor sechs Jahren noch, ein echter „Warmduscher“, wie er sich selbst lachend bezeichnet. Wie die meisten ging er nur im Sommer im Bodensee baden. Doch vor sechs Jahren packte ihn das Interesse: „Ich habe mich gefragt, wie lange ich es wohl aushalten würde, wenn der Herbst kommt.“ Und das war dann der Beginn seiner damals noch eher seltenen Eisschwimmer-Karriere. „Am Anfang ging das natürlich noch gut. Aber ab zehn Grad Wassertemperatur wird es unangenehm.“

Früher war er mal „Warmduscher“, doch seit sechs Jahren ist Jörg Selbmann das Eisschwimmen zum Ritual geworden, das er nicht ...
Früher war er mal „Warmduscher“, doch seit sechs Jahren ist Jörg Selbmann das Eisschwimmen zum Ritual geworden, das er nicht mehr missen will. | Bild: Stefan Trautmann/Fotografie Trautmann

Jeder könnte Eisschwimmer werden

Dann packte ihn der Ehrgeiz. Er ging einfach immer weiter baden. Und es funktionierte, denn sein Körper gewöhnte sich schnell. „Eigentlich kann das jeder versuchen. Es ist nicht anders, als wenn man nach der Sauna ins kalte Wasser steigt“, erklärt er. „Viele Menschen finden mich verrückt, weil sie glauben, sie könnten das nicht“, sagt Selbmann. Prinzipiell aber könne jeder Eisschwimmer werden, vorausgesetzt, er habe keine Herzprobleme.

„Wenn ich im eiskalten Wasser bin, dann kehrt für mich Ruhe ein. Dann bin ich hoch konzentriert und bin mit meinem ganzen Körper in Kontakt.“
Jörg Selbmann, 49 Jahre
Jörg Selbmann geht zwei Mal in der Woche mindestens in den See – auch bei eisigen Temperaturen.
Jörg Selbmann geht zwei Mal in der Woche mindestens in den See – auch bei eisigen Temperaturen. | Bild: Stefan Trautmann/Fotografie Trautmann

Wenn der 49-Jährige seine Bahnen gezogen hat und ihm Finger und Füße anzeigen, dass er jetzt doch besser raus sollte, hat er ungefähr eine Minute Zeit, um sich abzutrocknen und anzuziehen. „Erst danach beginnt der Körper zu zittern, dann holt er sich die Wärme zurück.“ Zum Schluss bleiben eine wohlige Wärme und ein gutes Gefühl bei ihm zurück.

Nach dem Baden im eiskalten Bodensee bleibt etwa eine Minute Zeit, um sich anzuziehen und abzutrocknen. Erst dann beginnt der Körper zu ...
Nach dem Baden im eiskalten Bodensee bleibt etwa eine Minute Zeit, um sich anzuziehen und abzutrocknen. Erst dann beginnt der Körper zu zittern. | Bild: Stefan Trautmann/Fotografie Trautmann

Für den Schwimmer ist der See im Winter das Schönste überhaupt

Das Allerschönste überhaupt ist für Selbmann der Bodensee im Winter: „Die Atmosphäre ist einfach unbeschreiblich, der See ist frisch und wunderschön. Das Schwimmen ist für mich eine wohltuende Ruhe in meinem hektischen Alltag und zu einem Ritual geworden, dass ich nicht mehr missen will.“

Und so wird er wohl weiter seine Bahnen durch das eiskalte Wasser ziehen und von Spaziergängern am Ufer angesichts seiner Kühnheit bewundert werden.

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