Hin und weg über die rege Beteiligung war nicht nur Bürgermeister Robert Scherer, der mit "Meersburg 2030" ein Wahlversprechen einlöst, sondern auch Johann Senner vom Büro "Planstatt Senner", das den Prozess im Auftrag der Stadt leitet. Er habe bereits rund 20 Stadtentwicklungskonzepte geleitet, "aber das hier ist was ganz Besonderes."

Bierdeckel als Notizzettel

Das Ambiente im Vineum trug ebenso zum Gelingen bei wie die Organisation der Veranstaltung. Diese war auf die Torkelhalle und den Saal verteilt, die per Videoübertragung miteinander verknüpft waren. Am Eingang des Vineums begrüßte der Bürgermeister jeden Gast und überreichte ihm einen Bierdeckel mit dem "Meersburg 2030"-Logo, auf dem bis 30. Juni weitere Ideen notiert und eingereicht werden können.

Großes Interesse am Stadtentwicklungsplan "Meersburg 2030" zeigen über 230 Besucher, die zur Auftaktveranstaltung der Bürgerbeteiligung ins Vineum gekommen sind und ihre Ideen eingebracht haben. Bilder: Sylvia Floetemeyer
Großes Interesse am Stadtentwicklungsplan "Meersburg 2030" zeigen über 230 Besucher, die zur Auftaktveranstaltung der Bürgerbeteiligung ins Vineum gekommen sind und ihre Ideen eingebracht haben. Bilder: Sylvia Floetemeyer | Bild: Sylvia Floetemeyer

Experte referiert über Entwicklung der Region

Es folgte ein Vortrag von Roland Scherer von der Universität St. Gallen über "Bodensee 2030. Wohin entwickelt sich die Region?" Danach gab Senner einen Überblick über den Stadtentwicklungsprozess, für den Bürger bereits am Ostermarkt zahlreiche Anregungen abgegeben hatten.

Johann Senner vom Überlinger Büro Planstatt Senner, das das Stadtkonzept entwickelt, liest aus den zahlreich abgegebenen Anregungen vor.
Johann Senner vom Überlinger Büro Planstatt Senner, das das Stadtkonzept entwickelt, liest aus den zahlreich abgegebenen Anregungen vor. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Podiumsdiskussion mit Bürgern

Anschließend moderierte Senner eine Podiumsdiskussion. Teil nahmen Bürgermeister Scherer, der – nicht mit Ersterem verwandte – Wissenschaftler Roland Scherer, der langjährige Stadtplaner Hans-Dieter Schuler und die Bürger Ann-Kathrin Weber, Matthias Wochner und Marc Pfeiffer.

Das Blechbläserquartett Quatro Bass und ein entspannter Umtrunk auf Einladung der Stadt inklusive zweier Torten mit "2030"-Logo, die Konditormeister Marcellus Keck gebacken hatte, rundeten den Abend ab.

Bürgermeister Robert Scherer schneidet eine Torte mit dem Logo "Meersburg 2030" an, die er dann als süße Überraschung an die Bürger verteilt.
Bürgermeister Robert Scherer schneidet eine Torte mit dem Logo "Meersburg 2030" an, die er dann als süße Überraschung an die Bürger verteilt. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Veränderungen kommen schnell und heftig

Roland Scherer gab einen kurzen Einblick in die Zukunftsstudie, die sein Uni-Institut 2016 erstellt hatte. Fazit: die technologische und gesellschaftliche Entwicklung läuft nicht mehr in langen Wellen, sondern in disruptiven Sprüngen ab – Innovationen lösen innerhalb kurzer Zeit Bestehendes ab.

"Auch wir Wissenschaftler haben keine Ahnung, was in fünf Jahren passiert", räumte Scherer ein. Ein ganz drängendes Problem in der Bodenseeregion sei aber ganz klar die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Und auf jeden Fall müsse man sich Gedanken machen über langfristige Wettbewerbsfähigkeit, nachhaltige Flächennutzung und überörtliche Kooperationen.

Margret Volz-Keller klebt ihre Vorschläge für "Meersburg 2030" an eine der sich schnell füllenden Pinnwände.
Margret Volz-Keller klebt ihre Vorschläge für "Meersburg 2030" an eine der sich schnell füllenden Pinnwände. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Neue, dichtere Wohnformen

Wie schwierig Prognosen sind, verdeutlichte auch Senner: "Vor zehn Jahren haben wir in Meersburg einen Flächennutzungsplan mit null Wachstum gemacht." Doch die Bevölkerung stieg und liegt aktuell bei rund 5900 Einwohnern. Wichtige Ziele: "Dieser Flächenfraß muss aufhören." Man brauche neue, dichtere Wohnformen.

Ein Muss: Unverwechselbare Identität

Und: "Die unverwechselbare Identität Meersburgs muss erhalten bleiben." Als Verbesserungsvorschläge nannte Senner unter anderem eine Verbindung von Unter- und Oberstadt, beispielsweise mittels Schrägaufzug, und Zugänge zum See, etwa am Bismarckplatz, am BSB-Hafen und an der Liegewiese. Senner versprach, dass man die Bürger demnächst auf Spaziergänge durch die Stadt und die Teilorte einladen werde.

Volker Koch, Architekt: "Ein paar Vorschläge? Uferrenaturierung, die Liegewiese mit Bäumen bepflanzen, damit's Schatten gibt, ein Parkticket mit integriertem Busticket für die außenliegenden Parkplätze, das Zollhaus als Treffpunkt, Fahrradträger für den Stadtbus."
Volker Koch, Architekt: "Ein paar Vorschläge? Uferrenaturierung, die Liegewiese mit Bäumen bepflanzen, damit's Schatten gibt, ein Parkticket mit integriertem Busticket für die außenliegenden Parkplätze, das Zollhaus als Treffpunkt, Fahrradträger für den Stadtbus." | Bild: Sylvia Floetemeyer

Mehr für die Jugend tun

Viele Bürger haben jetzt schon genaue Vorstellungen. So wünscht sich der Segelmacher Marc Pfeiffer mehr Angebote für jüngere Zielgruppen. Warum nicht eine Kletterwand zwischen Ober- und Unterstadt? Erzieherin und Feuerwehrfrau Ann-Kathrin Weber, die die Kindergruppe der Wehr leitet, findet: "Meersburg braucht Spielplätze für eine große Altersspanne: null bis zwölf Jahre."

Senner fragte, was sie von einer App-Plattform für Jugendliche halte. Weber sagte unter Beifall: "Spannend, aber ich finde gerade in der heutigen Zeit wichtig, dass wir uns noch begegnen." Man brauche dazu Möglichkeiten, solle sie aber nicht auf einen Jugendtreff reduzieren.

Wirtschaftsingenieur und Feuerwehrmann Matthias Wochner hob hervor: "Vereine haben eine extrem wichtige Aufgabe." Doch die könnten sie nur mit Mitgliedern erfüllen, "die auch hier wohnen", mahnte Wochner bezahlbaren Wohnraum für Bürger an. "Nur Kapital engagiert sich nicht und schon gar nicht ehrenamtlich." Es sei gut, dass die Stadt im Allmend Bauplätze schaffe, aber sie seien für Familien zu teuer, sagte Wochner unter Beifall.

Aufzug zwischen Ober- und Unterstadt?

Auch die Experten hatten konkrete Vorschläge. So nannte Schuler, der seit 37 Jahren für Meersburg plant, auf Senners Frage, für welches Projekt er noch eine Weile weitermachen würde: einen Aufzug zwischen Ober- und Unterstadt. Schuler: "Da könnte ich mich tatsächlich noch mal so richtig reinknien."

Monika Meier, 38 Jahre: "Ich habe drei kleine Kinder, wohne am Fohrenberg und fände schön, wenn man Ober- und Unterstadt verbinden würde. Außerdem könnte man etwa auch über gemeinschaftliches Wohnen nachdenken und über eine Veranstaltung für und mit Bürgern, vielleicht ein Theaterstück."
Monika Meier, 38 Jahre: "Ich habe drei kleine Kinder, wohne am Fohrenberg und fände schön, wenn man Ober- und Unterstadt verbinden würde. Außerdem könnte man etwa auch über gemeinschaftliches Wohnen nachdenken und über eine Veranstaltung für und mit Bürgern, vielleicht ein Theaterstück." | Bild: Sylvia Floetemeyer

Ruf nach mehr Hotels

Wissenschaftler Scherer meinte: "Meersburg braucht zwei Hotels mit mindestens 150 Betten", am besten ein Drei- und ein Vier-Sterne-Haus einer internationale Kette. Denn diese vermarkte international und ganzjährig. "Es geht nicht ums Marketing, es geht ums Produkt. Stimmt das, dann kommen auch die Gäste."

Auch weitere Bürger meldeten sich zu Wort mit Themen wie knappen Parkplätzen für Bürger, der Digitalisierung und ihren Problemen, unzureichenden Fahrradwegen und der Bitte, die Teilorte, auch in punkto Wohnraum, nicht zu vergessen.

Margret Volz-Keller, Ferienwohnungsbetreiberin: "Man sollte die Masse an Tagestouristen eindämmen. Unsere Stammgäste weichen ins Hinterland aus, weil sie dort etwa ungestörter Rad fahren oder schwimmen können. Und wir bräuchten ein interkommunales Gewerbegebiet – und bezahlbaren Wohnraum.
Margret Volz-Keller, Ferienwohnungsbetreiberin: "Man sollte die Masse an Tagestouristen eindämmen. Unsere Stammgäste weichen ins Hinterland aus, weil sie dort etwa ungestörter Rad fahren oder schwimmen können. Und wir bräuchten ein interkommunales Gewerbegebiet – und bezahlbaren Wohnraum. | Bild: Sylvia Floetemeyer

 

Einige Bürgerideen und der weitere Zeitplan

Einige Anregungen, die Bürger zu einzelnen Themenbereichen abgaben:

  • Soziales, Infrastruktur, Verwaltung: Bürgerkarte für junge Familien, Anlaufstelle für bürgerliches Engagement, Förderung Ganztagsschule, Schließfächer mit Steckdosen zum Handyladen, Fahrradweg zwischen Ober- und Unterstadt, Hochseilgarten im Stadtpark.
  • Wohnen, Gewerbe, Einzelhandel: Zweckentfremdungsverbot für Wohnungen, höhere Zweitwohnungssteuer, Co-Working Space (Büro), Dachräume ausbauen, Stelle für Stadtmarketing schaffen, Rampenzugänge zu Läden und Hotels.
  • Verkehr: Beruhigung der Daisendorfer Straße, Parken nur mehrgeschossig, Fahrradschutzstreifen Bundesstraße 33, Radverbindung Töbele verbessern, autofreie Altstadt, Parkhaus Fähre mit Unterführung in Altstadt, "Mitnehmerbank" in Teilorten für Leute, die mitfahren wollen.
  • Tourismus und Kultur: Bau Radhotel, Adventskalender: Jeden Tag stellt sich ein Gewerbe vor, Sportangebot verbessern: Klettern, E-Bike etc., kein Billigtourismus
  • Naherholung, öffentlicher Raum, Landschaft: Uferrenaturierung, Konzertmuschel, Spielplätze, "urban gardening", Sport im Park für Jung und Alt.
  • Der Zeitplan: Anregungen für die Stadtentwicklung können Bürger noch bis 30. Juni 2018 im Rathaus oder in der Touristinformation abgeben. Ein Bürgerspaziergang durch Meersburg soll Anfang Juli 2018 stattfinden, später im Jahr auch in den drei Teilorten. Eine zweite Bürgerwerkstatt steht dann im September oder Oktober 2018 auf der Agenda. Anfang 2019 will man das Stadtentwicklungskonzept verabschieden und noch 2019 erste Maßnahmen daraus verwirklichen.