"Unglaublich!", entfährt es Ingo Bächle aus Meersburg nach den ersten Songs von Tom Jones – und drückt vermutlich das aus, was rund 2800 enthusiastische Besucher beim Open-Air-Konzert auf dem Meersburger Schlossplatz empfinden: Doch der Star ist real. Locker, mit charmanter Präsenz und Ausstrahlung, überzeugt Tom Jones mit Auftritt und Stimme auch jene Zuhörer, die – bis vor zwei Tagen – noch nicht zu den Fans des 77-Jährigen zählten. Und das ist wirklich fast nicht fassbar: Dass ein Sänger in diesem Alter noch über eine solch unglaublich gute Stimme verfügt, mit der er mühelos jongliert. Von einem Altersbonus ist die Begeisterung der Besucher nicht beeinflusst.

Rund 2800 Besucher bejubeln Tom Jones beim Open-Air-Konzert auf dem Schlossplatz in Meersburg.
Rund 2800 Besucher bejubeln Tom Jones beim Open-Air-Konzert auf dem Schlossplatz in Meersburg. | Bild: Christiane Keutner

Zum unvergesslichen Erlebnis trägt auch die hervorragende Band und die atmosphärische Kulisse bei, die zum von der Queen zum Ritter geschlagenen Tom Jones passt, sowie ein raffinierter Mix aus populären und etwas unbekannteren Songs des gebürtigen Walisers.

"Ganz fantastisch. Meiner Frau und mir hat alles super gefallen. Das Besondere war, dass einige Lieder anders arrangiert waren. Es war eine schöne Geste, dass die eine Zugabe zu Ehren von Prince war", sagt Matthias Einzinger, 34, aus St. Pölten/Österreich. Der Urlauber in Immenstaad und seine Frau Rahel hatten sich tags zuvor Karten gekauft, um den "coolen Sänger zu erleben, auch vor dem Hintergrund, dass man die älteren Herrschaften eventuell nicht mehr so sehen wird". Er kann sich auch vorstellen, dass Tom Jones Konzerte nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Spaß an der Musik mache. Nachvollziehbar, bei dem, was die Konzertgäste erleben, die klatschen, jubeln, mitsingen und tanzen, soweit es platzmäßig möglich ist.

An rund fünf Jahrzehnte Musikgeschichte erinnert Tom Jones. Er gurrt, trillert, groovt erotisch. Niemand kreischt so melodisch wie er. Seine Stimme ist voller Kraft und Tiefe und er setzt sie mühelos ein. Sie klingt jung. Der energieverheißende Beiname "Tiger" passt auch noch heute. Nur der etwas steife Gang zu den Wassergläsern und dem Frottiertuch und die verhaltenen Tanzschritte lassen sein Alter erahnen.

Das Konzert ist schweißtreibend. Bei "Leave your hat on" wirft Jones sein strahlend blaues Jackett weg und präsentiert sich im durchnässten Hemd. Der Tiger begeistert mit rassiger Stimme bei Klassikern wie "Pussycat", "Sex Bomb" und "Delilah" und verkündet stolz, dass er seit 59 Jahren verheiratet ist. Auch das wird bejubelt. Alle strahlen. Viele Besucher haben ein Dauerlächeln im Gesicht. Drei Generationen sind vertreten. Die längste Anfahrt hatte vielleicht Familie Rudolf aus Erfurt. Sie hatte Tom Jones bereits in London mit 50.000 anderen gesehen. "Er ist der Knaller. Wir wollten ihn unbedingt nochmal erleben", sagen sie.

Sie wollen Tom Jones unbedingt nochmal erleben und sind extra aus Erfurt angereist (von links): Max Süß aus Wien sowie Ulrike, Alex und Horst-Dieter Rudolf.
Sie wollen Tom Jones unbedingt nochmal erleben und sind extra aus Erfurt angereist (von links): Max Süß aus Wien sowie Ulrike, Alex und Horst-Dieter Rudolf. | Bild: Christiane Keutner

Rund 70 Konzerte besucht Andreas Thiel, 51, aus Bissingen an der Teck pro Jahr. Seine Einschätzung: "Tom Jones ist eine Legende. Ich würde ihn unter die besten 50 Sänger weltweit einordnen. Er ist einfach fantastisch und beherrscht Blues, Soul, Jazz bis zum Rock'n'Roll. Ich habe mich mitreißen lassen, obwohl ich kein ausgesprochener Fan von ihm bin." Karl-Heinz Tischler staunt über die deutliche Artikulierung des Sängers alten Stils: "Das ist einfach Musik!" Nur eines vermisst er: weitere Zugaben. Fazit: Der Tiger hat sich in die Herzen aller geschlichen.