"Der Droste-Preis ist schon Meersburg", unterstrich Bürgermeister Robert Scherer bei dessen 20. Verleihung am gestrigen Sonntag im Spiegelsaal des Neuen Schlosses. Die alle drei Jahre verliehene Auszeichnung, die Autorinnen vorbehalten und mit 6000 Euro dotiert ist, ging 2018 an die Österreicherin Olga Flor. Die Schweizerin Julia Weber erhielt den mit 4000 Euro dotierten Literaturförderpreis. Rund war dieses Jahr nicht nur die Zahl der Preisvergaben sondern auch der Festakt, den die Knabenmusik musikalisch umrahmte. In dessen Mittelpunkt standen die Laudationes von Rainer Moritz auf Olga Flor und von Ruth Schweikert auf Julia Weber. Geschliffen, prägnant und verständlich verstanden es Moritz und Schweikert einen Einblick in das Schaffen der Autorinnen zu geben und das, was sie auszeichnet, auf den Punkt zu bringen. Kein Wunder, sind doch Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, und die Schweizer Schriftstellerin Schweikert selbst hervorragende Autoren.

Die Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert (links) hielt die Laudatio auf Julia Weber, Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg (rechts), die Lobrede auf Olga Flor.
Die Schweizer Schriftstellerin Ruth Schweikert (links) hielt die Laudatio auf Julia Weber, Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg (rechts), die Lobrede auf Olga Flor.

Schweikert zeigte das Können Webers anhand deren Romanerstlings "Immer ist alles schön" auf, der im besten Sinne unergründlich sei. Eine alkoholabhängige Mutter lässt ihre Kinder verwahrlosen und im Stich. Ein Etikett wie "engagierter Sozialroman" oder "tabulose Milieustudie" greife zu kurz. Es gebe auch kein richtiges Ende, schon gar kein Happy End. "Wenn es doch so etwas wie ein Glück gibt, dann liegt es in der Sprache, die Julia Weber für ihre Protagonisten findet" – anstatt Sozialkitsch "eine Genauigkeit, die aus der unauslotbaren Komplexität der Figuren rührt". Webers Buch sei nicht zuletzt auch ein Plädoyer für das, was den Menschen mit seiner ganzen Unvollkommenheit ausmache und ihn von Maschinen unterscheide, etwa die Sprache – "und für die Kraft des genauen Blicks".

Beifall für die Preisträgerinnen (in der ersten Reihe, von links): Burgherrin Julia Naeßl-Doms, Bürgermeister Klaus Gromüller aus der Droste-Heimat Havixbeck, Bürgermeister a.D. Rudolf Landwehr, Daisendorfs Bürgermeisterin Jacqueline Alberti, ihr Mann Michael Schrettinger und Hagnaus Bürgermeister Volker Frede.
Beifall für die Preisträgerinnen (in der ersten Reihe, von links): Burgherrin Julia Naeßl-Doms, Bürgermeister Klaus Gromüller aus der Droste-Heimat Havixbeck, Bürgermeister a.D. Rudolf Landwehr, Daisendorfs Bürgermeisterin Jacqueline Alberti, ihr Mann Michael Schrettinger und Hagnaus Bürgermeister Volker Frede.

Olga Flors Texte, so Rainer Moritz, könne man, ebenso wie etwa die Elfriede Jelineks, unter das Begriffspaar "Komik und Subversion" stellen. Sie seien gesellschaftskritisch und verleugneten nie ihren feministischen Anspruch. Damit stehe Flor in einer rund 40-jährigen Traditionslinie. Doch lese man Flors "Auseinandersetzungen mit Mann-Frau-Beziehungen, ist mit Händen zu greifen, wie differenziert und verschärft diese Diskussion literarisch heute geführt wird". Moritz illustrierte dies am Beispiel von Flors Roman "Klartraum". Dieser dreht sich um das bekannte Motiv der verlassenen Geliebten, das aber laut Moritz unter Flors Händen zu einem "radikalen Stück Prosa" wird. Denn ihre Bücher handelten auch davon, dass es uns nicht mehr gelinge, "Grundsätzliches und Privates" zu trennen. So spiele auch die Angst der gesellschaftlich Deplazierten in ihren Werken eine Schlüsselrolle. "Olga Flors Bücher sind politisch hellsichtig, legen unterschwellige Machtstrukturen frei". Dabei wisse "diese kluge Autorin" genau, zwischen Literatur und "meinungsstarken Essays" zu unterscheiden. Aus Flors "Fähigkeit, analytisch scharf den Dingen und den Menschen auf den Leib zu rücken", resultiere auch die Komik ihrer Prosa. Diese Kunst zeige sich am klarsten da, wo viele Autoren scheiterten: Sexszenen. Als Beweis las Moritz eine explizite Stelle vor. Ob es in punkto Erotik Zusammenhänge mit der Droste gebe, darüber zu sprechen fehle ihm leider Zeit, bedauerte Moritz lächelnd.

Julia Weber (links) und Olga Flor geben im Vineum Einblicke in ihre ausgezeichneten Werke. Johannes Bruggaier, Leiter des SÜDKURIER-Kulturressorts, führt durch die abschließende Gesprächsrunde mit den Preisträgerinnen und dem Publikum. <sup></sup>Bild: Martina Wolters
Julia Weber (links) und Olga Flor geben im Vineum Einblicke in ihre ausgezeichneten Werke. Johannes Bruggaier, Leiter des SÜDKURIER-Kulturressorts, führt durch die abschließende Gesprächsrunde mit den Preisträgerinnen und dem Publikum. Bild: Martina Wolters

Dazu hatte auch Flor nichts zu berichten, als sie sich für den Preis bedankte. Doch sie habe in Meersburg nicht nur einiges über Badener, Schwaben, Meersburger und Hagnauer gelernt, sondern auch über die Droste. "Moorlandschaft und Droste-Hülshoff werden mich im nächsten Roman anbegleiten", meinte sie. Aus der ersten Heimat der Droste, Havixbeck in Westfalen, war Bürgermeister Klaus Gromöller angereist, der die Beziehungen zu deren zweiten Heimat Meersburg intensivieren möchte.

Gelöste Stimmung nach dem Festakt im Meersburger Neuen Schloss: Olga Flor, Trägerin des Droste-Preises 2018 (rechts) und Julia Weber (links), die den Literaturförderpreis erhielt, mit Bürgermeister Robert Scherer und Christine Johner, Leiterin der städtischen Abteilung Kultur und Museum. Bilder: Sylvia Floetemeyer
Gelöste Stimmung nach dem Festakt im Meersburger Neuen Schloss: Olga Flor, Trägerin des Droste-Preises 2018 (rechts) und Julia Weber (links), die den Literaturförderpreis erhielt, mit Bürgermeister Robert Scherer und Christine Johner, Leiterin der städtischen Abteilung Kultur und Museum. Bilder: Sylvia Floetemeyer

 

Die Preisträgerinnen

  • Olga Flor, geboren 1968 in Wien, wuchs in Wien, Köln und Graz auf. Sie studierte an der Uni Graz Physik und Kunstgeschichte und war danach im Bereich Multimedia tätig. Seit 2004 ist sie freie Schriftstellerin. Ihr erster Roman "Erlkönig" kam 2002 heraus. Flors Werke erhielten viele Auszeichnungen. Ihre jüngste Veröffentlichung ist der Essay "Politik der Emotion", in dem Flor hart mit Populismus ins Gericht geht.
  • Julia Weber wurde 1983 in Tansania geboren und wuchs ab 1985 in Zürich auf, wo sie heute lebt. Nach Berufslehre und Matura studierte sie in Biel literarisches Schreiben, 2012 gründete sie den "Literaturdienst" und verfasst Texte "für Ihren Anlass" auf Bestellung. Ihr erster, preisgekrönter Roman von 2017 heißt: "Immer ist alles schön". (flo)

 

Eine Lesung der Kontraste

Unterschiedlicher hätten ihre Auftritte kaum sein können. Die rund 60 Besucher der Lesung im Vineum erlebten mit der 1983 in Tansania geborenen Schweizerin Julia Weber und der 50-jährigen Olga Flor aus Österreich zwei außergewöhnliche Autorinnen ganz verschiedenartig in Vortragsweise und Schreibstil. Bei genauem Hinhören während der Lesung und beim von SÜDKURIER-Kulturchef Johannes Bruggaier moderierten Gespräch ließ sich aber doch die eine oder andere Gemeinsamkeit entdecken.

Julia Weber betritt ruhig die Minibühne des Veranstaltungssaals. Artig beinahe schüchtern fragt sie, ob sie sich ein Glas Wasser nehmen darf, bevor sie beginnt. Das lässt sie fast kindlich wirken, ähnlich der Sprache, die die Absolventin des Bieler Literaturinstituts für ihren Debütroman gewählt hat und den sie selbst als "Kunstsprache" bezeichnet. Der Titel ihres mit dem Franz-Tumler-Preis ausgezeichneten Erstlings "Immer ist alles schön" lasse schon befürchten, dass nicht wirklich alles schön sei, schickt der Moderator voraus. In der Tat, der vorgelesene Romananfang enthüllt eine eindrückliche Geschichte um zwei Kinder und deren lebensuntüchtige, trinkende Mutter. Bruno und seine ältere Schwester verteidigen ihre Mama vor den Männern, dem "Riesen" vom Jugendamt oder dem "Koloss" mit Zehennägeln von einer Farbe "wie Ohrschmalz". Ganz ruhig, beinahe bewegungslos, sitzen die Zuhörer. "Hui, ist das still", bemerkt Weber selbst in einer Lesepause.

Ganz anders das Auftreten Olga Flors. Temperamentvoll tritt die 20. Droste-Preisträgerin an das Lesepult. Mit viel Gestik und Mimik trägt sie den Beginn ihres 2017 veröffentlichten und für den Österreichischen Buchpreis nominierten Romans "Klartraum" vor. Es ist eine ganz eigene Art von Liebesgeschichte zwischen zwei namenlosen Protagonisten A. und P., die sich in den vorgetragenen Kapiteln Verlust I und II auf einer Berliner Kreuzung trennen. Rasch wechselnde Rückblenden, schnell vorgetragen wie Maschinengewehr-Salven, geben Beziehungs- und Gefühlseinblicke. Das Publikum sieht sich konfrontiert mit immer wieder eingestreuten Fragmenten aus Politik und einer digitalisierten Gesellschaft. Zum Beispiel bei einem dargestellten Paargespräch in einem Restaurant, bei dem am Nebentisch parallel zur Trennung zwei Geschäftsleute im Managerjargon parlieren.

Keine leichte Kost für das Publikum, zumal das Ohrgehänge der quirligen Schriftstellerin sich mehrfach im Mikrofon verheddert und das Hinhören erschwert. Die eingebauten, gesellschaftskritischen Teilstücke hätten sie "immer wieder herauskatapultiert" aus dem Hörfluss, spiegelt Zuhörerin Sibylle Schempf in der Abschlussrunde. Trotzdem oder gerade deswegen fand sie Flors Vortrag "sehr, sehr interessant". Genauso den der Debütantin in ihrem "Mantra-ähnlichen" Vortrag.

Bei allen Unterschieden zwischen den beiden Autorinen entdeckte die Besucherin doch Gemeinsamkeiten etwa den schnellen Übergängen von einer Erzählperspektive zur anderen. Auch die Männer kommen bei beiden Autorinnen nicht so schlecht weg, wie angeklungen. Webers "Riese" werde später sogar zum Freund und Flor gesteht A. zu, dass er mehr leide als sein weibliches Pendant P. Außerdem gebe er ja nichts von sich preis, ergänzt die mehrfach ausgezeichnete Österreicherin. Literarische Dokumente zu verfassen über Geburtstage, Hochzeiten oder Begräbnisse, wie Weber mit ihrem vor sechs Jahren gegründeten Literaturdienst, könnte sich Flor auch vorstellen. Sozialkritisch muten alle zwei Leseauszüge außerdem an. (mw)