Wer beim Wort Erdschollen an Traktoren und Pflüge denkt, wer Ackerstücke erwartet, der liegt falsch, wenn er heute Abend in die Stadtgalerie kommt – oder zur Vernissage zur jüngsten Ausstellung des Kunstvereins. Diese findet nicht in der Ulrichstraße 5 statt, sondern im großen Saal des Hauses im Weinberg, wo die Bildhauerin Anne Bösenberg erklärt, wie Betty Beier arbeitet.

Arbeit am Erdschollenarchiv seit 1997

Sie wird auch erläutern, was der Begriff Erdscholle im Kontext von Betty Beiers Gesamtwerk bedeutet. Seit 23 Jahren, seit 1997 arbeitet sie an ihrem Erdschollenarchiv. Das ist keine Sonderform der Land Art, keine Dokumentation agrartechnischer Bodenwendverfahren. Betty Beiers Erdschollenarchiv ist vielmehr der Versuch, Bodenstücke als Teilausschnitte, als Segmente zu erfassen, in denen sich die Wandlungsprozesse in ganzen Landschaften niederschlagen.

Das Bodenstück aus Brasilien nahm Betty Beier auf, bevor es von einem Stausee überflutet wurde.
Das Bodenstück aus Brasilien nahm Betty Beier auf, bevor es von einem Stausee überflutet wurde. | Bild: Jörg Büsche

Dokumentation von vielen Kontinenten

Die Künstlerin zeigt, wie einzelne Menschen buchstäblich den Boden unter den Füßen verlieren, weil der Grund, auf dem sie leben, unter den Wassermassen eines Stausees verschwinden. Sie dokumentiert auch, wie der Klimawandel den Permafrost-Böden auf einer Insel vor Alaska zusetzt. Oder wie sich Feinstaub, Rußpartikel und Reifenabrieb auf der Zugspitze niederschlagen, zusammen mit den Überresten einer Zivilisation, die es in der Freizeit, aber auch mit militärischen Zielen in alpine Gipfelregionen drängt.

Die Spurensicherung

Künstlerin entnimmt jeweils einen Quadratmeter Boden

Ein Meter auf ein Meter messen ihre flachen Gevierte, die die 1965 in Kenzingen geborene Künstlerin vom Boden trägt. „Sie müssen sich das vorstellen wie bei einem Klebebandstreifen“, erklärt Betty Beier beim Rundgang durch die Räume der Stadtgalerie. Lege man solch einen Streifen Klebeband auf den Boden, haften anschließend Fusel, Partikel, Schmutz und Haare daran. Ob in einem Braunkohlerevier, einem Wohnbaugebiet, ob auf der Baustelle für das Holocaust-Mahnmal in Berlin oder bei der Erweiterung des Hamburger Hafens: Betty Beier nimmt ihre quadratischen Bodenstücke, ihre Erdschollen ab.

Beiers Dokumentation stößt nicht überall auf Begeisterung

Ungefährlich sei das keineswegs immer, erklärt Anne Bösenberg, heute Abend die Laudatorin im Haus im Weinberg. Denn längst sei nicht allen recht, wenn die Folgen ihres Handelns dokumentiert werden. Anne Bösenberg hat dabei jene Erdschollen im Blick, die Beier aus Paraguay mitbrachte, wo weite Urwaldflächen skrupellosen Brandrodern zum Opfer fielen – und immer noch fallen.

Das könnte Sie auch interessieren

Nicht umsonst nennt sich Beier eine Forensikerin. Mit ihrer Kunst verfolgt sie Spuren. „Darin sehe ich überhaupt die Aufgabe von Kunst“, erklärt sie, „Kunst muss ihre Gegenwart abbilden, zeigen, wie sie ist.“ Sie müsse darstellen, was sich allzu oft im Verborgenen abspiele. Die längst überfluteten Böden brasilianischer oder chinesischer Staudammprojekte, die längst verschwundenen Zungen kleingeschmolzener Gletscher oder die berußten Schneefelder im Hochgebirge irritieren – auch durch ihre Schönheit.

Betty Beier mit einem Stück abgerissener Küste aus Alaska.
Betty Beier mit einem Stück abgerissener Küste aus Alaska. | Bild: Jörg Büsche

Betty Beier greift Strukturen auf, die ins Auge fallen

Denn die Künstlerin arbeitet nicht mit dem Zufallsprinzip, sondern wählt bewusst aus. Sie greift Strukturen auf, die ins Auge fallen. Die ansprechen, ja anklagen – die Künstlerin zur Anwältin machen, indem sie mit ihren Erdschollen das Vergehen, das Verbrechen an der Natur, somit an der Menschheit und deren Lebensgrundlagen in Szene setzt. Forensik bedeutet ja auch Gerichtsrede, am Ende auch eine Kunst.

Verein hofft auf Besuch über die Kunstinteressierten hinaus

„Es würde uns natürlich freuen“, so erklärte Irina Stengele, die kommissarische stellvertretende Vorsitzende des Kunstvereins, „wenn nicht nur die Kunstinteressierten in die Ausstellung kämen“. Zu sehen gebe es in Betty Beiers Erdschollen-Dokumentation außer der ästhetischen Seite auch noch eine inhaltliche. Mache die Künstlerin doch keinen Hehl an ihrem Anliegen: Sie will durch die Dokumentation von Eingriffen in die Umwelt beziehungsweise die mittelbaren Folgen die ökologische Schieflage ins Bewusstsein rücken. Auf dass es besser werden könnte.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €