Morgen vor 50 Jahren setzte Neil Armstrong als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond. Heute, 50 Jahre später, ist auch Markdorf im Weltall unterwegs. In der Ravensburger Straße, neben dem Gehrenbergzentrum, deutet ein kleines Schild auf ein Ingenieurbüro hin: GTD GmbH. Drinnen sitzen an diesem Tag sechs der acht Mitarbeiter an ihren Rechnern – oder in dem kleinen Elektronik-Laborraum gegenüber den beiden Büroräumen. „Wir sind wahrscheinlich die kleinste Firma in Deutschland, die Onboard-Software für die Raumfahrt macht“, sagt Andoni Arregi. Der 40-Jährige Ingenieur ist Geschäftsführer und technischer Leiter. Onboard-Software heißt: Das, was Arregi und seine Kollegen entwickeln, etwa jüngst die Steuerungseinheit für einen Photobioreaktor, ist an Bord im All – in diesem Fall an Bord der Internationalen Raumstation ISS.

Software für den großen Nachbarn

Die Software lieferten die Markdorfer für den großen Nachbarn Airbus in Immenstaad. Den Zuschlag eines Großkonzerns für einen solchen Subauftrag zu bekommen, ist für eine kleine Firma wie GTD bereits eine Auszeichnung. Doch die ehrgeizigen jungen Entwickler haben bereits die nächste Stufe erklommen: Für die europäische Weltraumagentur ESA entwickeln die Markdorfer ein innovatives Projekt im Bereich der „Augmented Reality„. Unter der so genannten „Erweiterten Realität“ versteht man die Bündelung visueller mit computergenerierten Informationen. Konkret geht es hier um die parallele Abbildung mehrerer Messvorgänge auf einem Tablet-Computer. Wofür man bislang mühsam verschiedene Messinstrumente mehr oder minder gleichzeitig auslesen und steuern musste, genügt nun ein Blick auf den Tablet-Bildschirm und man hat alle relevanten Daten zeitgleich vor Augen.

Die Werte aller an einem Experiment beteiligten Messinstrumente auf einen Blick auf dem Tablet-Bildschirm: Das nennt sich „Augmented Reality“ oder auf deutsch: „Erweiterte Realität“. Die Software entwickelte GTD für die europäische Weltraumagentur ESA.
Die Werte aller an einem Experiment beteiligten Messinstrumente auf einen Blick auf dem Tablet-Bildschirm: Das nennt sich „Augmented Reality“ oder auf deutsch: „Erweiterte Realität“. Die Software entwickelte GTD für die europäische Weltraumagentur ESA. | Bild: GTD GmbH

ESA-Mitarbeiter vor drei Jahren in Markdorf

„Einen Fuß in die Tür der ESA zu bekommen, war schwierig“, sagt Arregi. „Heute sind wir ein geschätzter Kunde der ESA, für uns ist das ein großer Meilenstein“, ergänzt er. Als es vor drei Jahren um den Zuschlag für das erste Projekt ging, seien sogar ESA-Mitarbeiter eigens nach Markdorf gekommen. „Sie haben alles ganz genau geprüft, getestet und abgefragt“, erinnert sich Arregi. Überstürzen wollen er und sein Team nichts. „Langsam wachsen, zuverlässig liefern und uns ein spezialisiertes Wissen aufbauen“, laute die Maxime.

Raumfahrt alleine reicht nicht

Doch mit der Raumfahrt alleine könnte GTD kaum verlässlich wirtschaften. „Diese Aufträge haben oft eine sehr lange Vorlaufzeit und Projektdauer von zwei bis drei Jahren“, sagt Carlos Arias. Der 35-Jährige ist der kaufmännische Leiter der GTD GmbH. Dass er wie Arregi Spanier ist, ist kein Zufall. Denn die GTD-Mutterfirma mit 300 Mitarbeitern hat ihren Sitz in Spanien. Doch das Markdorfer Büro, gegründet vor rund sechs Jahren, arbeitet inzwischen weitgehend eigenständig.

Auch Behörden setzen auf die Software aus der Gehrenbergstadt

Damit man nicht nur von der Raumfahrt abhängig ist, entwickelt GTD auch Software für Behörden wie das Umweltbundesamt oder das Bundesamt für Materialforschung. Web-Applikationen zählen ebenso dazu wie Programme, die den Behörden helfen, Prozesse zu optimieren. Wenn es etwa für das Bundesamt für Materialforschung darum geht, in kürzester Zeit herauszufinden, ob die zigtausend in Deutschland auf dem Markt erhältlichen technischen Geräte – wie Waschmaschinen und Co. – tatsächlich auch korrekt ausgezeichnet sind und zum Beispiel der Energieeffizienzklasse AA+ entsprechen, bedient sich die Behörde der GTD-Software aus Markdorf.

Made in Markdorf, gebaut fürs All: Die Steuerungselektronik für ein biologisches Experiment auf der Internationalen Raumstation ISS.
Made in Markdorf, gebaut fürs All: Die Steuerungselektronik für ein biologisches Experiment auf der Internationalen Raumstation ISS. | Bild: GTD GmbH

Kaum Fluktuation: Chefs sind stolz auf ihr Team

Stolz sind Arregi und Arias auf ihr junges Team, weil sie seit Jahren kaum Fluktuation hätten – trotz der Konkurrenz durch die Großkonzerne, die den Fachkräftemarkt für Ingenieure leersaugen. „Das bringt für uns den unschätzbaren Vorteil, dass wir das Wissen im Haus halten können“, sagt Arregi. Haben er und Arias ein Rezept dafür? „Wir müssen immer darauf achten, dass die Arbeit interessant und abwechslungsreich ist und dass die Kollegen auch die Möglichkeit haben, unser kleines Unternehmen mitzugestalten.“

Infos und Fakten zum Unternehmen

  • Das Unternehmen: Die GTD GmbH (Markdorf) ist der deutsche Standort der international agierenden GTD-Gruppe (Barcelona, Spanien), ein Raumfahrt-Zulieferer mit rund 300 Mitarbeitern. Innerhalb des Verbundes agiert die GTD GmbH jedoch weitgehend eigenständig. Kerngeschäft der GTD GmbH (Markdorf) ist die Entwicklung von Softwarelösungen für die Raumfahrt. Gegründet wurde die GTD GmbH 2013.
  • Die Spezialisten: Die meisten Mitarbeiter von GTD in Markdorf haben ein Studium der Luft- und Raumfahrtinformatik (wird in Würzburg angeboten) absolviert oder kommen aus dem Embedded-Software-Bereich.
  • Thema Fachkräfte: Aktuell hat die Firma in Markdorf acht Mitarbeiter. Auch wenn die Fluktuation laut Geschäftsführer Andoni Arregi gering sei, sei der Fachkräftemangel auch für die GTD GmbH ein Thema. Gründe dafür sind zum Einen die annähernde Vollbeschäftigung in der Region, aber auch die Konkurrenz der Großkonzerne. So sucht GTD laut Arregi bereits seit einem Jahr einen erfahreneren Projektleiter.