Den Kaffee hat sie per Hand aufgebrüht, weil sie das schon immer so macht. Der Apfelkuchen mit Streuseln kommt aus der eigenen Backstube. Das war schon immer so. Aber die Bäckerei Baader-Jäger mit ihrem Lebensmittelangebot wird ab 2. Mai nicht mehr öffnen – nach 65 Jahren endet in Heiligenberg eine Ära.

Sie möchte gern mit ihrem Mann noch ein paar schöne Jahre verbringen

Hannelore Jäger blickt nachdenklich drein, und wer genau hinschaut, sieht leicht feuchte Augen. Was der Vater einst aufgebaut hat, das muss die Tochter jetzt beenden. „Es geht nicht mehr“, sagt sie. Am 1. Mai wird sie 72 Jahre alt. Sie möchte gern mit ihrem Mann noch ein paar schöne Jahre verbringen. Und die Mutter ist schließlich auch noch da und will betreut werden. Letzter Öffnungstag ist Samstag, 30. April. In Heiligenberg wird dies bei vielen Menschen großes Bedauern auslösen. Denn von nun ab gibt es keine Bäckerei mehr im Kernort. Im wenige Meter entfernten Schlosscafé gibt es Brot, doch eine große Auswahl an Lebensmitteln bekommt man dort nicht. Nun muss man auch für Dinge des täglichen Bedarfs nach auswärts fahren.

Hannelore Jäger (links) mit Mutter Maria Baader vor den Broten aus der eigenen Backstube.
Hannelore Jäger (links) mit Mutter Maria Baader vor den Broten aus der eigenen Backstube. | Bild: Baader-Jäger

Morgens vor der Arbeit noch schnell einen belegten Wecken holen? So mancher Pendler wird diese Möglichkeit vermissen. Und auch die Radwanderer, die gern eine schnelle Tasse Kaffee mit einem süßen Stückle im Stehcafé bei Hannelore Jäger genossen haben, müssen sich nun anderswo umsehen. Noch schnell eine Banane für die Weiterfahrt einkaufen und vielleicht noch ein kleines Getränk, das geht nicht mehr. Alles vorbei.

Heiko und Ingo Jäger konnten sich bei Großvater Karl Baader (von links) so manche Kniffe abschauen.
Heiko und Ingo Jäger konnten sich bei Großvater Karl Baader (von links) so manche Kniffe abschauen. | Bild: Baader-Jäger

Das kleine Geschäft ist finanziell heute nicht mehr tragbar

Nachfolger? Die Chefin schüttelt den Kopf. Von den drei Söhnen, zwei sind Bäcker und einer ist Lehrer, war keiner bereit, das Geschäft zu übernehmen. Finanziell sei so ein kleines Geschäft heutzutage nicht mehr tragbar. Die Kosten seien hoch, der Gewinn überschaubar. Zudem wären große Investitionen notwendig gewesen. So befindet sich die Backstube nebenan am Hotel Heiligenberg, das früher Hotel Baader hieß. Zudem gibt es in Heiligenberg schon einige Jahre eine Diskussion über die Ansiedlung eines Nahversorgers. Auch das habe die Zukunftsaussichten nicht gerade rosig erscheinen lassen. Außerdem habe man kein richtiges Hinterland. Pfullendorf, Frickingen und Salem böten viele Einkaufsmöglichkeiten und auch regionale Produkte, die Hannelore Jäger schon sehr lange im Angebot hat.

Karl Baader fuhr früher mit Tochter Hannelore in einem Ford Transit übers Land und versorgte dort die Menschen mit frischen Backwaren ...
Karl Baader fuhr früher mit Tochter Hannelore in einem Ford Transit übers Land und versorgte dort die Menschen mit frischen Backwaren und Dingen des täglichen Bedarfs. | Bild: Baader-Jäger

Hannelore Jäger ist gelernter Einzelhandelskaufmann. „Die Kauffrau gab es damals noch nicht, als ich 1968 meine Lehre beendet habe“, schmunzelt die Geschäftsinhaberin. 1992 hat sie den Betrieb von den Eltern übernommen. In den 2000er Jahren stiegen Heiko und Ingo ins Geschäft ein und buken fleißig, als Bäckermeister Karl Baader das nicht mehr konnte. Dieser hatte am 1. April 1957 das Geschäft eröffnet.

Bis 1972 mit dem Verkaufswagen übers Land unterwegs

Die zukünftige Rentnerin erinnert sich an das Datum noch wie heute, denn es war auch ihr erster Schultag. Und sie erinnert sich auch daran, dass es früher sieben Lebensmittelgeschäfte in Heiligenberg gab. Bis 1972 war sie zunächst noch mit dem Vater und dann später auch allein mit einem Verkaufswagen unterwegs. „Wir sind bis Heiligenholz und Hermannsberg gefahren, um die Menschen mit frischen Backwaren und Dingen des täglichen Bedarfs zu versorgen“, erinnert sie sich. Immer wieder habe man die Verkaufsfläche aufgestockt und auf zuletzt 72 Quadratmetern habe man schon ein gutes Angebot gehabt. Das bestätigt ein Blick auf die nur halb vollen Regale. Für den kleinen Bedarf ist alles da, auch viele Frischeprodukte und sogar Waschpulver. Doch bei dem könne man preislich nicht mit den Supermärkten und Discounter konkurrieren, weiß Hannelore Jäger.

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Es bleiben ein kleiner Laden in Wintersulgen und Hofläden

Nun ist es aber nicht so, dass die Heiligenberger hungern müssen. Einen kleinen Laden gibt es im Teilort Wintersulgen, große Hofläden in Steinsbrunn und Heiligenberg selbst und in Hattenweiler Verkaufscontainer eines Hofladenbetreibers. Eier und Kartoffeln kann man bei Landwirten erstehen und es gibt auch manchmal ein kleines Angebot an Getränken und Süßwaren. „Es war eine sehr schöne Zeit für meine Söhne und mich“, sagt Hannelore Jäger, die 57 Jahre hinterm Verkaufstresen gestanden ist. Und das schon morgens um 6.30 Uhr.

Das sagt Bürgermeister Frank Amann zur Nahversorgung

Frank Amann
Frank Amann | Bild: Archiv

Der Bürgermeister von Heiligenberg, Frank Amann, will zukunftsfähige Modelle der Nahversorgung diskutieren, wie er im SÜDKURIER-Gespräch erklärt.

Wenn Baader-Jäger schließt, was bedeutet das für die Gemeinde?

Frank Amann: „Es ist ein Verlust an Infrastruktur und natürlich auch an Lebensqualität. Ich bedaure das sehr. Läden, Geschäfte und Einkaufsmöglichkeiten sind Orte der Kommunikation und Begegnung. Da bricht wieder ein Baustein weg. Das ist aber bedauerlicherweise kein Heiligenberger Phänomen, sondern in der Region oft zu beobachten. Auch das Einkaufsverhalten der Menschen beschleunigt diese Entwicklung. Das muss man realistisch und selbstkritisch beurteilen. Wir müssen im Gemeinderat und in der Bürgerschaft zukunftsfähige Modelle und Nahversorgungskonzepte diskutieren und versuchen, realistische Lösungen zu finden. Der Schlüssel zum Erfolg sind aber die Personen, die das in Hand nehmen und mit Engagement betreiben wollen. Eine Gemeinde kann hier den Rahmen und ein attraktives Umfeld schaffen, betreiben müssen es aber immer Menschen, die bereit sind, auch länger als 35 Stunden und auch am Wochenende zu arbeiten. Daran mangelt es leider immer mehr.“

Im Neugebiet in Richtung Pfullendorf ist ein Nahversorger vorgesehen. Wie ist da der derzeitige Sachstand?

Frank Amann: „Das Planungsrecht ist geschaffen. Wir sprechen seit längerer Zeit immer wieder mit Interessenten aus der Lebensmittelbranche und mit Bauträgern, die einen Lebensmittelmarkt oder eine Markthalle in das Baugebiet integrieren sollen. Das ist Voraussetzung für eine Überlassung der Grundstücke. Diese Gespräche haben bisher nicht zum Erfolg geführt. Die Darstellung der Wirtschaftlichkeit eines Lebensmittelmarktes ist schwierig.“

Gibt es Alternativen? Etwa dass die Gemeinde baut und dann verpachtet?

Frank Amann: „Es gibt Überlegungen, kleinere Flächen in Heiligenberg (also nicht die in der Ziegelhalde geplanten 800 Quadratmeter Verkaufsfläche) zu generieren oder anzumieten und dort mit einem kleineren Sortiment zu starten. Die Gemeinde als Eigentümer und Bauherr, der die Flächen vermietet, halte ich aktuell für nicht realistisch. Das muss der freie Markt regeln und den Betreiber braucht es eben auch. Eine Anmietung von geeigneten Flächen und die Weitervermietung halte ich für möglich. Aber insgesamt braucht es neue Ideen und Betreibermodelle. Das müssen wir diskutieren.“