Viele ältere Menschen wohnen alleine. Eine Seniorin aus Heiligenberg hat dieses Problem erkannt und gelöst: Seit einigen Jahre gibt es hier eine private Rentner-WG. Die Pensionäre wohnen in zwei Häusern, die miteinander verbunden sind. Beide gehören Gerlinde Kriese. Sie hat das ältere der beiden Gebäude vor etwa 40 Jahren gekauft und wohnt seitdem darin.

„Geld allein macht nicht glücklich“

Doch warum hat die Rentnerin das Wagnis auf sich genommen und ein weiteres großes Haus angebaut? „Es ging mir nicht darum, damit Geld zu verdienen“, erzählt die 72-Jährige. Von Anfang an sei es ihr ein Anliegen gewesen, im Alter so lange wie möglich in der eigenen Wohnung leben zu können. „Geld allein macht nicht glücklich, wie man weiß, sondern das gute menschliche Miteinander. Das macht das Leben interessant, bunt, fröhlich oder auch ernst“, sagt die ehemalige Lehrerin und fügt hinzu: „Vor allem schenkt das Miteinander Geborgenheit und Sicherheit. Das ist unbezahlbar.“

Einzelne Wohnungen sind 50 bis 60 Quadratmeter groß

So ähnlich denken auch die Mitbewohner der WG. Fünf Frauen und drei Männer leben in den zwei Häusern – jeweils in einer separaten 50 bis 60 Quadratmeter großen Wohnung. Zu jeder Wohneinheit gehören eine Küche und ein Bad, teils mit Badewanne und teils mit Dusche. Im Keller befinden sich ein Pflegebad, das allen Bewohnern zur Verfügung steht, sowie Abstellräume und ein Gästezimmer. Um Missverständnisse wegen des Strom- und Wasserverbrauchs zu vermeiden, steht im Keller auch eine Waschmaschine mit Münzautomat.

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Und es gibt einen Gemeinschaftsraum, der zwar diese Funktion hat, aber keine Wände. „Das ist unser Garten, den wir über alles lieben“, sagen die Hausbewohner. Hier gibt es Blumen, Obst und Gemüse in Hochbeeten. Um die Seele baumeln zu lassen würden sich die Sonnen- und Schattenterrasse, der Teich und der Feuerplatz eignen. Auf einer kleinen überdachten Veranda könne man sich abends für einen kleinen Plausch treffen, sagt Kriese. Zu erzählen gebe es immer etwas. Und es sei auch stets jemand da, der zuhört. Kriese betont aber auch: „Jeder ist sein eigener Herr.“

„Eigentlich ist alles so, wie ich es haben wollte“

Bei der Planung der Wohnungen habe sich Gerlinde Kriese viele Gedanken gemacht und zahlreiche Ideen eingebracht. „Eigentlich ist alles so, wie ich es haben wollte.“ Es gibt einen Aufzug und eine kleine Werkstatt für den selbsternannten Hausmeister Heinz, der seinen vollständigen Namen nicht im SÜDKURIER lesen möchte.

Im Keller gibt es eine Werkstatt. Kleine Reparaturen werden von Heinz erledigt.
Im Keller gibt es eine Werkstatt. Kleine Reparaturen werden von Heinz erledigt. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Im Jahr 1995 war der Erstbezug der Rentner-WG. „Schon damals wurde davon geredet, was einmal mit den alten Leuten werden kann. Aber niemand hat etwas getan“, erinnert sich die Hausbesitzerin. Sie habe sich Gedanken gemacht: Will sie Zuhause wohnen bleiben oder vielleicht eine Pflegerin zur Unterstützung ins Haus ziehen lassen? Im alten Haus habe es zwei kleine Wohnungen gegeben. „Ich habe überlegt, ob man daraus nicht eine große machen könnte, in der dann die Pflegerin wohnen kann.“

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Kriese habe Informationen eingeholt und schließlich auch selbst Hand angelegt, als es darum ging, den heutigen Altbau zu sanieren. Ein Wintergarten wurde errichtet und das Dach ausgebaut. Als alles fertig war, zogen dann Freundinnen von Gerlinde Kriese ein – der erste Schritt zur Rentner-WG war getan. Damals habe sich das Gemeinschaftsleben noch in der Küche abgespielt, erinnert sich Kriese.

Doch schon bald kam die Erkenntnis: „Mal allein sein ist auch ganz schön.“ Die Idee, gemeinsam zu bauen wurde eifrig diskutiert. Jeder sollte seinen eigenen Rückzugsort haben, aber auch Gemeinsamkeit sollte möglich sein, erzählt Kriese.

Mitbewohnersuche klappt ohne Zeitungsanzeigen

Doch das Leben wollte es anders. Eine Mitbewohnerin heiratete, eine wurde schwanger und eine starb. Dann war Gerlinde Kriese wieder allein. Da bereits Geld in die Planung investiert wurde, habe sie das Vorhaben des Umbaus nicht auf Eis gelegt. Schließlich sei ihr klar geworden, dass sie ein weiteres Haus anbauen und sich dann ganz genau Mitbewohner aussuchen will. Für die Suche seien keine Zeitungsanzeigen nötig gewesen, die Interessenten habe Kriese durch Mund-zu-Mund-Propaganda gefunden. „Und meistens passten die dann auch.“

Ehemalige Lehrerin wurde durch Schwägerin auf WG aufmerksam

So zog etwa eine ehemalige Lehrerin ein, die durch ihre Schwägerin auf die WG aufmerksam wurde. Nun wohnt sie bereits seit sieben Jahre hier. Die Rentnerin möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie erzählt, dass sie den Garten und ihre „kuschelige“ Wohnung liebt. „Wenn ich nicht mehr Auto fahren kann, dann kann ich nicht in Steigen bleiben“, lautete die Erkenntnis der heute 85-Jährigen, die damals noch in dem Teilort von Heiligenberg wohnte.

Das mit dem Auto habe sich mittlerweile tatsächlich erledigt und die alte Dame fühlt sich, so sagt sie, „pudelwohl“ in der WG. Dort könne sie stundenlang Leier spielen.

In der Renter-WG in Heiligenberg hat Elisabeth ihren Freiraum – auch musikalisch.
In der Renter-WG in Heiligenberg hat Elisabeth ihren Freiraum – auch musikalisch. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

„Oder ich stricke Socken für Heinz“, sagt die Rentnerin und lacht. Heinz wohnt seit acht Jahren in der WG. Er traf „die Gerlinde“ bei einer gemeinsamen Bekannten und erzählte, dass er eine Wohnung sucht. Da habe sich dann alles ergeben. Auf die Frage, ob er seine Entscheidung schon einmal bereut habe, antwortet Heinz schmunzelnd: „jeden Tag.“ Hier wieder auszuziehen könne er sich nicht vorstellen – ebenso wenig wie die anderen Bewohner. Wie die Rentner erzählen, ist Heinz für seine Mitbewohner unverzichtbar. Denn der 77-Jährige kümmert sich um alle kleinen Reparaturen im Haus.

Ein weiterer Mitbewohner ist Thomas, der seinen vollständigen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen möchte.

Der Rentner Thomas hat in seiner Wohnung viel Platz für Bücher.
Der Rentner Thomas hat in seiner Wohnung viel Platz für Bücher. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

Der 80-jährige Lehrer, Dozent und Schriftsteller verfasste Werke der Kunstgeschichte und wohnte in Wilhelmsdorf. Gerlinde Kriese habe ihn von seinen Vorträgen gekannt und sei überzeugt gewesen, dass er in die Wohngemeinschaft passt.

Bewohner suchen Nachfolger für die Wohngemeinschaft zusammen aus

Bis auf die Hausbesitzerin wohnen alle Rentner zur Miete in der WG. Und sie vertrauen sich: „Man kann sich aufeinander verlassen“, sagen sie. Wird eine Wohnung frei, was immer mal wieder – vor allem aus gesundheitlichen Gründen – vorkomme, werden der Nachfolger gemeinsam ausgewählt. Und ist jemand krank, dann wechseln sich die Bewohner mit der Pflege und Betreuung des Kranken ab. Klar ist den fünf Rentnern aber auch: Eine gegenseitige Pflege auf Dauer ist nicht möglich. Dann müsse man sich Hilfe von außen holen. Von Vorteil sei es, dass eine Mitbewohnerin erst 50 Jahre alt ist und derzeit eine Ausbildung in der Altenpflege macht.

Gemeinsam Kaffee trinken und Mittagessen

Doch dieses Thema steht aktuell nicht auf der Tagesordnung, sagt Gerlinde Kriese. Ab und zu treffen sich die Rentner zum Kaffee oder zu einem gemeinsamen Mittagessen. Und sie gehen auch gemeinsam aus. Ansonsten sei jeder seine eigene Frau oder sein eigener Herr. Besondere Regeln gebe es nicht. „Wir haben allerdings beschlossen, uns bei längerer Abwesenheit abzumelden, damit sich niemand Sorgen machen muss“, erklärt Kriese. Man schaut nacheinander und vertraut sich. „Selbstbestimmung im Alter ist wichtig für die Lebensqualität.“ Wer will da widersprechen?

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