„Der Fußball hat mir das Leben gerettet“, erklärt Marcel Reif dem Publikum. In Polen geboren, verbrachte er einen Teil seiner Kindheit in Israel und kam schließlich nach Deutschland. Als Achtjähriger habe er die erste Klasse besuchen müssen, da er die Sprache kaum verstand, blickt er zurück. Verständigung habe zum ersten Mal auf dem Sportplatz stattgefunden: „Fußball war meine Sprache.“ So sei seine enge Bindung zu dem Sport entstanden. Dann studierte er Politik, wollte in diesem Bereich Journalist werden, den Sport als Hobby beibehalten. Doch schließlich kam doch alles anders.

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Heute zählt Reif zu den bekanntesten Sportjournalisten und -kommentatoren. Beim Podiumsgespräch bei der Bürgeruniversität an der Zeppelin-Universität am Donnerstagabend ging es selbstverständlich nicht nur um Reifs Biografie. Schon früh macht die studentische Moderatorin Luisa Hiller Frauenfußball zum Thema, den Reif als „eigene Sportart“ deklariert.

Die Forderung nach „equal pay“, also denselben Gehältern, wie sie männliche Spieler erhielten, hält er für unsinnig. Das sei wirtschaftlich überhaupt erst möglich, wenn der Frauenfußball auch entsprechend viel einbringe – „so funktioniert Privatwirtschaft eben.“ Gleichzeitig lägen natürlich Welten zwischen „equal pay“ und den derzeitigen Summen, die den Spielerinnen oft Fußball als Beruf nicht ermögliche. Da erkenne er deutliches Potenzial. Ein Zuhörer spricht die hohen Summen an, die männliche Profispieler erhalten. Ob Reif die für gerechtfertigt halte? „Das ist obszön“, bringt es der Gefragte auf den Punkt. Rechtfertigen lasse sich so eine Summe einzig dadurch, dass das Geld da sei: „Da wird keinem Kind die Milch weggenommen.“

Vergabeprozesse müssten sich ändern

Und auch sonst wird klar, wie komplex die Sache mit der Moral im Fußball ist. Das Aufgebot, das so eine Weltmeisterschaft aktuell einfordere, machten demokratische Länder mehrheitlich nicht mit: „Moralisieren ist nicht profitabel.“ Die Vergabeprozesse großer Sportveranstaltungen müssten sich ändern, die Fifa sich auflösen und neu formieren. Ein Boykott jetzt, die Spiele nicht anzuschauen, ändere nichts. „Wenn jemand mir belegen kann, dass es nur einem Menschen besser geht, wenn ich sie nicht anschaue, würde ich es nicht tun.“ Was man seiner Meinung nach tun könne? „Hinsehen und hingehen“, sagt er, wobei sich Letzteres vor allem an seine Kollegen, also Journalisten richte. Jeder, der dort nicht frei arbeiten dürfe, dessen Dreh abgebrochen werde, müsse das thematisieren. Und: „Ohne die Weltmeisterschaft dort wäre Katar jetzt kaum so ein großes Thema in der Öffentlichkeit.“ Das biete grundsätzlich die Möglichkeit zur Veränderung.