Die Riesenlufttschiffe sollten von Friedrichshafen nicht nur nach Lindau oder zur Mainau fahren, sondern über Dresden, Berlin und Kopenhagen nach Hamburg, Amsterdam und London, um danach über Brüssel, Paris und Straßburg wieder zum Bodensee zurückzukehren. Diese Idee ist am 26. März 2018 gestorben. Das Datum markiert den (vorläufigen) Schlusspunkt einer Vision, die Zeppelin Europe Tours (ZET) GmbH hieß und seitdem in Liquidation ist, also aufgelöst wird. Kehraus nach 14 Jahren eifrigen Werbens für ein Projekt, das stolze 425 Millionen Euro gekostet hätte.

Zehn Prozent von 400.000 Franken sind noch übrig

„Wir wollen das bisschen Geld, das übrig geblieben ist, nicht für IHK-Gebühren oder den Steuerberater vervespern, sondern sauber abrechnen“, sagt Heinolf Kielkopf, ZET-Geschäftsführer und jetzt Liquidator. Etwa zehn Prozent von rund 400.000 Schweizer Franken, die im wesentlichen zwölf Gesellschafter in die Firma investiert haben, sind nach seinen Angaben noch übrig. Alles andere floss über die Jahre in die Bemühungen, das Projekt in die Tat umzusetzen. Er selbst hat nicht unerheblich privates Kapital einbezahlt, genau wie der Kopf dieser ganzen Mission, der unerschütterlich an die ZET-Luftschiffe glaubt: Wolfgang von Zeppelin. Was seinem visionären Vorfahr vor über 100 Jahren gelang, blieb dem inzwischen 82-Jährigen und seinen Mitstreitern versagt. „Wir haben das Geld nicht zusammengekriegt“, erklärt er schlicht.

Der Zeppelin NT (klein) im Größenvergleich mit dem ZET-Luftschiff, das Platz für 45 Passagiere bieten sollte. Zehn große Luftschiffe sollten in Europa auf Tour gehen.
Der Zeppelin NT (klein) im Größenvergleich mit dem ZET-Luftschiff, das Platz für 45 Passagiere bieten sollte. Zehn große Luftschiffe sollten in Europa auf Tour gehen. | Bild: Entwurf: ZET

40 Millionen Euro Startkapital nötig

Dabei habe sich das Projekt 2007 beim ersten Gespräch mit der Deutsche Anlagen-Leasing GmbH gar nicht so schlecht angelassen, erzählt Wolfgang von Zeppelin rückblickend. Dann kam die Finanzkrise, „und es ging gar nichts mehr“, ergänzt Heinolf Kielkopf. Später stellte die Europäische Investmentbank eine 50-Prozent-Finanzierung in Aussicht, wenn die ZET-Gesellschafter zehn Prozent Eigenkapital auftreiben. Also brauchte man einen Investor, der 20 bis 40 Millionen Euro als Startkapital gab. Kielkopf und von Zeppelin reisten bis nach Abu Dhabi, um Geldgeber für ihre Idee zu begeistern. Sie schrieben Briefe an Reiche und Superreiche, an Würth und Sulzer, an Warren Buffett oder Richard Branson. Mit netten Absagen können beide handeln. „Wenn man die nebeneinanderlegt, sieht man genau, wie weit der Brief kam. Meistens wohl bestenfalls bis zur Sekretärin. An die Leute kommt man nur heran, wenn man Fürsprecher in derem Umfeld hat“, weiß Heinolf Kielkopf.

Milliardär Clive Palmer in Friedrichshafen

Genau deshalb gelang es auch, einen Milliardär für die ZET-Luftschiffe zu interessieren. Verwandtschaft von Wolfgang von Zeppelin in Australien stellte den Kontakt zu Clive Palmer her, der 2012 angekündigt hatte, die Titanic nachzubauen. Zwei Jahre zuvor kam Palmer tatsächlich nach Friedrichshafen, mit einem privaten Großraum-Jet und 40-köpfiger Entourage. An das Gala-Dinner auf der Seeseite des GZH für die Gäste aus Down Under werden sich die beiden Männer wohl Zeit ihres Lebens erinnern. „Das ist der schlimmste Mensch, den ich je kennengelernt habe“, resümiert Wolfgang von Zeppelin.

Heinolf Kielkopf (links) und Wolfgang von Zeppelin waren die führenden Köpfe des Projekts Zeppelin Europe Tours (ZET). Sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass aus der Vision eines Tages doch Realität werden könnte.
Heinolf Kielkopf (links) und Wolfgang von Zeppelin waren die führenden Köpfe des Projekts Zeppelin Europe Tours (ZET). Sie haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass aus der Vision eines Tages doch Realität werden könnte. | Bild: Katy Cuko

Abenteuerliche Vorstellungen verschrecken von Zeppelin

Palmer habe tatsächlich Interesse gezeigt, den großen Bruder des Zeppelin NT zu entwickeln und auch zu bauen, aber nur unter zwei Bedingungen. „Der sollte so groß wie die ‚Hindenburg‘ und 400 km/h schnell sein“, erzählt von Zeppelin und ergänzt: „Furchtbar! Bei mir hört’s auf, wenn die Physik nicht mehr stimmt.“ Später habe Palmer geäußert, die Zeppelin Luftschifftechnik (ZLT) zu kaufen und an die Chinesen zu verticken. Das war 2010 alles andere als Geschwätz: Clive Palmer gründete damals mit dem im australischen Queensland lebenden Andre Baron von Zeppelin und dessen Bruder die Firma Zeppelin International und wollte Luftschiffe für den Einsatz in China bauen. Einige Zeitungen auf dem fünften Kontinent berichteten darüber. „Wir haben drei Kreuze gemacht, als die wieder abgeflogen sind“, erzählt Heinolf Kielkopf.

Verliert man da nicht den Glauben, je zum Erfolg zu kommen? „Nein, die eigene Hoffnung hat uns immer wieder angetrieben. Und wir haben interessante Leute kennengelernt – bis hin zum Wirtschaftskriminellen, der Freigang hatte“, sagt Kielkopf lächelnd und beteuert, dass auch das kein Märchen sei.

Platz für 45 Passagiere und eine Bar: Eine der Konzeptstudien für die Gestaltung der Passagiergondel für das ZET-Luftschiff.
Platz für 45 Passagiere und eine Bar: Eine der Konzeptstudien für die Gestaltung der Passagiergondel für das ZET-Luftschiff. | Bild: zeppelin europe tours

Einst Geburtshelfer des modernen Zeppelins

Das Geld allein war auch nicht das Problem, erklärt er. „Ein Kreuzfahrtschiff kostet auch nicht weniger. Aber da dauert es keine zwölf Jahre, bis die Investition wieder drinnen ist und man anfängt, Geld zu verdienen.“ Und das große ZET-Luftschiff gibt’s noch nicht, müsste entwickelt und gebaut werden, was allein Jahre dauert. Was das genau heißt, wissen beide Männer, die Ingenieure sind und zu den Geburtshelfern des modernen Zeppelin gehören. Wolfgang von Zeppelin war Geschäftsführer der 1994 gegründeten ZLT, die den Zeppelin NT entwickelt hat. Er kann es immer noch nicht lassen, hat für das moderne Luftschiff einen Heckwagen patentieren lassen, der den Zeppelin beim Ein- und Aussteigen der Passagiere stabilisiert. Heinolf Kielkopf war acht Jahre bei Dornier in der Luft- und Raumfahrt tätig, bis er sich 1994 selbstständig machte und für die ZLT als Projektkoordinator bei der Luftschiffentwicklung zuständig war.

Probetour durch Europa mit Zeppelin NT

Beide Männer waren stets überzeugt, dass Europareisen mit einem modernen Luftschiff in der heutigen Zeit kein Hirngespinst ist. Im Sommer 2008 charterte man einen Zeppelin NT für eine viertägige Tour, um das ZET-Konzept zu testen. Von London aus ging es über Dover, Calais und Brüssel nach Antwerpen, Rotterdam, Den Haag nach Valkenburg (Niederlanden). 6500 Euro kostete ein All-inklusive-Ticket. In wenigen Tagen war die Tour ausverkauft. Für Wolfgang von Zeppelin, der mitflog, war das ganze Unternehmen ein voller Erfolg. Organisiert wurde die Tour von Wolfgang Schröder.

Ein- und Ausstieg neben dem Cockpit: Diese Idee war eine der Neuerungen, die die Entwickler des ZET-Luftschiffs vorsahen.
Ein- und Ausstieg neben dem Cockpit: Diese Idee war eine der Neuerungen, die die Entwickler des ZET-Luftschiffs vorsahen. | Bild: Zeppelin Europe Tours

ZET-Luftschiffprojekt bleibt Randnote im Zeppelin Museum

Aus der Traum? Einige Kubikmeter an Planungsunterlagen sind in knapp 15 Jahren zusammen gekommen. Die werden abgelegt und gespeichert, nicht eingestampft, versichert Heinolf Kielkopf. Auch Wolfgang von Zeppelin hält die Vision von Zeppelin-Reisen durch Europa nach wie vor für machbar. „Ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass wir das Projekt mit dem nötigen Geld zum Erfolg geführt hätten. Das ZET-Luftschiff wird kommen. Aber ich werde es nicht mehr erleben.“ Er freut sich vorerst auf die kleine Ecke im Zeppelin Museum, in der das Projekt als Idee weiterleben darf.

Das ZET-Luftschiff: So sollte der großer Bruder vom Zeppelin NT aussehen

  • 125 Meter lang, 27 Meter Durchmesser, 50.000 Kubikmeter Volumen: Das waren die geplanten Maße des ZET-Luftschiffs, das auf der bewährten Technologie des Zeppelin NT basieren sollte. Von den Abmaßen her wäre das ZET-Luftschiff damit fast doppelt so groß wie das im Betrieb stehende Luftschiff, das 75 Meter lang ist und einen Durchmesser von 14,5 Meter hat. Nur das Volumen ist deutlich größer, hat der Zeppelin NT doch nur 8200 Kubikmeter zu bieten.
  • Während die Passagiergondel mit seiner Anordnung der Sitze beim Zeppelin NT der beim Reisebus gleichen, sollte die Gondel des ZET-Luftschiffs viel mehr Bewegungsfreiheit, bessere Sicht, mehr Komfort und eine attraktivere Sitzanordnung bieten. Sogar eine Bar war vorgesehen. Völlig anders war der Ein- und Ausstieg für die Passagiere geplant, nämlich zwei Treppen neben dem Cockpit. Vorteil: Das Luftschiff ist vorn deutlich stabiler als im Heckbereich, wo Wind den Zeppelin NT leichter in Bewegung verstetzt. (kck)