Schüler auf Rollstühlen, ausgestattet mit speziellen Brillen und Gewichten an Armen und Beinen: Diese Szene erlebt auch David Senkbeil im Theaterraum der Bodenseeschule St. Martin. "Ich fühlte mich nur noch hilflos, das war kein schönes Gefühl. Ich glaube, es ist ohne Unterstützung echt schwierig, im Alltag klarzukommen", erzählt der 17-Jährige. Nach der eindrucksvollen Testfahrt ist er "einfach froh und dankbar, dass ich laufen kann".

Video: Singler, Julian

So wie David Senkbeil geht es den meisten Schülern des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums (SG). Rund 50 Elftklässler nehmen an einem Projekttag teil, der ihnen das Älterwerden und die damit verbundenen Probleme näher bringen soll. Dabei befassen sich viele zum ersten Mal überhaupt mit einem Rollstuhl. In einem sogenannten "Alterssimulationsanzug" können sie live erleben, wie sich das Altsein wirklich anfühlt.

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"Man muss Vertrauen in denjenigen haben, der dich mit dem Rollstuhl herumfährt", sagt die 16-jährige Thea Rooschüz. Sie selbst habe sich etwas orientierungslos gefühlt. Kaum etwas zu hören und mit verbundenen Augen unterwegs zu sein, sei eine Herausforderung für sie gewesen.

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Reichlich Informationen für die Schüler

Im Rahmen des internationales Tages der Pflege sind die Stiftung Liebenau mit dem Franziskuszentrum, die katholische Sozialstation, das Diakonische Institut Friedrichshafen und die Häfler Bruderhaus Diakonie in die Bodenseeschule gekommen, um den Schülern Fragen rund um das Alter, das Berufsfeld der Altenpflege und verschiedene Aspekte altersbedingten Krankheiten und des Berufsbildes zu beantworten.

Manuel Geßler von der Katholischen Sozialstation in Friedrichshafen misst den Blutzuckerwert der 16-jährigen Schülerin Anna Kegelmann. Gemessen werden kann entweder am Finger oder am Ohrläppchen.
Manuel Geßler von der Katholischen Sozialstation in Friedrichshafen misst den Blutzuckerwert der 16-jährigen Schülerin Anna Kegelmann. Gemessen werden kann entweder am Finger oder am Ohrläppchen. | Bild: Singler, Julian

Tanja Günther und Stefanie Anglie arbeiten bei der Bruderhaus Diakonie und sind für zwei der insgesamt acht Stationen zuständig, die die Schüler an diesem besonderen Schultag durchlaufen. Unter anderem gibt es die Rollstuhlrallye, einen Stand mit Informationen zu Wundverbänden und einen anderen, der über Diabetes aufklärt. "Wir möchten den Schülern Berufe in der Pflege näherbringen und zeigen, wie viel Spaß diese Arbeit machen kann. Die Pflege ist nämlich sehr vielfältig", erklärt die gelernte Krankenschwester Tanja Günther. Pflegedienstleiterin Stefanie Anglie fügt an: "Bei der Rollstuhlrallye können die Kinder entweder als gesunder Mensch fahren oder sich mit Gewichten, Sonnenbrille und Gehörschutz sozusagen verkleiden, um so nachzuempfinden, wie es sich als beeinträchtigter Mensch anfühlt."

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Simulationsanzug stellt Herausforderung dar

Der 16-jährige Manuel Feldkamp hat sich in den rund 25 Kilogramm schweren Alterssimulationsanzug geworfen. "Es ist komisch und ein ungewohntes Gefühl", sagt er und ergänzt: "Beim Treppensteigen zieht es dich mit den zusätzlichen Gewichten erst einmal runter." Mitgebracht wurde der Anzug von Friederike Stephan-Bosch. Sie ist Ausbildungskoordinatorin der Stiftung Liebenau. "Der Alterssimulator zeigt, wie es sich anfühlt, alt und nicht mehr so beweglich zu sein." Dazu gehöre Stephan-Bosch zufolge die eingeschränkte Beweglichkeit an den Beinen und am Oberkörper sowie das Gefühl der Schwere und das charakteristische Gangbild nach vorne.

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Wie schwer es sein kann, einen gewissen Geldbetrag in Münzen aus dem Geldbeutel zu nehmen, stellt an einer anderen Station der 17-jährige Jannik Hahn fest. Mit einem dicken und mit Gewichten beschwerten Handschuh bewaffnet tut er sich dabei ziemlich schwer. "Ich merke, wie die Hand nicht mehr so mitmacht. Durch die zusätzlichen Gewichte ist die Bewegung viel schwieriger." Die Schüler sind von den praktischen Erfahrungen, die sie an diesem Tag machen, beeindruckt. Und verstehen nun viel besser, wie sich die ältere Generation manchmal fühlen muss, wenn es mal nicht so schnell geht.

Jannik Hahn (17) versucht, einen Geldbetrag in Münzen aus dem Geldbeutel zu nehmen. Mit der Alterssimulation für die Hand ist das gar nicht so einfach.
Jannik Hahn (17) versucht, einen Geldbetrag in Münzen aus dem Geldbeutel zu nehmen. Mit der Alterssimulation für die Hand ist das gar nicht so einfach. | Bild: Singler, Julian

"Ich kann es mir nicht vorstellen"

In Pflegeberufen zu arbeiten, ist eine echte Herausforderung. Auch aufgrund der oft schlechten Bezahlung ist das Berufsfeld für viele junge Menschen unattraktiv. Die Elftklässler des SG haben großen Respekt vor Pflegekräften, wollen nach ihrem Schulabschluss größtenteils aber andere Berufe ergreifen. So stehen die Schüler zu Pflegeberufen:

  • David Senkbeil (17): "Ich finde das Berufsfeld spannend, weiß aber noch nicht, was ich später machen will. Mein Fokus liegt jetzt erstmal auf dem Abitur und danach schaue ich weiter."
  • Jannik Hahn (17): "Ich möchte auf jeden Fall etwas Soziales machen, aber eher keinen klassischen Pflegeberuf. Ich habe mir schon die Arbeit eines Heilerziehungspflegers angeschaut, das war eine gute Erfahrung. Mit behinderten Kindern zu arbeiten kann ich mir vorstellen."
  • Marlon Feldkamp (16): "Im Moment sind Pflegeberufe nicht unbedingt mein Gebiet. Man denkt gar nicht, dass Altenpfleger so ein extremer Job ist, aber rund um die Uhr bereit sein zu müssen, falls etwas passiert, ist sehr anstrengend."
  • Thea Rooschüz (16): "Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, in einem Pflegeberuf zu arbeiten. Das ist nichts für mich."
  • Lenart Prekorogja (16): "Vor dem Alter habe ich schon ein bisschen Angst. Ich mache mir schon jetzt Gedanken, was ich besser machen kann, um meine Lebensqualität so lange wie möglich oben zu halten. In einem Pflegeberuf zu arbeiten, kann ich mir vielleicht für eine Weile vorstellen, aber ich lege mich allgemein nicht gerne auf einen Beruf fest."
  • Merlin Arnold (18): "Ich finde den Tag heute echt spannend und verstehe nun besser, wie man sich im Alter fühlt. Der Beruf des Altenpflegers ist aber trotzdem nichts für mich." (jsi)