Die alte Dame öffnet kaum die Augen. Sanft streicht Lam Ngo Thi My über ihre Wange. „Guten Morgen, wie geht es Ihnen?“, fragt sie. Die Antwort ist englisches Murmeln. „Good morning, how are you?“, wechselt My die Sprache. Die Frau im Bett hat eine Weile in England gelebt. Heute wohnt sie im Gustav-Werner-Stift, ist dement und spricht mal Englisch, mal Deutsch. My schlägt die Decke zurück, setzt die Füße in Hausschuhe, reicht ihr die Hände und lächelt sie an. „Everything will be ok. Don't be scared. I'll help you – Alles wird gut. Haben Sie keine Angst, ich helfe Ihnen“, sagt sie. Wenig später erscheinen die beiden zum Frühstück – frisch gewaschen, frisiert und angezogen setzt sich die Bewohnerin ans Fenster.

Lam Ngo Thi My lernt im Gustav-Werner-Stift den Beruf der Altenpflegerin.
Lam Ngo Thi My lernt im Gustav-Werner-Stift den Beruf der Altenpflegerin. | Bild: Corinna Raupach

Lam Ngo Thi My ist eine von sechs Pflegeschülerinnen aus Vietnam, die im Herbst in der Altenhilfe der Bruderhaus-Diakonie eine Pflegeausbildung begonnen haben. Für den Träger ist das angesichts des Fachkräftemangels eine Investition in Zukunft. Pflegeleiter Tobias Günther ist begeistert von den Schülerinnen. „Wir haben viel Erfahrung mit Migranten, aber diese jungen Frauen sind besonders motiviert“, sagt er. Sie arbeiteten mit Hingabe, schrieben in der Schule sehr gute Noten und zeigten Eigeninitiative. „Als für einen Bericht die Biografie eines Bewohners gefragt war, haben sie von sich aus mit Bewohnern und Angehörigen Interviews gemacht“, erzählt er.

Pflegeschülerin Nam Ngo Thi My begleitet Marie Krauss zur Gymnastik.
Pflegeschülerin Nam Ngo Thi My begleitet Marie Krauss zur Gymnastik. | Bild: Corinna Raupach

My streicht ihrer Klientin ein Weißbrot mit Marmelade und schneidet es klein. Sie setzt sich zu ihr an den Tisch, schiebt ihr das erste Häppchen in den Mund. Während sie wartet, bis es gekaut ist, unterhält sie sich mit anderen, füllt Becher nach und räumt den Weg für einen Rollator frei. Die Bewohner im Stift sind angetan von der neuen Hilfe. „Sie macht das hervorragend. Sie fragt zum Beispiel erst, ob sie meinen Fuß bewegen darf, ehe sie etwas tut“, sagt Sabine Böhler, die unter multipler Sklerose leidet. „Ich habe nur gute Erfahrungen mit ihr gemacht, sie hat viel Geduld mit uns“, sagt Christa Schmidt. „Das ist eine ganz Liebe“, sagt eine andere.

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Schon in ihrer Heimatstadt Ho-Chi-Minh-Stadt hat My ehrenamtlich alten Menschen geholfen. „Bei uns gibt es viele alte Frauen, die allein leben. Die haben keine Männer, keine Kinder, das ist noch vom Krieg“, sagt sie. Sie begann, Wirtschaft zu studieren. „Aber mein Beruf ist die Pflege. Es macht mir viel Spaß“, sagt sie. In Hanoi absolvierte sie ein Pflegepraktikum, lernte Deutsch und kam über den Verein vietduc.care an den Bodensee.

Miriam Ann Hüttl, Lam Ngo Thi My, Phi Nhung Nguyen und My Linh Puong.
Miriam Ann Hüttl, Lam Ngo Thi My, Phi Nhung Nguyen und My Linh Puong. | Bild: Corinna Raupach

Nach der Arbeit hat sie Deutschunterricht, den die Bruderhaus-Diakonie zusätzlich zum Sprachunterricht in der Schule organisiert. Miriam Ann Hüttl übt mit den Schülerinnen Vokabeln aus Medizin und Pflege. Sie betreut die jungen Frauen für den Verein vietduc.care, der schon in Vietnam Kontakt zu Schulen knüpft und junge Menschen auf eine Pflege-Ausbildung vorbereitet. „In Vietnam ist die Arbeitslosigkeit hoch. Das Bildungssystem ist sehr gut, aber nur zehn Prozent der Abiturienten können studieren“, sagt sie.

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Die jungen Frauen sollen erklären, was „Koma“ bedeutet, „Pflaster“ oder „Schutzkleidung“. Es gelingt mit Händen, Füßen und Gelächter. 19 bis 25 Jahren sind sie jung, sie sehen ihre Zukunft in Deutschland. „Die Ausbildung ist gut und wir tun eine gute, sinnvolle Arbeit“, sagt My Linh Duong. „Ich rede gern mit alten Menschen. Sie haben viel Erfahrung, wir haben Spaß“, sagt Phi Nhung Nguyen. Sie war am Wochenende zum ersten Mal in den Alpen, jetzt will sie Ski fahren. Auch Lam Ngo Thi My gefällt es gut. „Die Menschen sind nett, sehr hilfsbereit.“ sagt sie. Nur an die nierigen Temperaturen musste sie sich gewöhnen.