In feierlicher Ruhe strömte die schlichte Pilgerchormelodie in dunklen Bläsertönen aus dem Orchestergraben. Zackig emporbrausend, in starkem Kontrast die Streicher mit dem sinnlichen Venusberg-Motiv. Im prachtvollem Tutti dann der Gesang Tannhäusers mit großer Leidenschaft. So begann unter der feinfühligen Leitung des kommissarischen Generalmusikdirektors Felix Bender das Gastspiel der Oper Chemnitz mit „Tannhäuser“ von Richard Wagner.

Zu den ersten Klängen der Robert-Schumann-Philharmonie im Vorspiel sah man einen suchenden, verunsicherten Tannhäuser. Hinter der transparenten Trennwand, symbolische Grenze zwischen Wartburg und Venusberg, verabschiedete sich die angebetete Elisabeth. Mit berauschender Musik, rosaroten Nebelschwaden, führte eine Jungfrauenschar, mit Rosen quer im Mund und Gesichtsmasken, in „züchtiger“ Schrittfolge Tannhäuser in die Welt des erotischen Venusberges und übergaben den ehemaligen Minnesänger an die Liebesgöttin in der herausfahrenden pinken Venusmuschel (Ausstattung: Peter Sykora). Regisseur Michael Heinicke hatte sich für die Pariser Fassung mit großem Bacchanale bei der Jubiläumsinszenierung aus dem Jahr 2009 entschieden.

Martin Iliev überzeugte in der Titelrolle als Tannhäuser zum großen Teil. Anfangs waren manche Textstellen nicht so deutlich, etwas starkes Nachdrücken in der Höhe spürbar. Im zweiten Aufzug zeigte der bulgarische Tenor seine große Bühnenpräsenz. In der aufgewühlten Atmosphäre beim Sängerwettstreit war die Wandlung vom geliebten Minnesänger über den verhassten Verräter zum reuigen Büßer sehr glaubhaft. Herausragend dann die Romerzählung mit sich steigernder durchkomponierter Dramatik bis zur Anrufung der „Frau Venus“.

Gleich vom ersten Ton an gewann Oddur Jonsson mit seinem satten Bariton das Publikum für sich. Die Rolle des Wolfram von Eschenbach, Tannhäusers bis in den Tod letzter Freund, lebte der Isländer mit den Tugenden der „Hohen Minne“ in feierlichem Gestus. Berührend sein „Lied an den Abendstern“ mit gehauchtem Piano für Elisabeths Weg zum Himmel.

Magnus Piontek erreicht mit seinem geerdeten Bass den notwendigen Respekt als Landgraf von Thüringen. Gesanglich gleichwertig besetzt waren die Rollen der anderen Minnesänger mit Edward Randall als Walter von der Vogelweide, Matthias Winter, André Riemer und Martin Gäbler als Biterolf, Heinrich der Schreiber und Reinmar von Zweter. Hell und sehr einfach im Ausdruck sang Franziska Krötenheerdt den Hirten.

Die Entscheidung, die Rolle der Venus und der Elisabeth in die Hand einer Sängerin zu legen, ist handlungsbedingt nachvollziehbar. Werden doch die Traumvorstellungen Tannhäusers mit den erotischen Begierden des Venusbergs auf Elisabeth projiziert. Für Brit-Tone Müllertz war die Doppelrolle mit ihrem gut gestützten, beweglichen Sopran kein Problem. Mühelos die verführerischen ausdrucksstarken Gesangslinien, aber auch kraftvollen Wutausbrüche der Venus. Wandlungsfähig der Wechsel von naiver Verliebtheit, tiefster Verletzung bis hin zur Selbstaufgabe und Todessehnsucht bei Elisabeth. Unterstützt von rotem und schwarzem Kleid beim Rollenwechsel, hatte man den Eindruck, dass sich die Dänin in der Rolle der Elisabeth wohler fühlte.

Einen großen Anteil der bejubelten Aufführung hatte der Opernchor mit Extrachor und noch verstärkt durch Chorgäste. Mit hoher Präzision, raumgreifender Klangentfaltung, Leidenschaft und Gefühlsausbrüchen hatte Stefan Bilz den großen Auftritt im „Einzug der Gäste“ und beim folgenden Eklat des Sängerwettstreits vorbereitet. Gänsehautgefühl gab es jedes Mal bei den Auftritten der Männer in den Pilgerchören.

Felix Bender darf man wohl als Sängerdirigenten bezeichnen. Immer darauf bedacht, bei aller Klangfülle und Farbenreichtums des groß besetzten Orchesters, mussten Solisten nie gegen das Orchester darüber schmettern. Hilfreich die perfekten, mitatmenden Einsätze von Bender, die immer wieder gegebenen kleinen Hilfen in den längeren Soloabschnitten.

Der Klang der Robert-Schumann-Philharmonie war weich und rund, aber auch festlich und in vollem kraftvollem Forte, in jedem Fall weit entfernt von einem routinierten Opernorchester. Nach dem letzten Klängen der über 150 Mitwirkenden in Chor und Orchester mit „Der Gnade Heil ist dem Büßer beschieden, er geht nun ein in der seligen Frieden!“ setzte ein lang anhaltender, mit vielen Bravo-Rufen unterstützter Applaus mit mindestens zehn Vorhängen ein.