Es gibt wohl nur einen Linken aus dem Osten, der es im Westen schafft, nicht nur einen Saal zu füllen, sondern nach zwei Stunden kurzweiliger Politshow auch einen donnernden Applaus zu bekommen. Gregor Gysi gelang in der Zeppelin-Universität am Freitagabend das, was er seinen Parteifreunden immer wieder sagt: „Wenn ihr kein Bündnis mit der Mitte schließt, seid ihr wirkungslos.“ Denn die Mitte finanziere mit ihren Steuern dieses Land.

Der Blick zurück fällt zunächst kurz aus

Bei der Bürger-Universität saßen sie vor ihm: der pensionierte Arzt und Ingenieur, Geschäftsführer und Lehrer, CDU-Bürgermeister und FDP-Stadträtin. 30 Jahre Mauerfall war das Thema. Gysi kennt beide Systeme aus dem Blickwinkel der Eliten – als Rechtsanwalt, letzter Parteichef der SPD-PDS oder langjähriger Fraktionschef der Linken im Bundestag, dem der 71-Jährige bis heute angehört. Sein Blick zurück, garniert mit vielen Anekdoten aus den Wendejahren, fiel kurz aus.

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Umso tiefer gehender seine Analyse, warum der Zusammenbruch der DDR als Anfang vom Ende der Ost-West-Polarität bis heute nachwirkt. „Die Sicherheit ist weg“, sagte er. Jene Sicherheit, die der Kalte Krieg schuf, weil klar war, wer Freund und wer Feind ist. Ein Grund für ihn, warum Rechtspopulisten Erfolg haben, die in dieser „durcheinander geratenen Welt“ mit ihren Parolen von Nationalismus und Rassismus wieder Übersichtlichkeit versprechen. Dass die AfD als Protestpartei so stark wurde, ist für Gysi auch Beleg dafür, dass für viele Wähler „die etablierte Politik unglaubwürdig geworden ist“.

Wann die Einheit für Gregor Gysi vollendet sein wird

Gysi erklärte, welche Fehler seiner Meinung nach bei der Wiedervereinigung gemacht wurden. Eine Treuhandanstalt, die die DDR-Betriebe passgenau für den Westen gemacht und mögliche Konkurrenten ausgeschaltet habe, beispielsweise. Hätte der Westen ein paar vernünftige DDR-Systeme wie Kita-Betreuung oder die Polikliniken übernommen, hätte das Selbstbewusstsein der Ostler wohl weniger gelitten. So fühlten sich die „Ossis“ eher wie Besiegte. Trotzdem „sollten wir uns über den Fall der Mauer freuen“, sagte Gregor Gysi. Auch wenn er die Einheit erst dann für vollendet hält, wenn „eine ostdeutsche Frau mit Migrationshintergrund Ministerpräsidentin in Bayern wird“.

Den „Rest“ des Abends erklärte der prominente Linke mit brillanter Rhetorik und viel Humor, warum es in dieser einen, zusammengerückten Welt ein starkes, solidarisches Europa braucht. „Wir müssen uns verständigen über Gerechtigkeit in unseren Gesellschaften.“