Edson wollte vergangene Woche wissen, wie das Herz funktioniert. Die Mutter von seinem Hector-Kollegen Kai arbeitet in einer kardiologischen Praxis und hat ein Herzmodell mitgebracht. "Das ist aber groß", stellt Victoria staunend fest. "Ein Herz ist etwa so groß wie eine Faust", sagt Susanne Schröder. "Heißt das, wer eine große Hand hat, hat auch ein großes Herz?", fragt Ilyas und erfährt: "Im Prinzip ja. Dein Papa hat bestimmt größere Hände als du und er hat auch ein größeres Herz."

Sieben Kinder von Klasse zwei bis vier besuchen den Kurs "Kleine Forscher – wir arbeiten wie Wissenschaftler" der Hector-Kinderakademie an der Ludwig-Dürr-Schule. Ihre Lehrer haben sie empfohlen, weil sie sie für begabt oder motiviert halten. Jedenfalls sind sie neugierig. "Was sind das für komische Fäden?", fragt Kai und meint die Muskeln in der Herzkammer. "Was ist ein Herzinfarkt?", will Edson wissen. "Da ist eins von den großen Gefäßen verstopft", antwortet Schröder. "Kann man dagegen etwas tun?", fragt Luena. Schröder erklärt, wie Ärzte einen Stent setzen. "Und wenn das Gitter kaputt geht?", fragt Ilyas. "Das geht nicht kaputt, das ist aus speziellem Material." "Was für Material?" "Titan, das ist sehr beständig." "Titan ist cool", findet Edson.

"Wie schnell schlägt denn ein Herz?", fragt Victoria. "Das kommt darauf an", antwortet Kursleiterin Angelika Eckstein. Sie zeigt, wie sich der Puls an Hals oder Handgelenk spüren lässt. Anschließend messen sie mit einem professionellen Gerät: um die 100 Mal schlagen die Herzen der Kinder pro Minute. "Und jetzt rennen wir alle Treppen rauf und runter", sagt Eckstein und sie jagen los. Danach messen sie wieder. Am schnellsten ist der Puls mit 139 bei Victoria und mit 136 bei Luena. Bei Ilias liegt er nur bei 103: "Ich hatte keine Lust zu laufen", gesteht er. "Wenn man schnell rennt, schlägt auch das Herz schneller", folgert Victoria.

Um halb fünf guckt Bastian auf die Uhr: "Schade, nur noch eine halbe Stunde!" Es ist die letzte Einheit des Kurses "Kleine Forscher – wir arbeiten wie Wissenschaftler". Hier haben sie erkundet, was die Pupille macht, wenn eine Taschenlampe blendet oder wie nah sie eine Bleistiftspitze scharf sehen. Auf Rampen haben sie Fahrzeuge rollen lassen und die Geschwindigkeit mit Stoppuhr gemessen. "Am schönsten ist, wenn sie etwas ausprobieren können", sagt Eckstein, die die Kinderakademie in Friedrichshafen mitgestaltet hat. "Ich möchte, dass sie mit neugierigen, offenen Augen durch ihre Welt gehen und lernen, genau hinzuschauen und alles zu hinterfragen."

Eine Studie der Universität Tübingen stellte fest, dass Kinder nach dem Besuch solcher Kurse ein reiferes Wissenschaftsverständnis zeigen und ihre ohnehin guten Noten weiter verbessern. Die Kinder haben auch noch Freude daran. "Wir machen viele Versuche, das macht Spaß", sagt Luena. "Als wir das Ei gepolstert haben, damit es beim Aufprall nicht platzt, das fand ich toll", sagt Kai. "Wir müssen keine Hausaufgaben machen", sagt Ilyas. "Schade, dass es in der fünften Klasse nicht weitergeht."

Überlegungen dazu gebe es, sagt Paul Baudler, Schulleiter der Ludwig-Dürr-Schule und Geschäftsführer der Hector-Kinderakademie für den Bodenseekreis. Derzeit bietet die Akademie Kurse und Ausflüge in Friedrichshafen und Überlingen an. "Der Schwerpunkt liegt im Mint-Bereich, also bei Mathe, Informatik und Naturwissenschaften. Aber wir haben auch Kurse wie Kunstschmieden oder Zeitung machen", sagt er. Höchstens acht Kinder lernen zusammen, sie experimentieren, bauen oder programmieren.

Heute können die Kinder ein Experiment sogar essen: Sie wollten herausfinden, ob ein Brotteig mit Hefe besser aufgeht als ohne. Den Versuchsaufbau haben sie selbst entwickelt. "Wir haben von allem gleich viel genommen, nur von der Hefe nicht", sagt Ilyas. "Das haben wir schon gelernt: bei wissenschaftlichen Experimenten darf nur ein Parameter geändert werden", sagt Eckstein. Das Ergebnis ist eindeutig: viel Hefe ergibt einen fluffigen Teig. "Da waren so Luftblasen drin", sagt Luena. Lecker sind nachher alle Brote.

Hector-Kinderakademien

Die Hector-Kinderakademien bieten freiwillige Zusatzangebote für begabte, kreative oder besonders motivierte Grundschulkinder. Die Kurse greifen nicht schulischen Inhalten vor, sondern vertiefen das Wissen der Kinder. Voraussetzung ist die Empfehlung der Schule. Sie werden im Wesentlichen von der Hector-Stiftung II finanziert und sollen in ganz Baden-Württemberg eingerichtet werden. Im Bodenseekreis ist die Akademie an der Ludwig-Dürr-Schule angesiedelt, Rektor Paul Baudler ist Geschäftsführer.

Stifter Hans-Werner Hector ist einer der Gründer des Walldorfer Software-Unternehmens SAP. 1996 verkaufte er seine Anteile und investiert sein Vermögen in Wissenschaft, Kunst und Begabtenförderung.

Wer schneller lernt, hat's auch nicht leicht

Schon im ersten Schuljahr langweilte sich ihr Sohn so sehr, dass er rebellierte. "Er hat Glück gehabt. Seine Klassenlehrerin erkannte, dass er unterfordert war", sagt Ute Naumann aus Immenstaad. Die Lehrerin riet den Eltern, ihn testen zu lassen. "Die Schulpsychologin hat sich viel Zeit genommen und beim IQ-Test festgestellt, dass er hochbegabt ist." Als hochbegabt gelten Menschen mit einem Intelligenzquotient ab 130. Naumanns Sohn übersprang zwei Grundschulklassen und lernt jetzt im Hochbegabtenzug des Spohn-Gymnasiums im Ravensburg. "Das ist sehr positiv für ihn, schon weil er gemerkt hat, dass er nicht das einzige Kind ist, dass so tickt wie er", sagt sie.

Naumann hat einen Stammtisch für Eltern hochbegabter Kinder eingerichtet. "Gerade in der ersten Zeit nach dem Ergebnis ist der Bedarf sehr hoch, sich auszutauschen", sagt sie. Ihrer Familie habe es gutgetan, zu Treffen und Familienwochen des Landesverbands Hochbegabung zu fahren. Jetzt gibt sie ihre Erfahrungen weiter. "Es ist wichtig, dass Eltern, Lehrer und Erzieher in Betracht ziehen, dass es so etwas gibt", sagt Naumann. "Hochbegabung ist ein Wort, das keiner hören will, fast ein Tabuthema." Wenn Kinder viel fragen, sich schon im Kindergarten auf spezielle Themen konzentrieren, früh lesen oder gern mit Älteren spielen, kann das auf eine besondere Begabung hinweisen. "Ich kann Eltern, die den Verdacht haben, nur raten ihr Kind testen zu lassen", sagt Naumann. Mit der Diagnose könnten sie anders agieren, was die Schulwahl angeht etwa.

Denn in erster Linie sollten die Schulen jedes Kind im eigenen Tempo lernen lassen. Eltern sollten begabten Kindern geben, was alle Kinder brauchen: Akzeptanz, Geborgenheit und Förderung, die den Neigungen entspricht. "Ich bin mit meinem Sohn manchmal nach Bad Waldsee gefahren, zu Lego- oder Fischertechnikkursen, das hat ihm gut gefallen, weil er da Gleichgesinnte gefunden hat", sagt Naumann.

Fördermöglichkeiten in der Region sind neben Vereinen und Musikschulen Kinderuni, Wissenswerkstatt, Schülerforschungszentrum oder Hector-Kinderakademie in Friedrichshafen. Die Jugendakademie in Bad Waldsee führt die Ideen der Hector-Kinderakademie ab Klasse fünf weiter. Museen wie Zeppelin- oder Dornier-Museum, innatura in Dornbirn und Technorama in Winterthur haben Kinderprogramme. Ab der fünften Klasse können Schüler mit einem IQ ab 130 am Spohn-Gymnasium in Ravensburg individueller und schneller lernen. An der Universität Konstanz ist in 15 Fächern ein Schülerstudium möglich. Eltern können sich über den Regionalverein der Deutschen Gesellschaft für das Hochbegabte Kind oder den Landesverband Hochbegabung zusammentun.