Am Sonntag war internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Laut dem Kinderhilfswerk Terre des Hommes verreisen jährlich 400 000 deutsche Männer, um sich sexuelle Dienstleistungen zu erkaufen. Ein Hauptreiseziel ist demnach Kambodscha, wo ein Drittel der Opfer Kinder sind. Und bei uns?

Loverboys ködern junge Mädchen

Lena Reiner hat sich den aktuellen Lagebericht der Bundesregierung für Menschenhandel in Deutschland angesehen. Nach dem Besuch eines Projekts der "Bono Direkthilfe" in Indien hat sie sich des Themas angenommen. Die Friedrichshafener Fotografin fand heraus, dass es allein im vergangenen Jahr 128 Verfahren wegen kommerzieller sexueller Ausbeutung von Minderjährigen in Deutschland gegeben hat. Der überwiegende Teil der 163 Opfer waren deutsche Mädchen, 36 von ihnen jünger als 14 Jahre, geködert auf Plattformen im Internet, in sozialen Netzwerken und durch Loverboys. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

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Auch in Friedrichshafen wurden schon Minderjährige befreit

In Friedrichshafen gibt es zahlreiche Bordelle und auch hier hat die Polizei schon Minderjährige aus den Fängen von Menschenhändlern befreit. Deshalb hat sich Lena Reiner in Häfler Schulen nach freiwilligen Schülerinnen zwischen 12 und 16 Jahren für ihre Fotokampagne "Not for sale" umgesehen. Dieses Alter ist die Hauptzielgruppe der Loverboys. Bei ihnen handelt es sich um smarte junge Männer, die vorgeben in die Mädchen verliebt zu sein, mit ihnen flirten, vorgeben, mit ihnen eine Beziehung einzugehen. Sie schaffen die Grundlage zur Erpressung, etwa durch ein geheimes Video vom Sex und treiben die Mädchen in die Zwangsprostitution. Oft vertrauen sich die Mädchen aus Scham niemandem an.

Wohnungsbordelle gibt es auch in Friedrichshafen. Lena Reiner setzt sich mit ihrem Projekt "Not for sale" dafür ein, dass junge Mädchen nicht hinter solchen Türen landen.
Wohnungsbordelle gibt es auch in Friedrichshafen. Lena Reiner setzt sich mit ihrem Projekt "Not for sale" dafür ein, dass junge Mädchen nicht hinter solchen Türen landen. | Bild: Andrea Fritz

Die Schulleitung von St. Elisabeth, Eltern und Schülerinnen haben diese Gefahr erkannt und sich voll hinter das durch die Stadt und den Häfler Soroptimist-International-Club finanzierte Projekt "Not for sale" gestellt. So konnten schließlich Großflächenplakate für 21 Tage in Friedrichshafen aufgestellt werden, die das Problem thematisieren. Derzeit geht "Not for sale" in Köln in die zweite Runde. Dort finanziert die Stiftung der "Bono Direkthilfe" die Plakatkampagne. Gleichzeitig läuft ein Crowdfunding für eine Kampagne in Hamburg. "Das ist die Stadt Nummer eins, wenn man an Prostitution in Deutschland denkt", so Lena Reiner.

Nächste Ziele: Wien und die Kinoleinwand

2500 Euro muss sie für eine solche Kampagne sammeln. Sind die zusammen, ist Wien das nächste Ziel, denn dort soll gerade der Kinderstrich zu neuem Leben erwachen. Gleichzeitig hat Gökhan Sayim, Chef der Produktionsfirma "Himmelsanker", angeboten, ehrenamtlich einen Kurzfilm zu produzieren, der "Not for sale" als Aufklärungsspot in deutsche Kinos bringen wird. Der Film zeigt, dass kein Mädchen sicher ist und dass sich auch Männer für dieses Thema engagieren. Potenzielle Opfer werden ermuntert, wachsam zu sein und notfalls nicht vor Scham auszuhalten, sondern sich jemandem anzuvertrauen, auch dann, wenn dumme Reaktionen aus dem Umfeld zu erwarten sind.