Die Puppen im Schaufenster des Sportbekleidungsgeschäftes sind fast nackt. Sie tragen nur noch rot-weiße Bänder. Bei den sommerlichen Temperaturen sicher die bessere Kleidungswahl als dicke Skijacken. Überdeckt wird der Anblick aber ohnehin von einem großen Schild: "Alles muss raus" steht. Das geschichtsträchtige Sportfachgeschäft wird schließen, verkünden die roten Buchstaben.

Sportbekleidung, Skiausrüstung, Badmintonschläger oder Bälle für die verschiedensten Sportarten: All das konnten Kunden im Sportfachgeschäft Baur-Schlegel in der Goldschmiedstraße erwerben. Nun soll das Geschäft Ende August schließen. Der Grund für die Schließung ist das Alter des Geschäftsführers Walter Ammann. Der Räumungsverkauf ist schon in vollem Gange.

"Jeder Anfang hat mal ein Ende und ich ein Recht darauf, jetzt in den Ruhestand zu gehen", sagt Walter Ammann. Seit 1966 führt er das Geschäft in der Goldschmiedstraße. Doch der Anfang des Unternehmens geht sogar noch weiter zurück. Hinter seinem Schreibtisch sitzend zeigt Ammann auf ein Foto ander Wand hinter sich. "Mit ihm hier hat vor 154 Jahren alles angefangen." Gemeint ist damit Andreas Schlegel, der als Drechsler und Schirmfabrikant 1864 seinen Laden eröffnete. Ammann hat weitere historische Aufnahmen in seinem Büro. "Das hier ist im Gründungsjahr entstanden", erklärt der Geschäftsführer und zeigt auf das Bild mit einem kleinem Lädchen. Ein Mann steht in der Eingangstür.

Seit 1966 ist Walter Ammann der Inhaber des Sportgeschäftes Baur-Schlegel. "Aber alles hat irgendwann mal ein Ende", sagt Ammann. Im Laden packt er immer noch selbst mit an.
Seit 1966 ist Walter Ammann der Inhaber des Sportgeschäftes Baur-Schlegel. "Aber alles hat irgendwann mal ein Ende", sagt Ammann. Im Laden packt er immer noch selbst mit an. | Bild: Sandro Kipar

Walter Ammann möchte nicht darauf eingehen, ob es ihm schwer gefallen sei, das Ende des Sportfachgeschäfts zu beschließen. Er wiederholt lediglich: "Ich bin in einem guten Alter, um aufzuhören." Und die Räumlichkeiten in der Goldschmiedstraße? Die gehören ihm. "Ich möchte den Standort vermieten. Einen Nachfolger gibt es allerdings noch nicht." Der Geschäftsführer könne sich gut vorstellen, dass wieder ein Sportgeschäft einzieht. Ende August soll aber zunächst endgültig Schluss sein. Und dann? "Ich gönne mir ein bisschen Ruhe, mache selbst etwas Sport. Segeln und Skifahren gehören zu meinen Leidenschaften", erklärt der Geschäftsführer.

Bei der Suche nach einem Nachfolger wird Walter Ammann von Thomas Goldschmidt, Geschäftsführer vom Stadtmarketing Friedrichshafen, unterstützt. "Es ist wichtig für uns, dass für den Standort ein adäquater Ersatz gefunden wird", erklärt Goldschmidt. Die Suche laufe schon, mit Ammann stehe er seit Wochen in Kontakt. "Ich bewundere diese tolle Lebensleistung von Walter Ammann", sagt der Geschäftsführer des Stadtmarketings. Vor rund 15 Jahren habe er das erste Mal bei Baur-Schlegel eingekauft. Goldschmidt war zu dieser Zeit neu in Friedrichshafen. "Egal, ob Mützen oder Badmintonschläger: Das Geschäft in der Goldschmiedstraße war immer erste Anlaufstelle."

Doch nun herrscht auf den insgesamt fünf Verkaufsetagen Räumungsverkauf. In Friedrichshafen hat sich das schnell rumgesprochen: Am Montagvormittag war das Sportgeschäft gut besucht, vor der Kasse bildete sich eine lange Schlange. Damit dieser Ansturm bewältigt werden kann, hat Walter Ammann ehemalige Mitarbeiter um Hilfe gebeten. Zu ihnen gehört Elke Heilig. "Als der Anruf kam war es für mich selbstverständlich, hier etwas auszuhelfen", sagt die Häflerin und blickt auf die vergangenen Jahre zurück: Von 1958 bis 1961 hatte sie ihre Ausbildung in dem Sportfachgeschäft gemacht. "Ich habe sehr früh hier gelernt, dass das Kundenwohl immer im Mittelpunkt steht", erinnert sich Heilig. Kunden und Personal gingen damals noch tiefgreifendere Beziehungen ein. Man kannte sich. "Heute ist das ja nicht mehr so einfach." An die Zusammenarbeit mit Walter Ammann erinnert sie sich gerne. "Das Geschäft hier war immer sein Leben. Selbst, wenn jemand am Sonntag auch nur eine Schraube gebraucht und danach gefragt hat, ist er aufgestanden, in den Keller gegangen und hat danach gesucht", sagt die ehemalige Mitarbeiterin, die mittlerweile selbst seit zwölf Jahren Rentnerin ist.

Ein Foto aus dem Büro von Inhaber Walter Ammann. Laut ihm ist die Aufnahme von 1864, dem Gründungsjahr des Geschäfts.
Ein Foto aus dem Büro von Inhaber Walter Ammann. Laut ihm ist die Aufnahme von 1864, dem Gründungsjahr des Geschäfts. | Bild: Sandro Kipar