Im Bodenseekreis wurden 2018 rund 19 000 Tonnen Grünabfall zu Kompost verarbeitet. Würde man bisher ungenutzte Biomasse wie Laub, Straßenbegleitgrün, Mähgut aus Naturschutzgebieten wie dem Eriskircher Ried und Schnittgut aus Streuobstwiesen mit Flüssigkeit verpressen, ließe sich daraus vermutlich wertvolle Aktivkohle gewinnen. Die Wertschöpfung bliebe in der Region.

Da aber im Bodenseekreis besonders viel Biomasse anfällt, haben die Forscher aus Kassel hier ideale Voraussetzungen für ihr Projekt gefunden. Bisher kommt diese Aktivkohle meist aus unbekannten Quellen in Indien oder China. Das Forschungsprojekt CoAct hat das Ziel, die Aktivkohle vor Ort herstellen zu können.

Reinigung von Abwasser

Aktivkohle spielt eine wichtige Rolle bei der Abwasserreinigung und Trinkwasseraufbereitung. Mit Aktivkohle lassen sich auch Mikroteilchen aus Kosmetika, Arzneimitteln und Pflanzenschutzmitteln aus dem Abwasser filtern. Aktivkohle kommt beispielsweise im Klärwerk Langenargen und verpflichtend in den Klärwerken auf der Schweizer Seeseite zum Einsatz, aber auch bei der Sickerwasserreinigung im Entsorgungszentrum Weiherberg.

Das Forschungsprojekt CoAct wurde am Mittwoch im Graf-Zeppelin-Haus vor rund 70 Interessenten vorgestellt. Für Projektleiter Michael Wachendorf war nicht nur die Menge der anfallenden Biorestmassestoffe ausschlaggebend, das Projekt nach Friedrichshafen und in den Bodenseekreis zu bringen. "Dadurch, dass wir Wein- und Obstbau haben, haben wir auch Kerne und Trester und dann auch noch so spannende Stoffe wie Seegras oder Schwemmholz", freut sich Wachendorf über die wissenschaftliche Herausforderung. Diese zukunftsorientierten Arbeiten, sagt der Forscher, geben Impulse für die nachhaltige Nutzung von Ressourcen.

Aufruf an Erzeuger

In den kommenden drei Jahren wollen die Forscher herausfinden, wie viel Aktivkohle sich überhaupt gewinnen ließe, welche Art und in welcher Qualität. Deshalb sind Obstbauern, Winzer, Stadt und Gemeinden aufgerufen, ihre Grünabfälle anzubieten. Auch Privatpersonen können den Forschern ihre Gartenabfälle zur Verfügung stellen. Ansprechpartner ist Andreas Ziermann von der Bodensee-Stiftung (E-Mail: info@bodensee-stiftung.org). Für Obsterzeuger und Winzer könnte sich so langfristig sogar eine zusätzliche Einnahmequelle erschließen. Für die vier Millionen Verbraucher, die ihr Trinkwasser aus dem Bodensee beziehen, kann das Projekt die Wasserqualität sichern oder sogar noch verbessern.

Das Forschungsprojekt CoAct ist auf drei Jahre mit 2 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Weil aber nicht nur das technische Verfahren, sondern auch die wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen geprüft werden, können sich Stadt, Kreis oder private Investoren in weiteren zwei Jahren überlegen, ob und wo Anlagen für Biomasseaufbereitung, Pyrolysierung (thermisch-chemische Spaltung) und Kohleaktivierung für den Bodenseekreis realisierbar sind. Weitere Workshops und Informationsveranstaltungen sollen folgen.