Jeden Stein in der Glückstraße kennen die Schleichers. Denn die meisten von ihnen hatten sie irgendwann einmal in der Hand. 1950 baute das Ehepaar, gemeinsam mit anderen Familien, die Allmannsweiler Siedlung auf und verwandelte das Gelände, auf dem während des Zweiten Weltkriegs Baracken für die Zwangsarbeiter standen, in eine Wohnsiedlung. Bis heute, 66 Jahre nach dem Aufbau des Häfler Stadtteils, leben Elisabeth und Samuel Schleicher in der Glückstraße.

Kennengelernt hatte sich das Ehepaar bei einer Tanzveranstaltung in Oberbayern. Sowohl Elisabeth auch als Samuel waren als Donauschwaben nach Ende des Krieges aus ihrer Heimat in Ungarn und dem ehemaligen Jugoslawien vertrieben worden. "Meine Schwester leistete während des Krieges Arbeitsdienst in Bregenz. Als klar wurde, dass wir nach Deutschland umsiedeln müssen, gab die Großmutter die Devise heraus: Wir treffen uns am Bodensee", erzählt Samuel Schleicher. 1945, mit 15 Jahren, kam er in Heiligenhof bei Kressbronn an. Später zog er mit seiner Frau Elisabeth nach Neukirch. Gearbeitet wurde in Friedrichshafen, in den Fabriken von ZF, Maybach und Allgaier.

<p>Das Haus im Hintergrund, die Glückstraße 14, 66 Jahre später. Helmut Schneider wuchs in der Siedlung auf, Hildegard Schneider, Magda Krom, Elisabeth und Samuel Schleicher (von links) bauten die Häuser. Bild: Jeanne Lutz</p>

Das Haus im Hintergrund, die Glückstraße 14, 66 Jahre später. Helmut Schneider wuchs in der Siedlung auf, Hildegard Schneider, Magda Krom, Elisabeth und Samuel Schleicher (von links) bauten die Häuser. Bild: Jeanne Lutz

| Bild: Jeanne Lutz

2800 Mark und 1500 Arbeitsstunden

Die Sehnsucht der Geflüchteten, die in sozial schwachen Verhältnissen lebten, nach einem eigenen Zuhause war groß. 1950 wendete sich das Blatt: Die Behörden in Tübingen stimmten dem Antrag zum Bau einer neuen Siedlung zu. Unter Aufsicht des Bauträgers "Württembergische Heimstätte GmbH", heute LBBW-Immobilien, wurde im September 1950 der erste Spatenstich gesetzt. Das Land Württemberg-Hohenzollern unterstützte das Projekt, das den Neubau von 48 Doppelhaushälften beinhaltete, mit 476 000 Deutschen Mark. Der finanzielle Eigenanteil für die Siedler war mit 2800 Mark pro Haushälfte zwar relativ gering. Dafür war es Voraussetzung mindestens 1500 Arbeitsstunden selbst zu leisten. Eine weitere Bedingung für den Erwerb war eine Mindest-Bewohnerzahl von fünf Personen. "Wir haben damals für meinen Schwager mitgeholfen, damit wir genug Leute waren", erzählt der 86-Jährige. Er und seine Frau kamen erst beim Bruder von Elisabeth in der Heimatstraße unter, bis sie 1956 das Haus Nummer 14 in der Glückstraße kauften.

Gearbeitet wurde nach Feierabend und an den Wochenenden "solange es genug Licht gab", erinnern sich die Eheleute. "Sonntags kam der Pfarrer Mohr und beschwerte sich, dass wir arbeiteten", erzählt Samuel Schleicher lachend. "Aber Stunden machen war wichtiger, alles was laufen konnte, half mit", ergänzt seine Frau Elisabeth. Ständig wurde von der Bauleitung der Fortschritt an den Häusern kontrolliert. Wie viele Stunden als abgeleistet galten, entschied ebenfalls die Bauleitung. Zum Ausheben der Gruben gab es einen Bagger. Alle anderen Arbeiten, vom Mauern bis zu den Kanalarbeiten, mussten mit der Hand gemacht werden. "Es gab keine Straßen oder Aufzüge. Die Steine, die aus den Trümmern der Stadt gepresst wurden, mussten zur Baustelle getragen und dann geschichtet werden", so der 86-Jährige.

<p>Im Hintergrund stehen die ersten fertigen Doppelhaushälften.</p>

Im Hintergrund stehen die ersten fertigen Doppelhaushälften.

| Bild: Samuel Schleicher

Das Los entscheidet

An wessen Haus gerade gearbeitet wurde, wusste man nicht. "So sollte verhindert werden, dass sich jemand auf der einen Baustelle mehr Mühe gibt, oder mehr Materialien verwendet", erklärt Schleicher. Nachdem die Rohbauten fertiggestellt waren, wurden die Häuser unter den Bauherren ausgelost. 1951 waren 48 Gebäude in der Heimat- und der Glückstraße fertiggestellt, alle nach dem selben Schema: Im Erdgeschoss zwei Zimmer und eine Küche, im Obergeschoss drei weitere Zimmer. Ein Bad gab es nicht. dafür einen Badezuber in der Waschküche und bis in die 1970er Jahre ein Plumpsklo. Außerdem gehörten zu jedem Grundstück kleine Gärten, in denen die meisten Besitzer bis Mitte der 1960er Jahre Ställe hatten. "Dort hielten wir Schweine oder Geflügel – das Schlachten war Teil der Selbstversorgung", erklärt Samuel Schleicher.

Direkt gegenüber der Schleichers in der Glückstraße lebt Hildegard Schneider. Sie ist eine der wenigen noch lebenden Allmannsweilerinnen, die von Anfang an im selben Haus leben. "In rund 70 Prozent der Häuser leben nicht mehr die Familien, die sie einst gebaut haben", erklärt ihr Sohn Helmut Schneider, der in der Siedlung groß geworden ist. Als Kind aus Allmannsweiler habe man es in der Schule nicht immer leicht gehabt. Da bis auf Hildegard Schneider, gebürtige Schnetzenhausenerin, nur Vertriebene in der Allmannsweiler lebten, wurde sie von der Bevölkerung auch als "Paprikasiedlung", als Bezug auf die Herkunft aus Osteuropa, bezeichnet. "Aber es war eine schöne Kindheit, in der sich das Leben auf der Straße abspielte", erzählt Helmut Schneider. Seine Mutter ist inzwischen 92 Jahre alt und kann sich ihren Lebensabend außerhalb von Allmannsweiler nicht vorstellen: "Das ist ein guter Platz und hier bleibe ich."

Eine solidarische Gemeinschaft

Gemeinsam eine ganze Siedlung aufzubauen schweißt zusammen. "Wir hatten in knapp 70 Jahren nicht einmal Streit in der Nachbarschaft", sagt Samuel Schleicher stolz. Das gemeinsame Schicksal als Vertriebene sorgte zusätzlich für ein Gemeinschaftsgefühl in Allmannsweiler. "Der ganze Stadtteil gehörte zusammen, man kannte sich. Gemeinsame Ausflüge und Straßenfeste waren Höhepunkte in der Siedlung", erinnert sich CDU-Rätin Magda Krom, die wie Helmut Schneider in Allmannsweiler aufwuchs. Die Stammkneipe, in der die Siedler feierten, war das Gasthaus "Frieder", in dem auch der SV Allmannsweiler, der heutige SC Friedrichshafen, den ein oder anderen Sieg begossen haben soll.
 

<p>Wer arbeitet, muss auch feiern: Fasnacht in der Gaststätte Frieder. Bild: Samuel Schleicher</p>

Wer arbeitet, muss auch feiern: Fasnacht in der Gaststätte Frieder. Bild: Samuel Schleicher

| Bild: Samuel Schleicher


Über den genauen Entstehungsort des Fußballvereins gibt es verschiedene Geschichten. Manche meinen, er sei auf der Straße gegründet worden, Samuel Schleicher beteuert, dass der SV im Wohnzimmer seines Schwagers in der Heimatstraße entstanden sei. Auch dass die Straßen der Siedlung früh geteert wurden, soll einer Allmannsweilerin zu verdanken sein, die den damaligen Oberbürgermeister Max Grünbeck in seinem Dienstfahrzeug über die engen Schotterwege chauffierte, woraufhin dieser umgehend den neuen Straßenbelag angeordnet haben soll. Noch heute prägt den Stadtteil ein großes Gemeinschaftsgefühl, dass im seit drei Jahren stattfindenden Stadtteilfest seinen Ausdruck findet. (jel)