Dem Gegenüber von Mensch zu Mensch begegnen, ihn in seiner Individualität erkennen, ohne dessen Leistungsfähigkeit zu prüfen oder nach dessen politischer oder religiöser Weltanschauung zu fragen. Diese heilpädagogische Sichtweise stellt die Grundpfeiler der Camphill-Bewegung dar, wie sie vor 80 Jahren von dem Wiener Arzt Karl König und Mitstreitern in Camphill-House nahe der schottischen Stadt Aberdeen ins Leben gerufen wurde. Dessen wird gedacht in einer Outdoor-Ausstellung bei der Kapelle der Camphill Dorfgemeinschaft Hermannsberg in Heiligenberg-Heiligenholz. Sie ist noch bis Oktober zu sehen.

Gemeinsam ernten Menschen mit und ohne Assistenzbedarf auf den eigenen Feldern, hier in der Camphill Dorfgemeinschaft Hermannsberg.
Gemeinsam ernten Menschen mit und ohne Assistenzbedarf auf den eigenen Feldern, hier in der Camphill Dorfgemeinschaft Hermannsberg. | Bild: Camphill/Hermannsberg

Ansatz schon 1940: Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung

Insgesamt 23 Stelen stellen in Bild und Text die Historie und Ausbreitung der Bewegung seit 1940 dar. Gezeigt wird, wie der aus Nazideutschland geflohene König zusammen mit anderen Flüchtlingen in Schottland den Grundstein legte für ein Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung nach anthroposophischer Weltanschauung. Zunächst waren es „seelenpflegebedürftige Kinder“, die von dieser besonderen Art des Zusammenlebens mit lebenspraktischer Teilhabe profitierten. Später kamen Dorfsiedlungen für Erwachsene hinzu. Immer ging es und geht es auch weiter darum, den Menschen ein sicheres Lebensumfeld anzubieten, in dem sie ihre Persönlichkeit entwickeln können.

Die Überlinger Nudelmanufaktur bietet Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Handicap.
Die Überlinger Nudelmanufaktur bietet Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Handicap. | Bild: Luisa Wein

Bis heute leben und arbeiten weltweit Menschen mit und ohne Assistenzbedarf in mehr als 100 Camphill- Gemeinschaften zusammen. In der Bodenseeregion stellen sie mittlerweile eine feste Größe dar. In Überlingen, Frickingen, Heiligenberg, im Deggenhausertal und in Herdwangen-Schönach existieren heutzutage Camphill-Standorte verschiedenster Ausprägung. Sie bieten Heimat, sinnvolle Beschäftigung und kulturelles wie kreatives Miteinander.

Im Skid-Bistro in Überlingen gehen Menschen mit Assistenzbedarf einer sinnvollen Beschäftigung nach, hier sind es Jenny Hoher und Ni Ni Ta, die ihre Kunden mit Speisen bedienen, zubereitetet aus Rohstoffen, die aus rein regionaler biologischer Produktion kommen.
Im Skid-Bistro in Überlingen gehen Menschen mit Assistenzbedarf einer sinnvollen Beschäftigung nach, hier sind es Jenny Hoher und Ni Ni Ta, die ihre Kunden mit Speisen bedienen, zubereitetet aus Rohstoffen, die aus rein regionaler biologischer Produktion kommen. | Bild: Luisa Wein

Erste deutsche Camphill-Einrichtung war die Schule in Brachenreuthe

Die erste Einrichtung auf deutschem Boden, die Camphill-Schule mit Hof in Brachenreuthe entstand im Jahr 1958. Allen Camphill- Gemeinschaften im Kreis ist das Prinzip zu eigen, den Personen mit Hilfebedarf, gemessen an ihren individuellen Bedürfnissen, eine möglichst selbständige Lebensführung zu ermöglichen.

Am Hermannsberg wie in anderen Camphill-Einrichtungen wird im Jahreslauf zusammen gefeiert wie hier an Johanni.
Am Hermannsberg wie in anderen Camphill-Einrichtungen wird im Jahreslauf zusammen gefeiert wie hier an Johanni. | Bild: Camphill/Hermannsberg

Das Konzept am Beispiel des Hermannsbergs bei Heiligenberg-Heiligenholz

Am Hermannsberg beispielsweise wohnen 114 Hilfsbedürftige in 12 Hausgemeinschaften zusammen mit Mitarbeitern und deren Familien. In verschiedenen Werkstätten sind reale Arbeitsmöglichkeiten geboten. Es werden Kräuter, Obst und Gemüse für Eigenbedarf und Verkauf angebaut und verarbeitet. In der Weberei entstehen Handtücher oder Teppiche. Im landwirtschaftlichen Bereich müssen Kühe gemolken und Ställe ausgemistet werden. Mancher Bewohner arbeitet im hauswirtschaftlichen Bereich mit. Diejenigen, die in Rente gehen, müssen laut Vorstand Christoph Heemann nicht plötzlich aufhören, sondern bestimmen selbst, wie viel sie noch mittun möchten. Für alle Bewohner und Mitwirkenden existiere eine feste Tagesstruktur, die morgens um 7.30 Uhr mit dem gemeinsamem Frühstück beginnt. Zusätzlich zu den individuell abgestimmten Werkstattzeiten am Vor-und Nachmittag werden laut Heemann neben medizinischer Versorgung verschiedene Therapien angeboten. Die Handicaps der Schützlinge, die jedem von außen zuerst auffielen, würden hier gar nicht mehr wahrgenommen. Nur der Teil der Persönlichkeit, der sich dahinter verberge. Entsprechend dem anthroposophischen Menschenbild, existiere der Begriff geistige Behinderung für ihn und seine Kollegen nicht.

Vorstand Christoph Heemann lädt Interessierten dazu ein, die Schau zur Entstehungsgeschichte Camphills zu besuchen. Es steht auch Informationsmaterial zur Verfügung.
Vorstand Christoph Heemann lädt Interessierten dazu ein, die Schau zur Entstehungsgeschichte Camphills zu besuchen. Es steht auch Informationsmaterial zur Verfügung. | Bild: Martina Wolters

Camphill-Einrichtungen in der Region

  • Die Camphill-Schulgemeinschaften betreuen als private, sonderpädagogische Bildungsinstitutionen rund 200 Schüler unter dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung sowie körperliche und motorische Entwicklung. Dies geschieht an den drei Standorten Brachenreuthe (Überlingen), Bruckfelden (Frickingen) und Föhrenbühl (Heiligenberg). Hier leben und lernen die Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf gemeinsam mit ihren Lehrern.
  • Dorfgemeinschaft Lautenbach: Rund 180 Menschen ab 16 Jahren mit Hilfebedarf finden Schule und Heimat in der Lebens-und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach in Herdwangen-Schönach. In Werkstätten vor Ort entstehen Spielsachen, Geschirr oder Gymnastikbälle. Aus der Gärtnerei kommen Beet- und Balkonblumen, Gemüsesetzlinge und Kräuter. Alle Produkte können im „s´Lädele“ vor Ort oder online gekauft werden.
  • Die Camphill-Dorfgemeinschaft Lehenhof im Deggenhausertal ist eine Einrichtung der Behinderten- Hilfe nach anthroposophischer Grundlage. 350 Personen mit und ohne Handicap wohne und arbeiten hier in verschiedenen Werkstätten miteinander. Das selbst Hergestellte wird in einem Bioladen verkauft. Die Waren reichen von Brot über Käse und Fleisch bis hin zu Ofenanzündern, Schulheften und Heimtextilien.
  • In der Dorfgemeinschaft Hermannsberg ist leben und arbeiten 114 Menschen mit hohem Assistenzbedarf zusammen mit ihren Betreuern. Gemeinsam wird eine Demeter-Landwirtschaft betrieben, es gibt handwerkliche und dienstleistende Werkstätten, darunter auch eine Gläserne Schreinerei, die sich in Frickingen befindet. Feste werden im Jahreskreis begangen und es besteht ein vielfältiges Freizeitangebot.
  • SKID gGmbh: Die Abkürzung steht für SozialKulturelleIntegrationsDienste mit Sitz in Überlingen. Menschen mit Hilfebedarf und ihre Angehörige werden unterstützt und beraten. In verschiedenen Arbeitsangeboten bietet die Skid gGmbH derzeit 100 Arbeitsplätze für Menschen mit Assistenzbedarf an. Die SKID-Werkstätten umfassen ein Bio-Bistro, die Überlinger Nudelmanufaktur, die Nudel-Emma (www.nudel-emma.de/), den Überlinger Nudelladen sowie die ce8 Galerie in Goldbach (www.ce8.biz).
  • Ausbildung: Die Camphill Ausbildungen gGmbH ist ein gemeinnütziger Bildungsträger im Kreis. Gesellschafter sind die Camphill Schulgemeinschaften e.V., die Camphill Dorfgemeinschaft Hermannsberg e.V., die Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof e.V. und die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach e.V.
  • An der Fachschule für Sozialwesen in Frickingen werden die Fachrichtungen Heilerziehungspflege, Heilpädagogik und Heilerziehungsassistenz angeboten. (mw)