Er ist ein menschliches Ekelpaket, der Sägewerksbesitzer Jonas Lauretz. Er säuft, verprügelt Frau und Kinder, geht fremd und belästigt seine älteste Tochter sexuell. Um diesen Mann dreht sich das Bühnenstück „Via Mala“ nach einem Roman von John Knittel, das die Naturbühne Fridingen auf der Steintäle-Bühne in dieser Saison aufführt. Am Freitag war die Premiere an der nahezu ausverkauften Naturbühne.

Schauspielerische Leistungen

Der Kulturring Fridingen hat sich für diese Saison wieder für ein Theaterstück entschieden, das, wenngleich unterhaltsam, doch anspruchsvoll ist. Es ist ein Stück ohne Happy End. Gerade das macht betroffen, regt zum Nachdenken an. Dazu kommen schauspielerische Leistungen. An einigen Stellen meldet der Humor seine Rechte an. Doch das sind Farbtupfer.

Selbst der Pfarrer (Mark Bögelein) ist den Angriffen des Sägewerksbesitzers wehrlos ausgeliefert.
Selbst der Pfarrer (Mark Bögelein) ist den Angriffen des Sägewerksbesitzers wehrlos ausgeliefert. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Der Schweizer Romanautor John Knittel (1891-1970) hat „Via Mala“ 1934 veröffentlicht. Seine späteren Kontakte zu Joseph Goebbels brachten ihn vorübergehend in ein braunes Zwielicht. 1943 versuchte er, diese Kontakte zu nutzen, um zum Tode verurteilte Freunde seiner Tochter zu retten. Sie gehörten zur Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.

2014 die Freilichtbühnenfassung

Seine Intervention blieb erfolglos. „Via Mala“ zeugt wie sein gesamtes Lebenswerk von einem Autor, der der Nazi-Ideologie diametral entgegensteht. Gerade dieses Werk zeichnet sich durch eine sehr differenzierte Betrachtungsweise des Themas „Gewalt und Gegengewalt“ aus. Es liegt an den Schauspielern, diese Feinheiten für das Publikum sichtbar auf die Bühne zu bringen. Der 1947 geborene Theaterautor Markus Keller hat 2014 nach der Romanvorlage die Freilichtbühnenfassung geschrieben.

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Die Via-Mala-Schlucht im Kanton Graubünden ist ein landschaftlich schöner, aber zum Leben dunkler Einschnitt im Gebirgsmassiv der Alpen. In einer versteckten Ecke dieser Schlucht hat der Autor die Sägemühle von Jonas Lauretz und seiner Familie angesiedelt. Franz Baum hat die Rolle des Familientyranns übernommen. Er verleiht dieser Persönlichkeit Leben – so gut, dass sich wohl jeder Zuschauer wünscht, niemals im Leben einem solchen Menschentypus zu begegnen.

Die Freundschaft zwischen Silvie (Philomena Hipp) und dem Kunstmaler Matthias Stählin (Jürgen Hagen) gehört zu den wenigen Sonnenstrahlen in „Via Mala“.
Die Freundschaft zwischen Silvie (Philomena Hipp) und dem Kunstmaler Matthias Stählin (Jürgen Hagen) gehört zu den wenigen Sonnenstrahlen in „Via Mala“. | Bild: Hermann-Peter Steinmüller

Wie geht die Familie mit diesem Menschen um? Frauenhäuser als Zufluchtsort für misshandelte Frauen gab es noch nicht. Marita Frey als Ehefrau Martha versteht es blendend, die Rolle des gedemütigten Opfers zu verkörpern. Sie scheint sich in ihr Schicksal ergeben zu haben. Ihre im Stück geäußerte Sorge ist die, dem besoffenen Ehemann nach dessen Rückkehr möglichst ein komplettes Essen auf den Tisch zu stellen. Nicht aus Liebe, sondern um sich die sonst fälligen Prügel zu ersparen.

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Sohn Niklaus (Thomas Haas) ist von seinem Vater zum Krüppel geprügelt worden. Die älteste Tochter Hanna, gespielt von Karin Hipp, wird von ihrem Vater bedrängt. Philomena Hipp hat die Rolle der jüngsten Tochter Silvie übernommen. Sie versucht allerdings vergeblich, Familienfrieden herzustellen. Sie ist der Liebling ihres Vaters und bleibt deshalb von Handgreiflichkeiten verschont.

Helle Sequenzen der Via-Mala-Geschichte

Die Szenen mit ihr und ihrem alten Freund, dem Kunstmaler Matthias Stähelin (gespielt von Jürgen Hagen), gehören zu den hellen Sequenzen der Via-Mala-Geschichte. Hier spiegelt sich echte Freundschaft wieder. Als Stähelin stirbt, vermacht er seiner jungen Freundin das gesamte Vermögen.

Mordpläne gegen Tyrann

Unterdessen hat sich die Geschichte weiterentwickelt. Der Sägewerksbesitzer muss nach einer von ihm angezettelten Schlägerei für einige Monate in Haft. Silvie verliebt sich in den jungen Soldaten Andreas von Reichenau (Matthias Merk). Mit den 5000 Franken als Erbe von ihrem alten Freund könnte sie die Schulden der Familie bezahlen und für sich und ihren Mann eine gute Zukunft aufbauen. Doch soweit kommt es nicht. Der eben aus dem Gefängnis entlassene Vater erfährt durch Zufall von dem Erbe seiner mit 17 noch minderjährigen Tochter und reißt sich das Geld unter den Nagel. Unterdessen schmieden Niklaus und der Taglöhner Jöry (Egon Sattler) Mordpläne gegen den Tyrannen.

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