Vor wenigen Wochen sind die Zugvögel abgeflogen, nun sind die Überlinger Waldrappe durch den nahenden Wintereinbruch akut gefährdet. Das teilt das Waldrappteam Conservation and Research in einer Pressemitteilung mit. Demnach hat ein Großteil der Waldrappe aus den Kolonien des nördlichen Alpenvorlandes noch immer nicht die Berge Richtung Süden überquert.

Konkret betreffe dies 46 Vögel aus unterschiedlichen Kolonien, die sich nahe der Stadt Chur im Schweizer Kanton Graubünden aufhalten Darunter sind auch 17 Vögel aus Überlingen. Die Tiere sollen am Freitag eingefangen und in den Südalpenbereich begleitet werden, um größere Verluste zu vermeiden, heißt es in der Mitteilung.

Problem: Fehlende Thermik im Spätherbst

Die momentane Situation sei für das Waldrappteam alarmierend, aber nicht ganz überraschend, heißt es. Johannes Fritz, Leiter des Unternehmens Waldrappteam Conservation and Research, sagt: „Die Vögel sind verspätet und das steht offensichtlich in direktem Zusammenhang mit den immer ausgedehnteren herbstlichen Wärmeperioden.“

Seit Beginn des Waldrapp-Projekts hätten die Abflüge immer später erfolgt. Im Oktober 2022 sei der Temperaturdurchschnitt höher als jemals zuvor gewesen. Unklar bleibe laut Fritz, warum das Queren der Alpen den Vögeln offenbar umso schwerer falle, je später sie losfliegen. „Vermutlich fehlt ihnen im Spätherbst die Thermik, welche sie benötigen, um die Alpenpässe zu überfliegen“, sagt er.

Nur fünf Überlinger Vögel querten eigenständig die Alpen

Die Überlinger Vögel hätten bei ihren Flügen bereits beinahe die Schweiz durchquert und waren nur mehr wenige Kilometer von der italienischen Grenze entfernt, so Fritz. Letztlich sei ein Großteil der Vögel aber immer wieder umgekehrt und zurück an den Alpennordrand gekommen. Nur fünf Vögel querten im Herbst dieses Jahres eigenständig die Alpen.

Nachzügler vom Bodensee

Am Freitag sollen die Überlinger Vögel nun eingefangen und über die Berge gebracht werden. Das Einfangen sei ein schwieriges Unterfangen, denn die Mehrzahl der Vögel wuchs in der Wildnis auf und ist nicht an Menschen gewöhnt.

Im vergangenen Winter wurden die Vögel in Frickingen eingepackt und in Südtirol wieder ausgepackt.
Im vergangenen Winter wurden die Vögel in Frickingen eingepackt und in Südtirol wieder ausgepackt. | Bild: Hanspeter Walter

Ein großer Teil der Vögel sei dagegen bereits nach Südtirol transferiert worden, von dort sogleich in Richtung des Wintergebietes aufgebrochen und zum Teil auch schon dort angekommen, so die Mitteilung.

Gefahr Klimawandel bei Projekt lange bekannt

Im Jahr 2022 begann das zweite europäische LIFE-Projekt zur Wiederansiedlung der Waldrappe. Schon in der Antragsphase dieses internationalen Projektes seien Folgen des Klimawandels bereits als das größte Risiko für die erfolgreiche Wiederansiedlung des Waldrapps angeführt.

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„Es war uns bewusst, dass der Klimawandel auch für die Wiederansiedlung der Waldrappe ein zunehmendes Risiko darstellt“, so Projektleiter Fritz. „Die Realität bestätigt nun leider unsere Annahmen und dies wesentlich rascher und unmittelbarer als angenommen.“ Dass deutliche Veränderungen im Verhalten der Vögel bereits über einen so kurzen Zeitraum von zehn Jahren zu beobachten seien, sei „wirklich alarmierend“.