Hödingen weiß um seine besonderen Qualitäten. Dazu gehört nicht nur die exponierte Lage des Teilorts über dem See mit mehreren von Tälern und Tobeln gegliederten kleinen Landzungen, die schöne Ausblicke bieten. Auch der Ortskern um die Wallfahrtskirche St. Bartholomäus hat noch zum Großteil einen besonderen Charakter, obwohl neben einigen perfekt sanierten Fachwerkhäusern das eine oder andere Gebäude schon seit Jahrzehnten vergeblich auf eine Sanierung wartet – unmittelbar neben preisgekrönten modernen Bauten. Mit einer Gestaltungssatzung, die einige Rahmenbedingungen festlegt, will Hödingen diese Baukultur langfristig sichern, ja möglichst weiterentwickeln.

Die historische Baukultur Hödingens mit der Kirche St. Bartholomäus.
Die historische Baukultur Hödingens mit der Kirche St. Bartholomäus. | Bild: Hanspeter Walter

Ziel der geplanten Festsetzungen ist „eine Sicherung und Steigerung der Wohn- und Aufenthaltsqualität im Ortskern – unter Berücksichtigung der gewachsenen und historischen Gebäudesubstanz, einschließlich des öffentlichen Raumes wie Wege, Straßen, Plätze und Grünflächen“, wie es in der Präambel formuliert ist. Der Ortschaftsrat selbst hatte die Initiative ergriffen und in Kooperation mit der Abteilung der Stadtplanung eine Gestaltungssatzung erarbeitet, deren Entwurf zunächst im Ausschuss für Bauen, Technik und Verkehr, dann im Gemeinderat beraten wurde.

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Lob für gute Kooperation mit Stadtplaner Thomas Kölschbach

„Wir wollen damit nicht in geltendes Baurecht eingreifen und das Bauen auch nicht verhindern“, sagt Ortsvorsteher Martin Keßler, der die gute Kooperation mit Stadtplaner Thomas Kölschbach besonders hervorhebt. Das Anliegen des Ortschaftsrats versuchte Keßler auf Bitten des SÜDKURIER bei einem Dorfrundgang anschaulich zu machen. Mit dabei ist bei dieser „Dienstbesprechung“, wie Keßler sagt, aufgrund der coronabedingten Beschränkungen lediglich noch der Architekt und Ortschaftsrat Norbert Meier.

Martin Keßler und Norbert Meier liegt der dörfliche Charakter am Herzen.
Martin Keßler und Norbert Meier liegt der dörfliche Charakter am Herzen. | Bild: Hanspeter Walter

Satzung soll Leitplanken und Hilfestellungen geben

Meier hatte sich als Fachmann im Vorfeld besonders intensiv mit der Materie auseinandergesetzt. „Es geht uns nur darum, den Bauwilligen eine gewisse Orientierung zu geben und selbst eine ‚Handhabe‘ zu besitzen“, sagt Meier. „Nicht mehr und nicht weniger.“ Dazu soll die Gestaltungssatzung lediglich einige Leitplanken und Hilfestellungen geben. Gern hätte Ortsvorsteher Keßler sein ganzes Gremium als Begleitung bei dem Rundgang dabei gehabt und auch schon eine Informationsveranstaltung für die Bürger einberufen. Doch daran ist im Moment nicht zu denken.

Reaktionen im Gemeinderat auf die Initiative:

Ziel ist nicht die Bewahrung der Asche, sondern der Erhalt des Charakters

Wer mit offenen Augen durch den Ort geht, der spürt bald, worum es dem Ortschaftsrat geht. Nicht um Nostalgie und Bewahrung der Asche, sondern um einen Erhalt des Charakters. Dazu muss man kein Fachwerkhaus in historisierendem Stil nachbauen, schließlich gibt es einige Beispiele, die aufwendig und sehr authentisch saniert sind. Doch die Kubaturen und Formen der neuen Bauten sollten der Stilistik des Dorfes Rechnung tragen. Wobei es auch mal vorkommen kann, dass ein Gebäude zu klein für das Dorf ausfällt. Ein flacher Bungalow mitten im Ort passt aus Sicht der Hödinger auch nicht unbedingt in das gewachsene Umfeld.

Alte und neue Baukultur? Im schmuck restaurierten Fachwerkhaus wohnte einst der Künstler und Typograf Paul Renner, rechts im Hintergrund stehen die kontrovers diskutierten Neubauten im Rebösch.
Alte und neue Baukultur? Im schmuck restaurierten Fachwerkhaus wohnte einst der Künstler und Typograf Paul Renner, rechts im Hintergrund stehen die kontrovers diskutierten Neubauten im Rebösch. | Bild: Hanspeter Walter

„Die Neubauten sollten sich in ihrer Maßstäblichkeit an der historischen Nachbarbebauung anpassen“, heißt es daher in der Gestaltungssatzung zu den Baukörpern. Bei der Schließung von Baulücken gelte es, nach Möglichkeit die Raumkanten und die Gebäudestellung aufzunehmen. Dachformen und Traufhöhen sind in der Satzung verankert, wie auch die Farbe der Dachziegel. Wobei hier verschiedene Rot- und Grautöne zulässig sind, glänzend glasierte blaue oder grüne Alternativen dagegen unerwünscht.

Bauwillige sollen Gestaltungsrahmen kreativ nutzen

Ein „Musterhaus“ wolle man ganz bewusst nicht darstellen, betonen Martin Keßler und Norbert Meier. Die Bauwilligen sollten den Gestaltungsrahmen vielmehr kreativ nutzen. Einige Negativbeispiele könnten beiden durchaus benennen, wollen diese aber nicht ins Blickfeld rücken oder gar anprangern.

Handwerkskunst als Kleinod.
Handwerkskunst als Kleinod. | Bild: Hanspeter Walter

Sehr umstritten waren die Neubauten auf dem Areal Widmer an der engen Nahtstellen zwischen Ortskern und der Seesichtlage im Süden. In der Tat wirken die zweigeschossigen Mehrfamilienhäuser mit ausgebautem Dachgeschoss und Kastengaupen als Ausguck nicht unbedingt dorfgemäß. Das würde Martin Keßler nur ungern so formulieren, der meist auf Harmonie bedacht und stets auf der Suche nach dem Positiven ist. „Wenn man den alten Bestand und die neuen Gebäude vergleicht, ist beim Bauvolumen gar kein großer Unterschied“, erklärt der Ortsvorsteher. Ja, die Neubauten seien sogar mehr als einen Meter weiter von der Straße abgerückt und machten die scharfe Kurve leichter einsehbar.

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Das angrenzende Baugebiet Hödingen Süd, für das 1971 im Landschaftsschutzgebiet ein erster Bebauungsplan aufgestellt und später mehrfach geändert worden war, ist ein ganz eigenes Kapitel.

Das Pfarrhaus gegenüber der Kirche ist ein prägendes Gebäude.
Das Pfarrhaus gegenüber der Kirche ist ein prägendes Gebäude. | Bild: Hanspeter Walter

Regelrechte Besonderheit im Ortskern ist dagegen ein ehemaliges, schön renoviertes Bauernhaus auf großem Anwesen hinter einem schmiedeeisernen Gitter. Unmittelbar daneben führt ein kleiner Fußweg von der Brunnenstraße zum Max-Mutscheller-Weg, den die Hödinger aufgrund seines Endpunktes inzwischen offiziell „Schulgässle“ genannt haben. Das Pfarrhaus gegenüber der Kirche, das Fachwerkhaus, in dem einst Paul Renner gewohnt hatte, oder das ehemalige Backhaus sind weitere Kleinodien. Letzteres tritt wie manche Scheune nur während der herbstlichen Besenwirtschaften in Erscheinung, die längst zu einem Aushängeschild, ja Synonym des Dorfes geworden sind.