Der Begriff Narrativ für eine gern bemühte Erzählung oder Geschichte, die vereinfacht ist und oft nur einen Teil der Wahrheit wiedergibt, hat Karriere gemacht. Wenn er irgendwo gut passt, dann auch bei der Beschreibung der reichsstädtischen Zeit Überlingens zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Übergang der Stadt an Baden. Das wurde in dem Beitrag der Stuttgarter Landeshistorikerin Senta Herkle deutlich, die hier einige neue Aspekte und Perspektiven aufzeigte.

Bei Wikipedias kurzer Historie Überlingens im Internet komme die Epoche von 1648 bis 1802 schon mal gar nicht vor, schilderte die Referentin eingangs. Wo die rund 150 Jahre Erwähnung finden, würden sie meist als Niedergang der Stadt nach einer mittelalterlichen Blütezeit beschrieben. Balsam für die Seele der Überlinger war es daher, dass Herkle in dieser Phase durchaus auch die Neuanfänge ausmachte. Sei es mit dem florierenden Getreidehandel und dem Erfolg neuer Geschäftsmodelle, sei es in der wertvollen Barockisierung historischer Gebäude und in dem Ausbau von Bildungseinrichtungen.

Pfarrsaal erstmals wieder enger gestuhlt

Der Vortrag war ein gelungener Neustart zum 1250-jährigen Bestehen der Stadt, das sich bis 2023 zu einem vierjährigen Event streckt. Erstmals war der Pfarrsaal wieder enger gestuhlt, wodurch die leeren Plätze an dem heißen Frühsommerabend etwas mehr auffielen. Was insofern schade war, als wenige Vorträge so lebendig und locker waren wie der von Senta Herkle. „Man hatte überhaupt keine Gelegenheit, auch nur mal kurz einzunicken“, zollte ein Zuhörer ihr am Ende Respekt.

Neuanfang: Der markante Schmuckgiebel der Greth mit der Jahreszahl 1788 verweist auf den Wiederaufbau des Gebäudes nach einem Einsturz ...
Neuanfang: Der markante Schmuckgiebel der Greth mit der Jahreszahl 1788 verweist auf den Wiederaufbau des Gebäudes nach einem Einsturz des Daches, als Franz Anton Bagnato dem früheren Kornspeicher seine heutige Gestalt gab. | Bild: Hanspeter Walter

Reisende machen auf dem Weg nach Italien Station

Zunächst befasste sich Herkle mit dem Blick von Reisenden auf die freie Reichsstadt, die damals noch nicht so zahlreich waren und den Bodensee meist auf dem Weg nach Italien tangierten. Aus verkehrstechnischen Gründen zwar häufiger Meersburg und Konstanz, doch auch Überlingen fand Beachtung bei gebildeten Gästen. So besuchte Johann Ulrich Pregizer III., seines Zeichens Professor für Geschichte, Eloquenz und Politik am Tübinger Collegium Illustre, im Jahr 1688 die Stadt, staunte über die gepflegte Bibliothek des ehemaligen Bürgermeister von Pflummern und lobte Bilder und Statuen im Münster.

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Andere lernten den Menschenschlag der Stadt schätzen. So notierte der Adlige Gottfried von Etzdorf im Jahr 1794, dass „...der Karakter der Innwohner (….) zwar überhaupt gut (ist), und hat etwas angenehmes, das man selten in dieser Gegend findet, würde aber noch besser seyn, wenn die Mönchen das Schulwesen nicht unter sich hätten“. Was Senta Herkle zu dem Zwischenruf veranlasste: „Vielleicht können Sie das irgendwo prominent anbringen.“

Getreideernte aus dem Salemer Tal wird über den See verschifft

Wenn etwas abgewirtschaftet hatte in dieser Zeit, dann war es vielleicht der Weinbau. Wobei weniger in diesem Fall im Prinzip hätte auch mehr sein können, wenn man an ältere Schilderungen der mittelalterlichen Weinqualität denkt. Stattdessen florierte der Getreidehandel mehr denn je. Die Ernte stammte zwar aus dem Salemer Tal, doch verschifft wurde sie von Überlingen aus über den See. Insbesondere die Schweiz war dankbarer Abnehmer.

Im 17. Jahrhundert ruft Überlingen eine Universität ins Leben

Andere Handelsgeschäfte wurden von den Kaufleuten Prestinari aufgebaut, die Ende des 17. Jahrhunderts vom Comer See nach Überlingen gekommen waren. Sie brachten unter anderem italienische Spezialitäten in die Stadt. Später gesellte sich Constantin Vanotti zu ihnen, dessen Name in der Stadt wesentlich präsenter ist. Als Besonderheit notierte Historikerin Herkle nicht nur, dass das Mitte des 17. Jahrhunderts gerade mal 3000 Einwohner zählende Städtchen eine Universität ins Leben rief. Sondern dass sie dafür einen Zuzug der bildungserfahrenen Jesuiten verweigerten und stattdessen die ansässigen Franziskaner bei der Einrichtung eines Gymnasiums unterstützten. Wobei dies ausschließlich der Ausbildung des theologischen Nachwuchses diente. Dennoch: „Ein Kloster wird saniert und erweitert“, sagte Herkle. „Ich habe meine Zweifel, ob man da von einem Niedergang sprechen kann.“

Drei Fragen an Senta Herkle

Senta Herkle
Senta Herkle | Bild: Hanspeter Walter

Wie wirkt Ihr Thema bis in die heutige Zeit?

Zwischen 1650 und 1800 wurde viel in der Stadt gebaut und umgebaut, diese Baumaßnahmen prägen bis heute das Stadtbild. Beispielsweise wurde die Franziskanerkirche barockisiert oder das Gebäude der Greth bekam ein neues Gesicht. Neben der Lage am See ist es ja auch die historische Altstadt, die Überlingen bis heute für den Tourismus attraktiv macht.

Welchen persönlichen Zugang oder Bezug haben Sie zum Thema?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Reichsstädten vor allem im 17. und 18. Jahrhundert und habe mich darüber gefreut, mich intensiver mit Überlingen auseinandersetzen zu können. Immer wieder begegnet man dabei dem Narrativ des Verfalls der Reichsstädte nach dem Dreißigjährigen Krieg – aber auch die Beschäftigung mit Überlingen zeigt, dass man hier genau hinsehen muss. Mich interessieren besonders Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen dem deutschen Süden und Italien und hier sieht man meines Erachtens gut, dass die sich Reichsstädte nach dem Dreißigjährigen Krieg an neue Verhältnisse anpassen konnten und sogar neue Wirtschaftszweige erschlossen haben. Hier bietet Überlingen viel Material, schon allein durch die Ansiedlung von italienischen Händlern im 18. Jahrhundert. Überlingen ist für Historikerinnen und Historiker ein kleines Juwel, weil es insgesamt eine wirklich gute Überlieferung und eine sehr interessante Geschichte hat.

Was hat Sie bei der Beschäftigung mit dem Thema am meisten überrascht?

Inhaltlich haben mich die völlig selbstverständlichen intensiven (Handels-)Beziehungen und Abhängigkeiten der Städte rund um den Bodensee über alle politischen Grenzen hinweg begeistert. Dabei ist es immer wieder spannend zu beobachten, wie sich die Städte nach dem Dreißigjährigen Krieg neu aufgestellt und entwickelt haben. Außerdem bin ich von der fantastischen Quellenlage im Überlinger Stadtarchiv – und der hervorragenden fachlichen Betreuung vor Ort – ausgesprochen angetan.