„Guerilla Gardening„ klingt gefährlich, ist es aber nicht. Ebenso wenig wie Samenbomben, die man mittlerweile als Mitbringsel von Gästen bekommt und die nicht nur Biologe Peter Berthold gerne über den Schottergärten abwerfen würde, die er in dieser Zeitung mit einem Plädoyer für Artenvielfalt zum wiederholten Male beklagt hatte. Schon in den 1970-er Jahren war die Bewegung des „Urban Gardening“ in Großbritannien und den USA entstanden. Joseph Beuys pflanzte im März 1977 im Vorgarten seines Berliner Galeristen Kartoffeln, um eine Lanze für Bauern als Künstler zu brechen. Dies alles allerdings nicht als Guerillero, sondern im Einvernehmen mit dem Grundstücksbesitzer.

Auf einer Parzelle, die nicht vermietet ist und daher in städtischem Besitz ist, pflanzte Viktor Schlak schon zum zweiten Mal ganz verschiedene Gemüsesorten an. Im Vorjahr lud er Tafelkunden zur Kartoffelernte ein.
Auf einer Parzelle, die nicht vermietet ist und daher in städtischem Besitz ist, pflanzte Viktor Schlak schon zum zweiten Mal ganz verschiedene Gemüsesorten an. Im Vorjahr lud er Tafelkunden zur Kartoffelernte ein. | Bild: Hanspeter Walter

Streit um gepflanzte Kartoffeln

Allenfalls als Widerstandskämpfer für das Gute verstand sich auch der streitbare Überlinger Schrebergärtner Viktor Schlak, als er im Vorjahr neben der eigenen Parzelle in der Kleingartenanlage eine brachliegendes Stück Erde gemeinsam mit einem Kollegen in Anspruch nahm, um dort Kartoffeln anzupflanzen. Er habe „Gefahr im Verzug“ gesehen, wie er jetzt sagt, dass der Boden sonst auf Dauer einer Nutzung entzogen werden könnte. Die Ernte stellten sie damals Tafelkunden zur Verfügung, die gerne zur Ernte kamen, und erregten im positiven Sinne mediales Aufsehen. In diesem Jahr nun hat der Aktivist nicht nur mehrere ungenutzte, verwilderte Parzellen in Beschlag genommen, mit verschiedenen Gemüsen bepflanzt und zur „essbaren Stadt“ erklärt. Daneben sind drei Kartoffelsorten von der Universität Hohenheim angepflanzt und die „durchwachsene Silphie“ – ein neuer nachwachsender Rohstoff – hat er als Begleitgrün der Anlage eingeführt. Eigentlich ein Musterbeispiel grünen Engagements in einer ausgewiesenen Frischluftschneise für die nahen Wohngebiete.

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2500 Euro bei Zuwiderhandlung

Doch der Stadt schien diese Art und Weise, Eigentums- und Nutzungsrechte zu ignorieren beziehungsweise zu interpretieren, gar nicht zu gefallen. Die Kommune hat harte Bandagen angelegt und zieht gegen den Schrebergärtner vor Gericht. Mit einer Unterlassungsklage gegen die Nutzung des städtischen Grunds und Zahlung von 2500 Euro bei Zuwiderhandeln.

„Hier wachsen Weintrauben zum allgemeinen Verzehr“: Viktor Schlak geht es nicht um den Eigennutz, sondern die Freude am Gärtnern.
„Hier wachsen Weintrauben zum allgemeinen Verzehr“: Viktor Schlak geht es nicht um den Eigennutz, sondern die Freude am Gärtnern. | Bild: Hanspeter Walter

Gutes Miteinander in der Anlage

Zugegeben: Schlak kann manche Mitmenschen nerven – allein mit seiner Beharrlichkeit. Die Stadt hat er mit Beispielen anderer Kommunen und Hinweise auf die gesetzlichen Grundlagen der Schrebergärtnerei, wie das Bundeskleingartengesetz, mehrfach geärgert. „Ich glaube im Rathaus flüchten alle unter den Schreibtisch, wenn er kommt“, formuliert es Gärtnerkollege Helmuth Pillebeit, der seine Parzelle unterhalb der St. Leonhard-Kapelle zu einem echten Schmuckstück gemacht hat. „Doch wir sind froh, dass sich Herr Schlak so engagiert“, sagt Pillebeit. „Wenn er nicht wäre, wären wir sicher längst nicht mehr hier.“ Wir, das sind rund zehn engagierte Kleingärtner. Dass sich nicht mehr alle so schmuck aussehen und viele brach liegen, schreibt er der Stadt zu, die den Kleingärtnern hier keinerlei Perspektive geben wolle. Dabei hätten sich hier auch einige Familien mit Migrationshintergrund eine kleine grüne Insel geschaffen. „Das ist ein gutes Miteinander und auch ein Stück gelebte Integration“, sagt Pillebeit. Gerade während der Corona-Zeit hätten sich noch mehr Gespräche mit Spaziergängern ergeben als sonst. „Viele fragen uns, wo man denn einen Garten mieten könne“, sagt Nachbarin Maria Runge.

„Wir sind froh, dass sich Viktor Schlak so engagiert für uns einsetzt“: Auch Helmuth Pillebeit ist seit vielen Jahren ein leidenschaftlicher Gärtner. Seine Nachbarin Maria Runge pflanzt ebenfalls viele Blumen und Gemüse an.
„Wir sind froh, dass sich Viktor Schlak so engagiert für uns einsetzt“: Auch Helmuth Pillebeit ist seit vielen Jahren ein leidenschaftlicher Gärtner. Seine Nachbarin Maria Runge pflanzt ebenfalls viele Blumen und Gemüse an. | Bild: Hanspeter Walter

Tage der Anlage scheinen gezählt

Nachdem schon die ehemaligen Kleingärten am Turmgartenweg einer Wohnbebauung geopfert und die Menzingergärten für die Gartenschau ganz neu gestylt wurden, wäre es der Stadt am liebsten, wenn auch die letzten innerstädtischen Kleingärten an den Rand bei der neuen Bundesstraße ausgesiedelt würden, wo schon eine Anlage unter der Regie eines Vereins besteht. Einen solchen Zusammenschluss hatte die Kommune auch den Leonhard-Gärtnern ans Herz gelegt – allerdings vergeblich. Erst vor wenigen Wochen war wieder die Bebauung der Schrebergärten mit Wohnungen neu diskutiert worden. Die Tage der Anlage scheinen gezählt. Dass die Stadt dem engagierten Kollegen Schlak nun noch mit dem Rechtsanwalt auf den Pelz rückt, weil er ein paar Quadratmeter brachliegenden Boden bepflanzt, versteht Kleingärtner Helmuth Pillebeit umso weniger.

Auf einer Parzelle, die nicht vermietet ist und daher in städtischem Besitz ist, pflanzte Viktor Schlak schon zum zweiten Mal ganz verschiedene Gemüsesorten an. Im Vorjahr lud er Tafelkunden zur Kartoffelernte ein.
Auf einer Parzelle, die nicht vermietet ist und daher in städtischem Besitz ist, pflanzte Viktor Schlak schon zum zweiten Mal ganz verschiedene Gemüsesorten an. Im Vorjahr lud er Tafelkunden zur Kartoffelernte ein. | Bild: Hanspeter Walter

Manche mögen den ehrgeizigen Kleingärtner zwischen Robin Hood und Don Quichotte ansiedeln. Doch Viktor Schlak lässt sich nicht so leicht von seinen Vorhaben abbringen. In seiner Entgegnung auf die Unterlassungsklage räumt er auch offen ein, dass seine Argumente möglicherweise „‘juristisch‘ den Vorwurf der, von der Verwaltung beklagten ‚Eigentumsbeschränkung‘ in keiner Weise entschuldigen, aber im Sinne einer ‚gefühlten‘ Gerechtigkeit möchte ich sie dennoch vorbringen.“

Dr. Viktor Schlak (75), Kleingärtner: „Mir geht es um die Sache und nicht um die Person. Deshalb möchte mich nicht mit einem Foto in den Vordergrund spielen.“
Dr. Viktor Schlak (75), Kleingärtner: „Mir geht es um die Sache und nicht um die Person. Deshalb möchte mich nicht mit einem Foto in den Vordergrund spielen.“ | Bild: Hanspeter Walter

Mit seinen Vorschlägen abgeblitzt

Es sei ja unbestritten, dass „die Kleingartenanlage im Besitz der Kommune Überlingen ist“, aber die Verwaltung dieses Besitzes erfolge in diesem Falle „nicht zum Wohle der Überlinger Bürger“. Zudem sei eine persönliche Vorteilsnahme „zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt gewesen“, betont Schlak. Die Bitten um eine „aktive oder passive Duldung der gärtnerischen Nutzung von freien Gartenflächen“ für Mustergärten oder ein Gärtnern mit Migranten seien bisher leider erfolglos geblieben. Schon im Januar 2019 hatte er dies angeboten und sein persönliches Engagement bei der Betreuung zugesagt. Dies sei auch in Corona-Zeiten mit gebotenem Abstand möglich, hatte Schlak dieses Angebot im April erfolglos erneuert. Stattdessen flatterte ihm Anfang Mai die Unterlassungsklage der Stadt ins Haus. Am 16. Juni steht nun ein Gütetermin beim Amtsgericht ins Haus.

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