Roland Hilgartner, Direktor am Affenberg mit Storchenaufzuchtprogramm, und Johannes Fritz, Leiter des Waldrappteams, sitzen einander gegenüber. Fritz berichtet gerade von drei der jungen Waldrappe aus Hödingen, die sich von ihrem Winterquartier bei Laguna di Orbetello in der Toskana nach Sizilien verirrt haben – unter ihnen Patenvogel Corleone. Das Publikum bei der ersten Gesprächsrunde "Gemischtes Doppel" von SÜDKURIER und Wohnstift Augustinum muss herzlich lachen, angesichts des gleichnamigen Mafiosinests in Sizilien. Wieder einmal fliegen den Waldrappen, mit ihren langen Schnäbeln, zotteligem Gefieder und unbedarftem Wesen, die Herzen der Überlinger zu. Auch Stefan Hilser, Leiter der SÜDKURIER-Lokalredaktion und Moderator der neuen Talkreihe, bekennt, den Weg der Waldrappe interessiert mitzuverfolgen.

Ein junger Waldrapp aus dem Aufzuchtprogramm, bei dem in Überlingen 31 Vögel auf ihren Flug in die Toskana und die Auswilderung vorbereitet wurden.
Ein junger Waldrapp aus dem Aufzuchtprogramm, bei dem in Überlingen 31 Vögel auf ihren Flug in die Toskana und die Auswilderung vorbereitet wurden. | Bild: Stefan Hilser

Noch müssen die Jungvögel lernen, dass sie das Winterquartier erreicht haben und es sich nicht um einen Zwischenstopp während des Zugs in den Süden handelt. "Die drei sind annähernd 500 Kilometer über das Meer geflogen", erzählt Fritz weiter. Eigentlich können Waldrappe das aufgrund des für ihren Flug erforderlichen Aufwindes gar nicht. Gelandet sind sie auf einer zweieinhalb Kilometer breiten, vulkanischen Insel. Als Anne-Gabriela Schmalstieg, eine der zwei Ziehmütter der anfänglich 31 Waldrappen, das Eiland erreichte, um die Vögel einzufangen, waren diese schon wieder weitergezogen. Zwei der drei traf sie schließlich auf einer weiteren Insel an. "Glauben Sie mir, die Waldrappe waren noch erfreuter über das Wiedersehen", sagt der Biologe. Über Sender verfolgen die Mitarbeiter des Waldrappteams den Weg der handaufgezogenen Tiere. An diesem Abend haben die Störche und Waldrappen die Sympathien auf ihrer Seite. Doch es geht nicht nur darum, schöne Tiergeschichten zu hören.

Die beiden Wissenschaftler gewähren vor allem tiefe Einblicke in ihre jeweilige Arbeit, finden Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Anliegen, Weißstörche und Waldrappe wieder anzusiedeln, berichten vom Gegenwind bei derlei Projekten. Seit dem Jahr 1978 gibt es die Storchenstation am Affenberg. In Baden-Württemberg konnte die Anzahl der Brutpaare inzwischen von 15 auf 800 erhöht werden. Der Waldrapp ist faktisch ausgestorben. Übrig geblieben ist lediglich eine Population von 500 Tieren an der Atlantikküste von Marokko. Was der Vogelschutz den Menschen bringe, fragt SÜDKURIER-Redaktionsleiter Stefan Hilser, mit Bezug auf Kritiker, zu teuer und zu unwichtig. Primatologe Roland Hilgartner hat eine knappe wie einleuchtende Antwort parat: Ihm und anderen geht es um das ökologische Gleichgewicht auf der Welt. "Wir können die Sensibilität dafür anhand des Waldrapps, des Storches in die Gesellschaft reintragen", sagt Hilgartner. Die Massen sind begeistert von den Storchenfütterungen am Affenberg. Hilgartner hofft, dass daraus Interesse für Arten und Vorhaben an anderer Stelle entsteht – wie zum Beispiel für den Juchtenkäfer, der im Zuge von Stuttgart 21 obdachlos geworden war und umgesiedelt werden musste, nennt er ein den Zuhörern unbekanntes Beispiel. Viele schmunzeln, realisieren aber die Botschaft, die Hilgartner und Fritz beim "Gemischten Doppel" eint.

Seit Ende der 70er Jahre werden am Affenberg in Salem Störche aufgezogen. Die Anzahl der Brutpaare in Deutschland hat sich seitdem von 15 auf 800 erhöht.
Seit Ende der 70er Jahre werden am Affenberg in Salem Störche aufgezogen. Die Anzahl der Brutpaare in Deutschland hat sich seitdem von 15 auf 800 erhöht. | Bild: Stefan Hilser

"2500 Besucher sind gekommen, um die Waldrappe in Hödingen zu sehen", sagt Johannes Fritz, der darin einen Auftrag sieht, "den jede zoologische Einrichtung, wie auch der Affenberg, hat". Der Leiter des Waldrappteams, das es seit 2014 gibt, spricht von genetischer Vielfalt und gesellschaftlicher Relevanz. Störche haben nach wie vor Schwierigkeiten, genügend Futter zu finden, da die Natur zunehmend eintönig wird. "Die vielen Mais- und Rapsfelder sind alles tote Fläche. Nicht nur für den Storch. Es gibt sicher den ein oder anderen, der das nicht gerne hört", sagt Affenberg-Chef Roland Hilgartner. Vier bis fünf Kilogramm an Insekten, Würmern und Mäusen müssen Storcheneltern jeden Tag anschleppen, um mehrere Küken zu versorgen. Während der Waldrapp mit seinem gebogenen Schnabel in gewöhnlichen Grünflächen nach Würmern und Maden sucht – und diese genüsslich herunterschlingt, braucht der Storch Feuchtgebiete, um optisch jagen zu können. Der Waldrapp ist ein taktiler Jäger.

Seit beinahe 40 Jahren existiert die Storchenstation in Salem. Ob sich der Mensch überflüssig gemacht habe, will Moderator Hilser wissen. "Leider nicht. Der Bruterfolg ist vor allem hier in der Region immer noch zu niedrig", sagt Hilgartner. Einige Störche schaffen es laut Hilgartner beim Zug in den Süden maximal bis zu den Pyrenäen. Hinzu kommen Gefahren durch Stromleitungen und Jagd. Dies etwa beim Waldrapp. Hilgartner und Fritz werden deshalb dranbleiben – und wollen sich wieder zu einem Gespräch treffen.

 

Neue Talkreihe

Das Gesprächsformat "Gemischtes Doppel" wird von der SÜDKURIER-Redaktion und dem Wohnstift Augustinum Überlingen organisiert. "Das Ziel dieser Gesprächsabende – einer Talkshow im besten Sinn – soll sein: Ein bisschen mehr ins Detail zu gehen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, Projekte der Umgebung näher vorzustellen, oder auch Persönlichkeiten ein bisschen besser kennenzulernen", sagt Tobias Heemann, Direktor im Augustinum, am ersten Abend der Gesprächsreihe. Der nächste Termin ist für Montag, 22. Januar 2018, wieder im Augustinum vorgesehen. Die Gesprächspartner werden rechtzeitig bekannt gegeben. Der Eintritt ist kostenlos, um eine Spende wird gebeten. Beim Auftakt mit Roland Hilgartner und Johannes Fritz sind 728 Euro zusammengekommen. Diese kommen zu gleichen Teilen Spendenzwecken zugute, die die Wissenschaftler vorgeschlagen haben. Hilgartner schlug die Heinz-Sielmann-Stiftung mit dem Projekt "Biotopverbund Bodensee vor" und Fritz möchte einen Kollegen und dessen Familie unterstützen, die in einem Lager in Syrien leben.

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