Die zwölfjährige Maryna Kolesnik war ein "Tschernobyl-Kind". So hießen die blassen, unterernährten Mädchen und Jungen, die ab 1992 bis 2007 nach Überlingen zur Erholung kamen. Immer im Frühling oder Frühsommer für vier Wochen. Jedes Jahr waren es um die 30 Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren. Geschädigt durch die Reaktorkatastrophe 1986 im ukrainischen Tschernobyl, oft kränklich, durch das Unglück Halb- oder Vollwaise geworden. "Es war wohl eine der größten humanitären Aktionen, die die Stadt Überlingen und deren Einwohner und Menschen aus dem Umland nach dem Zweiten Weltkrieg bewältigt haben", erinnert sich der Arzt Konrad Schröder, der sich als Mitglied des Rotary-Clubs für die "Kiew-Kinder" engagierte, wie man die kleinen Gäste in späteren Jahren nannte.

Die dunkelhaarige Maryna Kolesnik war 1995 mit dabei. Vom 23. April bis zum 21. Mai erlebte sie damals am Bodensee Tage, die sie für immer veränderten. Maryna heißt heute mit Nachnamen Perschel, ist 35 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie bei Ludwigsburg. Nach Überlingen kommt sie immer wieder. Aber vor kurzem zeigte sie erstmals ihrer Mama aus Kiew, wie der Ort aussieht, der ihr Leben in neue Bahnen lenkte. Als sie auf der Seepromenade vor den Seeschulen stand, in denen die Kiew-Kinder einst untergebracht waren, holten Maryna Perschel die Erinnerungen ein.

So berichtete der SÜDKURIER am 24. April 1995: Mit einem Lied geleitete Wolfgang Schindele tags zuvor, am 23. April, die frisch angekommenen kleinen Gäste aus Kiew in ihr Quartier in den Seeschulen. Maryna Kolesnik ist das Mädchen vorne, direkt hinter Schindele.
So berichtete der SÜDKURIER am 24. April 1995: Mit einem Lied geleitete Wolfgang Schindele tags zuvor, am 23. April, die frisch angekommenen kleinen Gäste aus Kiew in ihr Quartier in den Seeschulen. Maryna Kolesnik ist das Mädchen vorne, direkt hinter Schindele.

"Heute stand ich vor der alten Schule in Überlingen", beginnt Maryna Perschel die E-Mail, die sie an den SÜDKURIER nach ihrem Besuch schrieb. "Vor der Schule, in die ich als Zwölfjährige, als Tschernobyl-Kind, zur Erholung geschickt wurde. Die Zeit meines Lebens, bis heute, lief durch meinen Kopf. Welch ein wunderbares Märchen durfte ich hier erleben. Hier wurde der Grundstein für mein künftiges Leben gelegt."

"Ich war ein Mädchen, das in Kiew lebte", beschreibt sich Maryna Perschel im Rückblick selbst. "Mein Vater war verstorben, meine Mutter musste alleine für mich und meine Geschwister aufkommen." Vom Staat sei nach der Tschernobyl-Katastrophe auch keine Hilfe gekommen. "In dieser Zeit hatten Überlinger Bürger und Herr Schindele die Idee, den betroffenen Kindern aus der Ukraine ein paar Wochen Ruhe und Erholung zu schenken – was wir damals geschenkt bekamen, war ein Märchen."

"Was für uns damals besonders war? Alles, was wir erlebt und gesehen haben." Es sprudelt aus Maryna Perschel heraus am Telefon. Ihr Deutsch ist wunderbar, das R rollt sie etwas stärker. "Ich konnte alles nicht vergessen – und überall Blumen, Blumen, Blumen, die Mainau und die sauberen Straßen." Sie habe diese neue Welt als Paradies empfunden. "Und dann überall diese lächelnden Leute, die freundlichen Menschen, auch die Alten lachen und reden." Ihre Großeltern, erklärt sie das, lebten in der Ukraine in einem ganz kleinen Dorf und müssen selbst hoch betagt schwer arbeiten für ihr Auskommen. "Das alles war für damals so unfassbar und unbegreiflich."

"Überlingen, das war für uns Kinder ein Traum, ein Wunderland." Sie sei damals fassungslos vor den vollen Regalen in den Geschäften gestanden. "Ich dachte an meine Familie, es war die Zeit nach der Perestroika: lange Schlangen vor den Geschäften und leere Regale, es fehlte an allem."

Wie die Rückkehr nach Kiew war für das zwölfjährige Mädchen, damals nach vier Wochen Bodensee? "Schmerzen, Schmerzen, nichts als Schmerzen", sagt Maryna Perschel. Eine Woche habe sie nichts gegessen. "Ich saß nur am Fenster, schaute hinaus und habe immer wieder gefragt: Mama, warum leben wir so? – Es war so schlimm." Es sei für sie unmöglich gewesen, ihrer Familie die Eindrücke aus Überlingen verständlich zu beschreiben. "Mich quälten Fragen, auf die ich keine Antworten fand: Warum leben in Deutschland so glückliche Menschen, warum haben diese Menschen, die geografisch nicht so weit entfernt leben, diesen unterschiedlichen Lebensstandard? – Diese Frage geht mir auch heute noch, nach 20 Jahren, nicht aus dem Kopf."

In all dieser Verwirrung, im Schmerz, reifte in der Zwölfjährigen der Entschluss: "Wenn ich groß bin, fahre ich nach Deutschland."

Mit Blick zurück auf diesen Heimkehrschock, war es da aus Maryna Perschels Sicht richtig, die Kinder herzuholen, anstatt ihnen Hilfe in ihre gewohnte Umgebung zu schicken? "Aber natürlich war das richtig, auch wenn Schmerzen damit verbunden sind – Schmerzen gehören zum Leben, auch wenn man ein Kind bekommt, sind das Schmerzen!" Sie und die anderen Kiew-Kinder hätten doch ohne Überlingen nie erfahren, "was für schöne Länder es auf der Welt gibt – wie schön die Welt ist".

Erst als junge Frau konnte sie ihren Entschluss umsetzen: Mit 24, Ende 2006, kam Maryna Kolesnik für ein Jahr als Au-Pair in den Stuttgarter Raum. Danach besuchte sie für ein weiteres Jahr eine Sprachschule, um Deutsch zu lernen. In dieser Zeit habe sie ihren Mann Erwin kennen und lieben gelernt. "Wir führen eine glückliche Ehe und haben zwei Söhne."

"Seit zehn Jahren lebe ich im Land meiner Kindheitsträume", sagt Maryna Perschel und ist froh, dass sie sich endlich, nach dem Überlingen-Besuch mit ihrer Mutter, ein Herz gefasst hat, Danke zu sagen. "Ich hätte das schon früher machen sollen." Sie schreibt in ihre Mail: "Denen, die für das Projekt "Kinder von Tschernobyl" gespendet oder bei der Betreuung mitgewirkt haben, möchte ich auf diesem Wege ein großes Danke sagen. Im Besonderen möchte ich mich bei Herrn Schindele bedanken und bei meiner Mutter, die damals alle Vorbereitung für meine Reise nach Überlingen getroffen hat." Und dann hat die erwachsene Maryna Perschel, die einmal das zwölfjährige Tschernobyl-Kind Maryna Kolesnik war, noch eine Botschaft, die ihr wichtig ist: "Ich empfinde Deutschland als sehr stark. Die Menschen als ehrlich, fleißig und hilfsbereit. Was sicherlich auf christlichen Prinzipien beruht. Ich freue mich, hier leben zu dürfen. Dafür bin ich Gott dankbar."

Auch der SÜDKURIER engagierte sich, hier mit einem Grillfest im Museumsgarten im Jahr 2006. Bild: Martin Baur
Auch der SÜDKURIER engagierte sich, hier mit einem Grillfest im Museumsgarten im Jahr 2006. Bild: Martin Baur

Die "Tschernobyl-Kinder" – oder: "Ein Stück Lebensfreude tanken"

Es war eine Aktion, die 16 Jahre lang in und um Überlingen Herzen und Türen öffnete. Wie genau sie zustande kam, dazu gibt es mehrere Versionen. Sicher ist, dass der damalige Bürgermeister Reinhard Ebersbach 1992 "ohne zu zögern die Aktion in die Hand nahm", wie sich der Arzt Konrad Schröder erinnert, der sich mit dem Rotary-Club engagierte. Zusammen mit städtischen Mitarbeitern, allen voran Peter Männer sowie Fritz Sprissler, organisierte Ebersbach die Aufenthalte. Im ersten Jahr kamen zwei Gruppen von 40 und 20 Kindern, später waren es immer um die 30. Die Seeschule wurde zum Kinderheim, das Geschirr kam von der Feuerwehr, die Bundeswehr in Pfullendorf lieferte Bettwäsche, die Stadt Betten und Matratzen. Gekocht hat die Krankenhausküche.

Viele Überlinger Frauen halfen mit. Sie kamen aus dem katholischen Frauenbund und aus dem Kreis der CDU-Frauen. Zehn Jahre lang hatten Elisabeth Schmied, Anneliese Weber, Marlis Schwarz und Elvira Schnering die Federführung, dann ging das Management in die jüngeren Hände von Christa Ritzhaupt und Lilo Buser von den "Alten Wiebern" über. Wie Schröder erinnert, kümmerten sich permanent rund 40 Personen um die Kinder, die an den Wochenenden in Gastfamilien lebten. Neben Rotary und anderen Service-Clubs engagierten sich Vereine, Privatleute, Geschäfte und Firmen. Die Gruppe von Maryna Kolesnik beispielsweise machte Ausflüge zum Affenberg, ins Reptilienhaus, sie besuchte die Feuerwehr, segelte mit der "Wappen von Danzig" oder wurden von einem Wohltäter zum Minigolf eingeladen. Einfach, um "ein Stück Lebensfreude zu tanken", wie der SÜDKURIER einst titelte.

Eine weitere Gelegenheit zum Erinnern an die Aktion Tschernobyl-Kinder gibt es Ende des Monats: Eine Gruppe ehemaliger Kiew-Kinder mit einigen Begleiterinnen von damals wird die Stadt besuchen und am 30. April gibt es einen Empfang bei der Stadt.