Eine weitere Generation Waldrappe wird ab dieser Woche im Überlinger Teilort Hödingen aufgezogen. Das österreichische Waldrappteam rund um Leiter Johannes Fritz sowie die beiden Ziehmütter Corinna Esterer und Anne-Gabriela Schmalstieg kehrt am 24. Mai offiziell zurück. Ganz wichtig: Die öffentlichen Besucherführungen im Trainingscamp sind erst ab 8. Juni möglich, wie Biologe Fritz mitteilt (siehe Kasten). Die Wissenschaftler rechnen wieder mit sehr großem Interesse seitens der Bevölkerung. "Die lokale Vorfreude ist groß, die Hödinger haben sich auch schon sehr beim Aufbau des Camps engagiert. Alles ist soweit vorbereitet", sagt Johannes Fritz. Die nötigen Genehmigungen seitens der Behörden in Tübingen und Überlingen lägen ebenfalls vor. Für Martin Keßler, Ortsvorsteher von Hödingen, ist die Vorfreude der Überlinger "logisch", wie er sagt: "Wir können ein Artenschutzprojekt vor der Haustüre live miterleben." Nicht nur irgendwo in der Ferne.

Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg mit dem kleinen Waldrapp Fridolin.
Ziehmutter Anne-Gabriela Schmalstieg mit dem kleinen Waldrapp Fridolin. | Bild: Waldrappteam

Das Trainingscamp befindet sich wie schon im vergangenen Jahr in der Nähe des Hödinger Sportheims. Dort absolvieren die Waldrappe erste Flugübungen und werden an die Fluggeräte gewöhnt, die das Waldrappteam bei der weiten Reise über die Alpen nutzt. Die Grundlage bildet eine Infrastruktur aus Wohnwagen für die Ziehmütter sowie Nachthaus und Voliere für die Waldrappe. Außerdem wurden Leitungen für Strom und Wasser ins Camp verlegt. Der Verein zur Erhaltung der Kulturlandschaft Hödingen, Vorsitzender ist Martin Keßler, hat schon am Samstag vor einer Woche unter anderem den Wohnwagen installiert. "Wenn das Team mit den Waldrappen kommt, soll alles fertig sein", sagt Ortsvorsteher Keßler. 33 Küken wurden für die Handaufzucht 2018 ausgewählt und einem Check beim Veterinär unterzogen. 30 Küken stammen aus der Brutkolonie des Tierparks Rosegg in Kärnten, weitere drei Küken aus der Brutkolonie der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau in Oberösterreich, wie Johannes Fritz berichtet. Dabei handelt es sich dem Biologen zufolge um Haltungen, in denen die Population vital ist.

<strong>Schnell gewachsen:</strong> Die Waldrappe, die derzeit in den Süden fliegen, waren im Mai noch kleine Küken.
Schnell gewachsen: Die Waldrappe, die derzeit in den Süden fliegen, waren im Mai noch kleine Küken. | Bild: Waldrappteam, LIFE Northern Bald Ibis

Die Küken durften bei der Entnahme aus den Nestern nicht älter als zehn Tage sein. "Denn allmählich werden sie auf ihre biologischen Eltern geprägt", sagt Fritz. Das muss bei einer Handaufzucht verhindert werden. Corinna Esterer und Anne-Gabriela Schmalstieg haben die Aufgaben der Eltern übernommen. Für die Ziehmütter ist es die fünfte Aufzucht in Folge. Sie kommen damit in Summe auf eine Zahl von 130 Waldrapp-Küken, die in ihrer Obhut aufwuchsen. Mit 33 Küken ist es die bislang größte Gruppe von handaufgezogenen Waldrappen im Rahmen des laufenden Wiederansiedlungsprojektes. Derzeit sind die beiden Frauen mit den Küken im Tiergarten Schönbrunn. Laut Waldrappteam schlüpfen die Küken mit knapp 20 Gramm. "Nach 25 Tagen wiegen sie bereits rund 1200 Gramm und damit in etwa so viel wie ein erwachsener Waldrapp. Das ist das 60-fache des Schlupfgewichts in nur 25 Tagen", erklärt Johannes Fritz. In dieser Zeit sei der Stoffwechsel derart beansprucht, dass schon kleine Fehler oder Nachlässigkeiten bei der Fütterung und Haltung zu dauerhaften physischen und kognitiven Schäden führen könnten. "Die umfassende Erfahrung der beiden Aufzuchtprofis ist daher essenziell für die optimale Entwicklung der jungen Waldrappe", sagt Fritz. Nach der Übernahme der Küken ist der Kontakt für einige Wochen strikt auf die Ziehmütter beschränkt. Durch regelmäßige Interaktionen mit jedem einzelnen Jungvogel kommen andauernde soziale Bindungen zustande. Die Waldrappe erkennen ihre Ziehmütter auch nach Jahren immer noch wieder.

Wiederansiedlungsprojekt

  • Der Waldrapp könnte bis Mitte des 17. Jahrhunderts in Überlingen heimisch gewesen sein. Entsprechende Aufzeichnungen hatte Projektleiter Johannes Fritz bei seinen Recherchen entdeckt und die Region deshalb als einen Standort für das Wiederansiedlungsprojekt ausgewählt. 31 Waldrapp-Küken wurden 2017 in Hödingen aufgezogen und beim Zug über die Alpen begleitet. Im Winterquartier in der Toskana leben noch 19 der Überlinger Jungvögel. Die Waldrappe des Jahrganges 2017 sollen spätestens 2020 nach Überlingen zurückkehren und im Molassefels über dem Landesgartenschaugelände brüten. Weitere Standorte sind die Brutgebiete Burghausen in Bayern und Kuchl in Salzburg. Ziel ist es, eine "selbstständig lebende, migrierende Population in Europa zu haben", sagt Biologe Fritz. Simulationen hätten gezeigt, dass die Population zunehmend das Potenzial habe, aus sich heraus zu wachsen. In Bayern und Salzburg gibt es bereits wild brütende Waldrappe.
  • Besucherführungen in Hödingen sind ab dem 8. Juni täglich ohne Anmeldung zu folgenden Zeiten möglich: 11, 15 und 17 Uhr. Wenn ein Flugtraining stattfindet, dies betrifft insbesondere wochentags den 11-Uhr-Termin, kann dieses nur von außerhalb des Camps beobachtet werden. Weitere Auskünfte ab Anfang Juni unter der Nummer 00 43/66 04 53 19 45.