Wer in den 60er Jahren durch die Münsterstraße schlenderte, dürfte auf den ersten Blick vieles ähnlich wahrgenommen haben wie der Fußgänger heute – die historischen Häuser sind schließlich weitgehend noch dieselben. Und doch gibt es große Unterschiede. Der Einzelhandel prägte die damals noch motorisierte Straße entscheidend. In einem weiteren Beitrag dieser Reihe wird beispielsweise an gleich mehrere hier früher ansässige Spielzeugläden erinnert. Während sich heute Immobilienbüros und Filialgeschäfte ausbreiten, schließen gleichzeitig Traditionsläden wie Schreibwaren-Feyel und Zigarren-Weber.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Überlingen einige Straßen umbenannt. Die Adresse des Geschäfts änderte sich dadurch: Die Heldenstraße wurde zur Münsterstraße, auch die Hausnummern wechselten. Seit 1867 befindet sich das Geschäft an dieser Stelle.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Überlingen einige Straßen umbenannt. Die Adresse des Geschäfts änderte sich dadurch: Die Heldenstraße wurde zur Münsterstraße, auch die Hausnummern wechselten. Seit 1867 befindet sich das Geschäft an dieser Stelle. | Bild: Lauterwasser

Es gibt dagegen auch Beispiele von hartnäckiger Kontinuität. Eines davon ist sicherlich Foto-Lauterwasser. Bereits seit 1867 befindet sich das Fotogeschäft in der Münsterstraße 41. Das Haus ist im Besitz der Familie, die hier auch generationsübergreifend wohnt. Auch innerhalb dieses Geschäfts war in den 60er Jahren vordergründig vieles ähnlich wie heute. Den Schwerpunkt der Arbeit bildete die Auftragsfotografie. So waren die Lauterwassers beispielsweise im Bereich Portraitfotografie oder bei der Begleitung von Hochzeiten und anderen Familienfesten gefragt. Einen wichtigen Eckpfeiler hierfür bildete das Fotostudio. Mit fest installierten Strahlern und Scheinwerfern wurde hier über Jahrzehnte belichtet, bevor diese in den 80er Jahren durch Blitzanlagen abgelöst wurden.

Alexander Lauterwasser senior.
Alexander Lauterwasser senior. | Bild: Fotostudio Lauterwasser

Aber nicht nur das Studio befand sich damals wie heute im selben Gebäude wie das Fotofachgeschäft, hier waren auch vier Dunkelkammern für die Entwicklung der natürlich noch analogen Filme untergebracht. Die 60er Jahre bedeuteten einen langsamen Umbruch für die Fotobranche. Statt einen Fotografen zu speziellen Anlässen zu beauftragen wurde zunehmend selber fotografiert; es wurde begonnen, den Alltag des eigenen Lebens fotografisch festzuhalten. Die zu entwickelnden Filme brachte man ins Fotofachgeschäft. Deren Betreiber waren nun weniger als Fotografen gefragt, sondern wurden in Teilen zu Dienstleistern der Amateurfotografen.

Alexander Lauterwasser junior.
Alexander Lauterwasser junior. | Bild: Fotostudio Lauterwasser

Das veränderte auch die Optik des Ladengeschäfts. War die Ausstattung zu Zeiten des Schwerpunkts der Portraitfotografie naturgemäß etwas spärlicher, quoll in den folgenden Jahrzehnten das Sortiment geradezu über: Die Wände waren mit Regalen voller Kompaktkameras übersät, dazu stapelten sich Bilderrahmen und der Durchgang des Geschäfts wurde von großen Tonnen versperrt, in denen sich Filmrollen solcher Anbieter wie Agfa oder Kodak häuften. Nach spätestens 36 Bildern war Schluss mit dem Rollenfilm und man pilgerte in den Fotoladen, um die dort abgegebene Filmrolle nach einigen Tagen entwickelt wieder abzuholen. Lauterwasser richtete für besonders Ungeduldige sogar einen Stundenservice ein.

Siegfried Lauterwasser.
Siegfried Lauterwasser. | Bild: Fotostudio Lauterwasser

All das beendete die Digitalisierung. Dieser neuerliche Umbruch bedeutete die größte Herausforderung für die Fotobranche. Auch das Geschäft der Lauterwassers musste den Wandel erkennen und sich anpassen. Besonders im Bereich der professionellen Portraitfotografie meinte man lange, dass die Analogfotografie sich als Standard würde halten können. Katharina Lauterwasser-Stielow berichtet in diesem Zusammenhang, dass sie noch im Jahre 2000 eine äußerst teure 6x6-Analog-Kamera gekauft hatte, die sich allerdings schon kurze Zeit später als veraltet herausstellte. Dem immer schnelleren Wandel fiel zuerst die analoge Filmentwicklung und wenig später der Handel mit Fotoapparaten zum Opfer.

Eines der bekanntesten Fotos aus dem Archiv Lauterwasser, ein Porträt von Herbert von Karajan.
Eines der bekanntesten Fotos aus dem Archiv Lauterwasser, ein Porträt von Herbert von Karajan. | Bild: Siegfried Lauterwasser/Fotostudio Lauterwasser

Die Modelle wechselten in immer kürzeren Abständen, sodass es fast unmöglich wurde, das Sortiment aktuell zu halten. Zudem konnte die Konkurrenz durch Mengenrabatte günstigere Konditionen aushandeln und generierte Endpreise und Lockartikel, mit denen ein kleinerer Familienbetrieb nicht mehr konkurrieren konnte. „Fotografie ist heute zu großen Teilen Dokumentation des Alltags“, erklärt Katharina Lauterwasser-Stielow. „Die Qualität der Fotos wird bei vielen zur Nebensache. Früher war jedes Bild teuer und entsprechend wertvoll. Die Abzüge waren das Wichtigste, für die Negative der Fotos hat sich dagegen kaum jemand interessiert. Heute ist es umgekehrt. Von den meisten Fotos werden keine Abzüge mehr gemacht, wichtig sind vor allem die Dateien.“

Flächen werden heute effektiver für Auslagen und Werbung genutzt. Das Geschäft, wie es sich in der jetzigen Fußgängerzone darstellt.
Flächen werden heute effektiver für Auslagen und Werbung genutzt. Das Geschäft, wie es sich in der jetzigen Fußgängerzone darstellt. | Bild: Christopher Rieck

Die Optik des Geschäfts veränderte sich erneut. Die Lauterwassers stellten mit der Portraitfotografie ihre Kernkompetenz wieder stärker in den Vordergrund. Überfrachtete Auslagen und Platznot waren früher. Heute setzt man auf Kunden, die Wert auf anspruchsvolle Portraitfotografie legen. Außerdem wird auch nach 151 Jahren nach wie vor das Stadtgeschehen dokumentiert. „Es bleibt aber die Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden“, so Katharina Lauterwasser-Stielow. „In wenigen Wochen wird es hier wieder anders aussehen, das Geschäft heißt dann: Lauterwasser, Fotografie und Schönes aus Papier.“ Teile des Sortiments des geschlossenen Schreibwaren-Feyel werden dann in ähnlicher Form von Lauterwasser angeboten. Manchmal birgt der Wandel eben auch ein Stück Kontinuität.

Katharina Lauterwasser-Stielow.
Katharina Lauterwasser-Stielow. | Bild: Fotostudio Lauterwasser

Lauterwasser von 1867 bis heute

  • 1867: Alexander Lauterwasser eröffnete das erste Fotoatelier in Überlingen, 28 Jahre nach der Erfindung der Fotografie in Paris und England. Neben zahlreichen Portraits und Familienfotos hielt er vor allem zeitgeschichtliche Ereignisse, Brauchtum und viele Landschafts- und Stadtansichten rund um Überlingen in seinen Bildern fest. Sein Sohn – Alexander jun. (1878-1933) – trat in die Fußstapfen seines Vaters und setzte die Tradition fort.
  • 1933: Nach dem Tod von Alexander jun. Lauterwasser übernahm sein Sohn Siegfried Lauterwasser das Geschäft. Dieser wurde vor allem durch seine Bühnenfotografie der Bayreuther Festspiele und Salzburger Osterfestspiele, wie auch durch Portraits von Herbert von Karajan und anderen bekannt. Auch er führte die fotografische Chronik der Überlinger Stadtgeschichte weiter.
  • Im Jahr 1990 übernahm dessen Tochter Katharina Lauterwasser-Stielow das Fotogeschäft und Portraitstudio, das sie seit 2001 gemeinsam mit ihrer Tochter Anna Lauterwasser gemeinsam führt.